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Heidrun Hegewald stellt bis Februar in der Galerie des Städtischen Museums Eisenhüttenstadt aus

Der Aufschrei der Seele

Stoff für Diskussionen: Die Bilder von Heidrun Hegewald bewegten am Sonnabend bei der Eröffnung der Ausstellung die Gemüter der Besucher.
Stoff für Diskussionen: Die Bilder von Heidrun Hegewald bewegten am Sonnabend bei der Eröffnung der Ausstellung die Gemüter der Besucher. © Foto: MOZ/Gerrit Freitag
Janet Neiser / 19.12.2011, 07:00 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Leid, Schmerz, Hunger, Gewalt und Tod - sämtliche Facetten der düsteren Seite der Menschen und des Lebens können Besucher jetzt in der Galerie des Städtischen Museums Eisenhüttenstadt sehen. Herausfordernd und teilweise an der Grenze des Erträglichen für die eigene Psyche sind die dort gezeigten Bilder der Malerin, Grafikerin und Schriftstellerin Heidrun Hegewald. Vor allem auch, weil sich Augen und Gehirn nirgends erholen, sie sind stetig gefordert und gefangen im Reich der Dunkelheit und finden erst in einer Nachbetrachtung wieder Licht. Leichte Kost ist das nicht, soll es auch nicht sein.

Lachen wird beim Rundgang jedenfalls niemand, auch flapsige Bemerkungen sind Fehlanzeige. Dazu ist das, was Heidrun Hegewald thematisiert, zu ernst, zu beeindruckend, zu schockierend - Brustkrebs in "Enthormonisiert", Krieg in "Kassandra sieht ein Schlangenei" oder Tod in "Die Besichtigung". Sie widmet sich historischen Krisen und gesellschaftlichem Werteverlust. Da verwundert es nicht, dass fast alle Bilder - die Malerin spricht von ihrer "Bilderkindern" - entweder schwarz-weiß oder in dunklen Farbtönen gemalt oder gezeichnet wurden.

Teilweise grausame Szenen wie in "Biographischer Befund", wo ein alienartiges Lebewesen mit menschlicher Fratze in den offenen Brustkorb einer Frau grapscht, oder frei gelegte Wirbelsäulen stoßen in einer ersten Reaktion ab, ziehen die Augen aber zugleich auch an. Was man da sieht, bohrt sich wie ein Pfeil in die eigene Seele. Und auf einmal ist der Schmerz nicht mehr nur mit den Augen zu sehen, sondern auch zu spüren.

"Die Künstlerin spricht mir aus der Seele", sagt Anika Wagner, die immer wieder fasziniert vor den Werken stehenbleibt. "Das ist eine kritische Betrachtung der Welt." Und ihre Bekannte Victoria Janovsky findet, dass heutzutage eh alles viel zu bunt dargestellt wird. Das Leben sei aber nicht nur lustig. "Das, was man hier sieht, ist echte Kunst. Das zeugt von Können."

Kein Zweifel. Heidrun Hegewald, die am Wochenende ankündigte, dass sie ihren künstlerischen Nachlass später der Burg Beeskow überlassen möchte, weiß ganz genau, was sie mit Kohle, Kreide, Öl oder Acryl bewirken möchte. Da sitzt jeder Strich, ja jeder Punkt. Messerscharf ist die Ausführung, messerscharf auch die Aussage. Die 1936 in Meißen geborene Künstlerin, die es schon in jungen Jahren nach Berlin zog, wo sie noch immer lebt und arbeitet, will sich einmischen, sie will etwas verändern und dazu muss sie aufrütteln. Dass sie den Glauben an das Gute nicht aufgegeben hat, zeigt das Werk "Bohrende Frage", in der das pulsierende Herz im Mittelpunkt steht.

Helga Lappe aus Eisenhüttenstadt, die jahrelang Kunst unterrichtet hat, wirbt nach einem ersten Rundgang dafür, dass vor allem auch Schüler sich diese Ausstellung ansehen. "Bestimmte Bilder von Heidrun Hegewald wurden ja auch im Unterricht behandelt", sagt sie und weist auf den wohl größten Blickfang in der Galerie hin, auf "Kassandra sieht ein Schlangenei" (1981). Da sage Kassandra den Krieg voraus, als sie Hitler mit der Schlange entdeckt. Und der Schrei von Kassandra ist auch in anderen Bildern zu hören.

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