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Harriet Stürmer 21.01.2012 17:28 Uhr - Aktualisiert 21.01.2012 18:32 Uhr

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Oderbrücher fühlen sich von der Politik im Stich gelassen

Seelow (MOZ) Vor einem Jahr kämpften die Menschen im Oderbruch unermüdlich gegen das dauerhafte Binnenhochwasser an. Während die Schäden teilweise noch immer nicht beseitigt sind, drohen die ersten Keller schon wieder vollzulaufen. Die Oderbrücher fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

  Frank Schütz deutet den Pegel über seinem Rasen an. © Johann Müller

 

"Jetzt steht schon wieder alles unter Wasser." Bruno Neumann deutet mit einem Finger auf die Felder, die die Bundesstraße 1 zwischen Manschnow und Küstrin-Kietz (Märkisch-Oderland) säumen. Es nieselt. Auf den Äckern sind große Pfützen. Die Alte Oder aber fließt gemächlich dahin. Neumann macht sich dennoch Sorgen. "Es muss nur ein paar Tage richtig regnen, dann beginnt das Drama von vorn."

Das Drama, von dem der 56-Jährige spricht, meint das Binnenhochwasser, das im August 2010 begann. Monatelang stand das Oderbruch unter Wasser. Bis Neumanns Keller wieder trocken war, fraßen Pumpen und Elektrotrockner Strom im Wert von Hunderten Euro. Auch die Rechnung fürs Heizen fiel ungewöhnlich hoch aus. Zudem müsse man nun für die Abwassergebühr tiefer in die Tasche greifen, berichtet der Manschnower. Der Keller ist saniert. Die Versicherung hat die Kosten übernommen. Am Boden kleben neue Fliesen, die Wände sind sauber - kein modriger Geruch. Dennoch sind die Räume leer. Neumanns haben Angst, dass das Wasser zurückkommt und sie wieder alles ausräumen müssen.

"Früher war es hier so idyllisch", schwärmt Bruno Neumann. Die Alte Oder ist nur 300 Meter entfernt. Den Hobbyangler zog es regelmäßig dorthin. "Aber irgendwann war mit dem Kahn kein Durchkommen mehr." Nun ist das Kraut weg. Neumann aber kann sich nicht vorstellen, dass in Zukunft wieder regelmäßig entkrautet wird. Viel Freizeit und Geld habe er in sein Haus investiert. "Und nun? Hier ist keine Heimat mehr", urteilt er. Weggehen wäre eine Möglichkeit. Aber es fehlt an Interessenten für das Grundstück. "Sonst wären wir schon weg", sagt Neumann. "Eine Lösung für das Problem ist ja doch nicht in Sicht. Man kann nicht in zwei Jahren nachholen, was man in 20 Jahren versäumt hat."

Ein Gutachten, das der Bauernverband Märkisch-Oderland in Auftrag gegeben hatte und das Ende 2011 veröffentlicht wurde, gibt Neumann recht. Die Kosten dafür hatten sich Betriebe, Institutionen und Privatleute geteilt. Sie wollten beweisen, dass die Landesregierung zu Unrecht behauptet, dass hohe Grundwasserstände und starke Niederschläge das Binnenhochwasser verursachten. Unabhängige Hydrologen kommen in dem Gutachten zu dem Schluss, dass die erhöhten Grundwasserstände auf die höheren Wasserstände in den Fließgewässern und diese wiederum hauptsächlich auf die reduzierte Gewässerpflege zurückzuführen sind.

Die Einwohner schauen skeptisch nach Potsdam. Manch einer vermutet, dass die Region längst abgeschrieben ist, obwohl sich die Landesregierung zum dauerhaften Erhalt des Oderbruchs als Siedlungs- und Wirtschaftsraum bekannt hat. "Eine spürbare Verbesserung gibt es bisher nicht", sagt Frank Schütz. Der Golzower zeigt in seinen Keller: Wasser bedeckt den Boden. Im Vorjahr waren es bis zu 70 Zentimeter. Dennoch, meint Schütz, sei seine Familie noch mal glimpflich davongekommen. Die Landwirte seien stärker betroffen gewesen. Die Entschädigung habe sich nach den Ernteerträgen des Vorjahres gerichtet, doch schon damals sei die Situation wegen langer Trockenheit nicht rosig gewesen.

