Montag, 21. April 2014



Hans Krump 19.04.2010 12:43 Uhr - Aktualisiert 19.04.2010 14:11 Uhr

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Ökologie statt Industrie

Meinhard Miegel: „Exit (moz) Bisher hat sich Meinhard Miegel, Ex-Hauptabteilungleiter unter CDU-Generalsekretär Biedenkopf und langjähriger Chef des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, einen Ruf als Kritiker des deutschen Sozialstaats und neoliberaler Vordenker erworben. Im Werk „Exit. Wohlstand ohne Wachstum“ erlebt der Leser einen ganz anderen Miegel: einen Autor, der vehement für ökologische Nachhaltigkeit angesichts der schwindenden Ressourcen der unter Überbevölkerung und Wachstumsfetischismus ächzenden Erde wirbt.

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Ein wirtschaftnaher Schwarzer oder Gelber, der als 70-Jähriger am Schluss seines Arbeitslebens zum ideologiefreien Grünen wird und mehr an seine Kinder und Enkel denkt als an seine Generation. Mit seiner Fundamentalkritik am „Wachstum als Ideologie“ versucht sich Miegel erneut am Bohren dicker Bretter. So wie er den Deutschen früher beibrachte, dass in unserer alternden Gesellschaft mit minimalen Wachstumsraten in einer sich ändernden Arbeitswelt der Bismarck’sche Sozialstaat ein Auslaufmodell wird. „Wachstum wird heute aus Prinzip verfolgt, nämlich, dass drei nicht nur mehr ist als zwei, sondern auch besser“, kritisiert Miegel.

Auch deshalb wurden nach der Finanzkrise weltweit Milliardenpakete zur Bankenrettung und Konsumsteigerung geschnürt, um den Wachstumsmotor wieder zum Laufen zu bringen. Aber das sei unverantwortlich, meint Miegel. Und er verweist auf Wasserknappheit, verpestete Luft und verdreckte Meere, ausgehende fossile Energieträger, Erderwärmung und Artensterben. Und das alles, weil heute sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten alles für sich haben wollen, 2050 wollen laut UNO neun Milliarden Erdenbürger ernährt werden.

Den frühindustrialisierten Staaten, die das Gros der Erd-Ressourcen verbrauchen, rät Meinhard Miegel, nach 200 Jahren Wachstumsgläubigkeit dringend umzudenken. Weiteres Wachstum zugunsten materiellen Wohlstands sei nicht länger möglich, soll der Planet nicht vollends „geplündert werden“, wie der Ur-Grüne Herbert Gruhl einst sagte. Zumal in den Schwellenländern mit stark wachsender Bevölkerung ein riesiger Nachholbedarf ansteht.

Miegel fordert, „ein neues Gleichgewicht herzustellen zwischen der Zahl der Menschen und ihren materiellen Ansprüchen und den Kapazitäten der Erde und den menschlichen Fähigkeiten“. Für die Völker der frühindustrialisierten Staaten wie Deutschland bedeute dies, „dass ihr materieller Lebensstandard vorerst nicht mehr steigen, sondern eher sinken wird“, schreibt der Autor schonungslos, was Politiker nie zugeben würden.

Was bleibt den Menschen in den westlichen Wohlstandsstaaten noch, wenn sie dem „ewigen Wachstum“ abschwören sollen? Mehr Freude auf Immaterielles wie Bildung, Familie, Buchlesen, mehr Gemeinsinn, mehr Natur, mehr Kunst und vor allem weniger Stress, fordert Miegel. Entschleunigung der hektischen Alltagswelt ist die Parole. Das mag ein guter Rat sein, auch wenn dies in unserer modernen Welt ein wenig nach Kommunenleben der 70er-Jahre riecht.

Unklar ist, wie der Autor mit seinen Thesen Gewerkschaften wie Arbeitgeber mit ins Boot holen will, die sich ja beiderseits vom Wachstum mehr soziale Sicherheit für die Arbeitnehmer bzw. Gewinnsteigerung erhoffen. Es sieht nach einer gewaltigen Erziehungsarbeit im 21. Jahrhundert aus, will man die Menschen zu mehr Bildungsbeflissenheit bei gleichzeitigem materiellen Verzicht umpolen. Miegels Ideen sind logisch und nachvollziehbar, jetzt müssen nur noch die Bürger und Staaten überzeugt werden.

Wohlstand ohne Wachstum“, Propyläen, Berlin 2010, 304 S.,
22,95 Euro

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