to_top_picture
Anmelden
Anmelden

Sonntag, 28. Mai 2017
ABO-ButtonePaper-ButtonKONTAKT-Button


Sie haben 8 von 10 Gratis-Artikeln gelesen.
x
Registrieren Sie sich jetzt und lesen Sie im Monat bis zu 20 Artikel kostenlos.
Jetzt kostenlos registrieren
Bereits registriert? Bitte anmelden

Janet Neiser 03.05.2010 08:00 Uhr
Red. Eisenhüttenstadt, eisenhuettenstadt-red@moz.de

artikel-ansicht/dg/0/

Das letzte Foto im Zug der Erinnerung

Eisenhüttenstadt (moz) Etwa 1200 Menschen haben sich im „Zug der Erinnerung“ auf eine Reise in ein dunkles Kapitel der deutschen Vergangenheit begeben. Die rollende Gedenkstätte, in der Biografien von Kindern und Jugendlichen gezeigt werden, die mit der Reichsbahn in Konzentrationslager der Nationalsozialisten verschleppt wurden, hatte Freitag und Sonnabend auf dem abgelegenen Gleis 3 am Bahnhof Eisenhüttenstadt Halt gemacht. Der Konflikt zwischen Stadt und dem Verein „Zug der Erinnerung“ wurde nicht mehr thematisiert. Die Polizei fuhr regelmäßig Streife am Bahnhof. Zwischenfälle gab es nicht.

artikel-ansicht/dg/0/1/139161/
 



© MOZ/Gerrit Freitag

Sonnabend kurz nach 19 Uhr: Die Dampflok pustet schon schwarze Rußwolken in die Luft. In wenigen Minuten wird der „Zug der Erinnerung“ seine Gedenktour fortsetzen – erst nach Polen, dann nach Frankfurt (Oder). Caroline Reschke und Carolin Feist (beide 18 Jahre alt) gehören zu den letzten Besuchern in Eisenhüttenstadt und sind auf der Suche nach einem der Organisatoren. Die beiden Schülerinnen der Gesamtschule 3 wollen gern noch etwas für das Zug-Projekt spenden. Zehn Euro zweigen sie von ihrem Taschengeld ab. „Das ist eine ganz tolle Sache, dass diese Ausstellung hier war, sehr beeindruckend“, sagt Caroline. Zwar habe man das Thema Deportationen in NS-Konzentrationslager auch im Unterricht behandelt. „Aber wenn man die Bilder der Kinder sieht, ist das noch mal was anderes“, findet Carolin.

Da ist beispielsweise „Das letzte Foto“ der kleinen Graciella Samuel, die zu mehr als 58 000 ermordeten Juden aus Griechenland gehört. Auch mit dem Schicksal der jungen Selma, deren Wunsch „Ich möchte leben“ nicht in Erfüllung geht, und mit der neunjährigen Inge, deren Leben in Auschwitz endet, werden die Besucher konfrontiert. Graciella, Selma, Inge und all die anderen Jungen und Mädchen, von denen nur Fotos geblieben sind, stehen für über eine Million Kinder und Jugendliche, die mit der Reichsbahn in NS-Vernichtungslager verschleppt wurden. Die meisten starben dort. Hier und da haben Besucher im Zug, der bereits in etwa 70 deutschen Städten Halt gemacht hat, Rosen niedergelegt, die mittlerweile vertrocknet sind. Es herrscht eine bedrückende Stimmung, die durch die Enge der Zugwaggons noch verstärkt wird.

Ins Gästebuch der Ausstellung, in der auch Namen jüdischer Opfer aus Fürstenberg/Oder und Fotos der Täter auftauchen, hat Günter aus Eisenhüttenstadt geschrieben: „Leider habe ich schlimme Erinnerungen zurückbekommen … Nie darf sich so etwas wiederholen.“ Auch Bernhard Hoffmann spricht von „bösen Erfahrungen in der Vergangenheit“. Durch den Zweiten Weltkrieg habe er seine Jugend verloren, erzählt der 88-Jährige. Es habe ihn sehr erleichtert, dass der Zug nach Eisenhüttenstadt gekommen ist – trotz all der Querelen im Vorfeld.

Davon, dass der Verein „Zug der Erinnerung“ der Stadt wegen eines ersten gescheiterten Stopps Desinteresse vorgeworfen und von einer „Domäne rechtsradikaler Aktivisten“ gesprochen hatte, was Verwaltung und Stadtverordnete scharf kritisierten, war keine Rede mehr. Man habe miteinander gesprochen und wolle einen Strich darunter ziehen, sagte Bürgermeisterin Dagmar Püschel. Sie bedankte sich bei den Organisatoren und allen Unterstützern der Ausstellung. Zu denen gehörte vor allem die EKO-Bildungsstiftung. Auch seitens des Vereins gab es versöhnliche Töne und ein Dankeschön an die Deutsche Bahn, die das Gleis 3 in Ordnung gebracht und Teile des alten Güterbahnhof-Hauses für die Ausstellung neu gestrichen hatte. Auf diesen Gleisen fuhren dem Verein zufolge bereits zwischen 1939 und 1945 Züge entlang – mit 80 000 Kriegsgefangenen, die in das von der Wehrmacht errichtete Stammlager (Stalag) III B gebracht wurden. Auch etwa 150 jüdische Frauen seien dort durchgeschleust worden. Ihr Leben endete im KZ Sachsenhausen.

Hans-Rüdiger Minow, Vorstandssprecher vom „Zug der Erinnerung“, zeigte sich sehr zufrieden mit dem Stopp in Eisenhüttenstadt. „Wir hatten vor allem durch die Schulklassen 800 Besucher am ersten Tag und etwa 400 am zweiten. 1200 Menschen für eine Stadt – das ist sehr gut.“ Einer der 1200 war Robert Meinel (19). „Jeder sollte sich mit der Geschichte im Zug der Erinnerung beschäftigen“, sagt er. „Das geht einem schon nahe – all die Bilder von Kindern und Familien, die auf einmal nicht mehr da waren.“

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

Artikel kommentieren   Lesezeichen setzen   Nachricht an die Redaktion   Druckversion

Regionalnavigator

Landkreiskarte Brandenburg Ostprignitz-Ruppin Potsdam-Mittelmark Brandenburg/Havel
MOZ

Ort, PLZ oder Redaktion