Schütz lobt das Gutachten. "Es bestätigt, was wir seit Jahren vermuten. Hier wurden massive Fehler begangen." Seit dem Binnenhochwasser ist der 41-Jährige politisch aktiv. Er ist stellvertretender Vorsitzender beim CDU-Verband Oderbruch. "Auf diesem Weg kämpfe ich dafür, dass an der Verbesserung der Situation gearbeitet wird", sagt der Golzower. "Es reicht eben nicht zu sagen: Wir stehen zum Oderbruch."

Das Land hat zugesagt, bis Ende 2013 rund 13 Millionen Euro Sondermittel in die Hand zu nehmen, um die Abflussverhältnisse der Landesgewässer im Oderbruch zu verbessern. Konkret geht es um die Instandsetzung der Vorfluter und um ein verbessertes Wassermanagement einschließlich einer Automatisierung des Schöpfwerkbetriebes. Zudem soll der Gewässer- und Deichverband Oderbruch (Gedo) nun jährlich 1,3 Millionen Euro für die Gewässer- und Deichunterhaltung bekommen.

Frank Schütz bezweifelt, dass das Geld ausreicht, um alle Mängel zu beseitigen. Außerdem seien gerade einmal 20 Prozent der Vorhaben realisiert, kritisiert der Oderbrücher. In Potsdam verweist man darauf, dass Hochwasserschutz eine Generationenaufgabe sei.

Hans-Adolf Fakler hat Verständnis dafür, dass "nicht alles auf einmal und sofort erledigt werden kann". Die Wasserflecken an einer Wand in seinem Wohnzimmer sind noch nicht verschwunden. Nun stehe die Renovierung aber kurz bevor, sagt der 71-Jährige. Und auch in seinem Heimatort Golzow bewege sich etwas. Für Ende Januar ist eine Bürgerversammlung anberaumt, bei der drei geplante Grabenbau-Projekte besprochen werden sollen. Auch Bruno Küpper ist eingeladen.

Der Mann, der nach nicht einmal einem Jahr als Sonderbeauftragter für das Oderbruch von Innenminister Dietmar Woidke (SPD) wieder abberufen wurde, genießt hohe Anerkennung bei den Einwohnern. Der ehemalige Polizeipräsident habe gute Arbeit geleistet, meint Fakler. Er habe kein Verständnis für die Abberufung. Es sei noch viel zu tun. Unter anderem hat Küpper das Thema Tabuzonen für Biber mitangeschoben. Nicht selten wird der Nager zum Sündenbock erklärt, wenn es Hochwasser gibt. "Der Biber ist ja ein hübscher Kerl, aber er gehört nicht ins Dammsystem", meint Fakler.

Indes erreicht ein neues Problem die Oderbrücher. Wie in Golzow liegen auch in anderen Orten konkrete Pläne zur Wasserregulierung auf dem Tisch. Mit den Kosten sind die Kommunen in Vorleistung gegangen. Doch nun steht die vom Land bereits zugesicherte Finanzierung über die Landschaftswasserhaushalts-Richtlinie auf der Kippe. Man bemühe sich um andere Geldquellen, heißt es im Umweltministerium. Daran will der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz, der als Landwirt selbst von der Vernässung der Felder betroffen ist, nicht so recht glauben.

"Man muss den Eindruck gewinnen, die Regierung verspreche alles, solange öffentliche Aufmerksamkeit und Druck auf sie gerichtet sind, und nehme alles zurück, sobald die Öffentlichkeit nicht mehr so genau hinsieht", schimpft er. Auch Frank Schütz ist empört: "Dieser Sachverhalt lässt die Bekenntnisse der Landesregierung zu dieser Region in einem anderen Licht erscheinen. Es waren eben nur Worte."

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