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Wenn Metall lebendig wird

JNEISERN / 25.03.2008, 08:00 Uhr
Eisenhüttenstadt () Wie wunderschön und überraschend lebendig Metall wirken kann, beweist eine kleine Ausstellung in der Lindenallee. Dort haben zwei junge Künstler mit Schweißgerät und Kreissäge ihre Handschrift hinterlassen. Einer von ihnen ist in der Stahlstadt geboren.

Die Säge kreischt, die Funken fliegen. Es riecht nach Schweißnähten und Maschinenöl. Michael Krenz und Thomas Otto lieben diese Atmosphäre, und sie lieben Metall. Von all dem gibt es bei ArcelorMittal Eisenhüttenstadt mehr als genug. Kein Wunder also, dass die zwei die Werkstatt des Berufsbildungszentrums (BBZ) auf dem Werksgelände als Paradies empfinden. "Optimale Bedingungen", schwärmen beide. Doch diese optimalen Bedingungen hätten die Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle (Saale) ohne das von Werk und Stadt zum zweiten Mal vergebene Kunststipendium kaum kennengelernt.

"Ich hab´ davon durch den Vorjahresstipendiaten erfahren", erzählt Michael Krenz. "Als ich Eisenhüttenstadt hörte, bin ich hellhörig geworden und dachte: Das muss ich auch versuchen." Schließlich wurde er 1974 in der Stahlstadt geboren. "20 Jahre hab´ ich hier gelebt, da hängt man dann schon dran." Nach dem Abitur kam der Zivildienst, auf Usedom folgte eine Lehre als Kunstschmied. Und das Studium zog ihn nach Halle, wo er mittlerweile eine eigene kleine Familie hat. Für mehr als zwei, drei Stippvisiten im Jahr blieb jedenfalls nie Zeit, um Eltern und Freunde in Eisenhüttenstadt zu besuchen, erzählt der zweifache Papa. "Da war es spannend, jetzt mal wieder länger hier zu sein."

Zwei Monate lang teilten er und Thomas Otto sich eine Wohnung in der Lindenallee. "Aber da haben wir nur geschlafen", betont Michael Krenz. Ihr Wohnzimmer war die Werkstatt des BBZ. Jeden Morgen sind sie in ihre Blaumänner geschlüpft, haben sich Schutzbrille und Schutzhandschuhe übergestülpt und Metall zum Leben erweckt. Das Ergebnis? Ist seit Ende der vergangenen Woche in der Lindenallee zu sehen, in einem bis dato leer stehenden Geschäft, das zur Galerie umfunktioniert und von der Gebäudewirtschaft kostenlos zur Verfügung gestellt wurde - vorübergehend.

Statt gähnender Leere begrüßt einen dort nun ein echtes Schwergewicht - ein Boxer, der kraftvoll eine rechte Gerade schlägt. Während Thomas Otto hier die Kantigkeit des Werkstoffs zur Schau stellt, zerfließt das Metall an anderer Stelle geradezu. Von wegen kalt, hart und gefährlich. Weiche, warme Formen, die eher an Holz erinnern, hat der Potsdamer hier mit seinen Händen gezaubert. Ästhetik pur. "Metall hat so viele Seiten und bietet mehr Möglichkeiten, als man denkt. Das reizt mich auch so daran", sagt der 38-Jährige. Und genau das reizt auch die Augen des Betrachters, der sich oft fragt: Ist das wirklich Blech? Ist das Stahl?

Michael Krenz hingegen liebt das typisch Metallische. Er scheut sich nicht davor, ein räumliches Rätsel mit nüchtern beschichteten Blechen zu kreieren oder rostige "Schlechtwettergebiete" zu präsentieren. Mit Säure hat er diesen rotbraunen Erosionseffekt hervorgerufen, der "Schauer" und "Gewitter" authentisch wirken lässt und beweist, dass sogar Rost durchaus Charme haben kann. "Das Interessante für mich ist es, handwerkliches Geschick mit einer künstlerischen Idee zu verbinden", sagt der 33-Jährige, der für seine Diplomarbeit mit dem Kunstpreis der Stiftung der Stadt- und Saalkreissparkasse Halle ausgezeichnet worden ist und jetzt einen Aufbaustudiengang an der Burg Giebichenstein belegt hat. "Mag sein, dass ich an den ,Schlechtwettergebieten' weiterarbeite", erklärt er. "Dafür wäre ich gern noch ein bisschen länger in Hütte geblieben, so wie Thomas jetzt. Aber ich muss zurück, ich hab´ eine Familie, und Geld verdienen muss ich auch." Und weil das mit Kunst allein schwer ist, arbeitet Michael Krenz auch beim Film - in der Requisite. Seine Kunstwerke aber bleiben neben denen von Thomas Otto noch ein Weilchen in der Ausstellung "Doppelschicht" in der Lindenallee. Und wer weiß, vielleicht schmücken sie bald schon ein Büro der ArcelorMittal-Geschäftsführung. Denn wo würde Metallkunst besser passen als dort?

"Doppelschicht", bis Mitte April, Lindenallee 3. Wer nicht nur durchs Schaufenster schauen möchte, wendet sich an die gegenüberliegende Tourismusinformation, Tel. 03364 413690

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