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Heike Weißapfel 11.03.2012 22:51 Uhr
Red. Oranienburg, lokales@oranienburger-generalanzeiger.de

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Audienz bei Silvio Gesell

Oranienburg (MZV) Er trat für einen freien, fairen, chancengleichen Wettbewerb ein. Für den Berliner Innovationskreis, der nach alternativen Ansätzen in Arbeit und Wirtschaft sucht, sind die Ideen von Silvio Gesell noch heute interessant – und ein Grund für einen Besuch in Eden.

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Führung durch die Alte Mosterei: 50 Mitglieder des Berliner Innovationskreises waren nach Eden gekommen.

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Ob Silvio Gesell mal so ausgesehen hat? In der Mitte seines Lebens vielleicht, annäherungsweise jedenfalls, überlegt Gloria Mészaros. Die 1962 in Argentinien geborene Bildhauerin und Waldorf-Pädagogin kennt ihren Urgroßvater von Fotografien. Danach hat sie das Gesicht des nicht mehr ganz jungen, aber auch noch nicht alten Mannes geformt. Das angedeutete Gewand ist der Antike entlehnt und soll den Platoniker, den Philosophen Gesell unterstreichen, sagt sie. Auf eine weitere Besonderheit der patinierten Gips-Büste, die Teil der Gesell-Ausstellung ist, weist Gloria Mészaros hin: zwei herzförmige Einkerbungen in den Augen. Die habe sie einer Skulptur Michelangelos abgeschaut, sagt die Künstlerin. Die Form war damals aber noch nicht das Sinnbild eines Herzens, sondern sorgte für winzige Schatten in den Augen, die diesen Lebendigkeit und Tiefe verleihen.

Wer also am Sonnabend Silvio Gesell in die Augen geschaut hatte, konnte sich an den anstrengenderen Teil der Ausstellung wagen, bei der es vor allem viel nachzulesen gibt. Gesells Werdegang ist verzeichnet, Auszüge seiner Schriften, aber auch Fotografien mit Begegnungen anderer Reformer und Dokumente wie Einladungen, Aufrufe und ein Traktat über den Edener Freilandverein. Auf die Vitrine macht Gerhard Semper aufmerksam. Darin sind Dokumente zu sehen, unter anderen ein auf Gesells Namen ausgestellter Ausweis der Münchner Räteregierung. Gerhard Semper hat als Mitglied des Berliner Innovationskreises den Ausflug in seine Heimatsiedlung mit organisiert. Während der Vormittag mit einem Gang zu den Grabstätten von Silvio Gesell sowie zu dem Edener Künstler Wilhelm Groß verbunden war, galt der Nachmittag dem Besuch der Edengenossenschaft.

Hier hat Silvio Gesell von 1913 bis 1916 und dann von 1926 bis zu seinem Tod 1930 gelebt. Das Fachwerkhaus in der Kleiststraße222 haben die Teilnehmer von außen besichtigt. „Die Sonnenkollektoren hätten wohl zu Gesell gepasst“, meint der Ökonom Werner Onken, „auch wenn er sich für regenerative Energien nicht so interessiert hat“. Es gebe in seinem Werk lediglich eine Äußerung über die Vorteile der Wasserkraft, weiß Onken. Vor allem die Geldwirtschaft hat Silvio Gesell beschäftigt. Deren spekulative Auswüchse hätte er gern beseitigt gesehen. Geld sollte demnach reines Tauschmittel sein und nicht über Zinsen vermehrt werden können. Ererbte und gesetzliche Vorrechte wollte er abschaffen.

Der Berliner Innovationskreis hat sich bei seiner Zusammenkunft mit der alternativen Wirtschaftslehre und in diesem Zusammenhang auch mit den Theorien über Bodenreform und Geldwirtschaft von Silvio Gesell beschäftigt. „Bodenreform-Ideen können sehr hilfreich sein, um eine Teilhabe aller an der Atmosphäre zu postulieren“, meint Onken. Allerdings sei die Bodenreform im Nationalsozialismus wie im Kommunismus missbraucht worden und das Thema damit historisch belastet.

Bereits seit 1995 wird in der Alten Mosterei in einer Dauerausstellung an Gesell erinnert, die an seinem Geburtsort St. Vith entstanden ist. Historiker sowie ein Mitarbeiter einer Lokalzeitung haben sie erstellt, erläutert Werner Onken, der sich seit vielen Jahren mit dem 6500Seiten umfassenden Werk des Reformers auseinandersetzt. „Die Ausstellung ist regelmäßig geöffnet, aber immer noch ein Geheimtipp“, meint Onken.

Silvio Gesell sei sicher nicht zu glorifizieren, macht Werner Onken deutlich. Gerade gegen Ende seines Lebens habe er sich zuweilen verrannt. Werner Onken vermutet, dass Gesell erschöpft war und die politische Übersicht verloren habe. Gesell sei kein Antisemit gewesen, ist Onken sicher. Darwins Evolutionstheorie habe ihn beträchtlich beeindruckt, erläutert Onken. Dass Kritiker ihm „Sozialdarwinismus“ vorzuwerfen, hält er aber für verfehlt. „Ein klassischer Ökonom redet vom freien Spiel der Kräfte. Doch Gesell wollte ja gerade für Chancengleichheit sorgen.“ Dennoch habe sich Silvio Gesell zumindest missverständlich geäußert. Darwins Rede vom „Kampf ums Dasein“ habe er bedauerlicherweise übernommen, „obwohl er gerade nicht das Recht des Stärkeren propagiert hat“, so Onken. Wer die Quellen genau lese, wisse allerdings auch, dass Gesell sich gegen jede Form von Totalitarismus gewendet habe. „Es stimmt aber, dass seine Wortwahl zuweilen unglückselig war.“ Gesells späte Prognose über einen völligen Abbau des Staates sei „völliger Unsinn“, denn ein demokratischer Staat sei gerade nötig, um Reformen durchzusetzen und das Geldwesen zu verändern“. Ein Grund, die Reformideen von Silvio Gesell zu verwerfen, ist das für Onken noch lange nicht.

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