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04.04.2012 19:10 Uhr - Aktualisiert 04.04.2012 23:23 Uhr

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Grass löst mit Gedicht Kritik-Welle aus

Berlin (dpa/dapd) Günter Grass mischt sich wieder ein: In einem Gedicht geht der Literaturnobelpreisträger hart mit Israels Atompolitik ins Gericht - und fragt sich, wieso er bisher dazu nichts gesagt hat. Die Reaktionen auf die Veröffentlichung fallen heftig aus.

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Nobelpreisträger Günter Grass hat in einem Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran kritisiert.  

Nobelpreisträger Günter Grass hat in einem Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran kritisiert.

© dpa

Mit deutlicher Kritik an Israels Atompolitik hat sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass öffentlich zu Wort gemeldet und damit eine Welle der Empörung ausgelöst. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schrieb der Literaturnobelpreisträger in dem Gedicht "Was gesagt werden muss", das am Mittwoch in der "Süddeutschen Zeitung" und anderen internationalen Blättern erschien. Sich selbst wirft er vor, zu lange dazu geschwiegen zu haben.

In seinem Prosagedicht kritisiert der 84-Jährige auch die geplante Lieferung eines weiteren U-Boots "aus meinem Land" nach Israel. Gleichzeitig bekundet er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat.

Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle reagierten empört und warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text "ein aggressives Pamphlet der Agitation".

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte sich über Tonlage und Ausrichtung des Gedichts entsetzt. Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte es einen "Anschlag auf Israels Existenz". Dagegen sagte Regierungssprecher Steffen Seibert vor Journalisten in Berlin, es gebe eine Freiheit der Kunst und eine Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Äußerung äußern zu müssen.

Grass fragt in dem Text, warum er es sich bisher untersagt habe, "jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?". Er fühle es als "belastende Lüge und Zwang", dass er bisher dazu geschwiegen habe. Wer dieses Schweigen breche, dem stehe eine "Strafe" in Aussicht: "das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig".

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm daraufhin die moralische Integrität ab.

Der Nobelpreisträger spricht in dem Gedicht von einem behaupteten Recht auf den Erstschlag gegen "das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk", nur weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet werde. Er sei der "Heuchelei des Westens" überdrüssig und hoffe, dass sich viele von dem Schweigen befreien. Er fordert, "daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird." "Warum aber schwieg ich bislang?", fragt sich Grass und nennt als Grund: "Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten."

Die israelische Botschaft stellte das Gedicht in die Reihe anderer antisemitischer Vorurteile. "Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen", erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon. Israel sei nicht bereit, "die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist."

Der Publizist Henryk M. Broder nannte Grass in einem Artikel in der "Welt" mit der Überschrift "Nicht ganz dicht, aber ein Dichter" den "Prototypen des gepflegten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint", aber von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und von dem Wunsch getrieben werde, "Geschichte zu verrechnen." Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, ist ebenfalls empört. "Ich bin schockiert", sagte Graumann am Mittwoch. Er könne in dem Beitrag des Nobelpreisträgers kein literarisches Gedicht, sondern "mehr ein Hasspamphlet" erkennen.

Wenn es wirklich als Vermächtnis gemeint sei, so handele es sich um ein "Vermächtnis von Verdrehungen und Verirrungen", fügte Graumann hinzu. Grass schiebe Israel die Verantwortung für eine Gefährdung des Weltfriedens zu. Das zeige, "dass ein herausragender Autor noch längst kein herausragender politische Experte ist", so der oberste Repräsentant der rund 108000 Juden in Deutschland weiter. Dies habe Grass "diesmal auf miserable Weise unter Beweis gestellt". In Anspielung auf den Roman des Schriftstellers "Die Blechtrommel" sagte Graumann wörtlich: "Grass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung."

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sagte im SWR, er finde es unsäglich und außerordentlich traurig, dass Grass "seine dichterischen Künste dazu missbraucht, ein ziemlich dummes Agitprop-Gedicht zu publizieren". In Deutschland bestehe kein Tabu, Israel zu kritisieren, sagte Brumlik.

Dagegen unterstützte der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, Grass' Meinung. Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur. Auch der Schriftsteller Clemens Meyer verteidigte seinen Kollegen Grass. Mit seiner Kritik an den Waffenlieferungen an Israel habe Grass recht. "Mir ist es lieber, wenn Grass mal was sagt, als dass es keiner tut", sagte er der "Leipziger Volkszeitung".

Günter Grass lehnt eine Rechtfertigung vorerst ab. "Herr Grass hat in seinem Gedicht gesagt, was er zu sagen hat und wird sich wegen gesundheitlicher Probleme bis auf weiteres nicht weiter dazu äußern", sagte seine persönliche Sekretärin Hilke Ohsoling am Mittwoch.

WAS GESAGT WERDEN MUSS

Warum schweige ich, verschweige zu lange//was offensichtlich ist und in Planspielen//geübt wurde, an deren Ende als Überlebende//wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,//der das von einem Maulhelden unterjochte//und zum organisierten Jubel gelenkte//iranische Volk auslöschen könnte,//weil in dessen Machtbereich der Bau//einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,//jenes andere Land beim Namen zu nennen//in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -//ein wachsend nukleares Potential verfügbar//aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung//zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,//dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,//empfinde ich als belastende Lüge//und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,//sobald er mißachtet wird//das Verdikt "Antisemitismus' ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land//das von ureigenen Verbrechen,//die ohne Vergleich sind//Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird//wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch//mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert//ein weiteres U-Boot nach Israel//geliefert werden soll, dessen Spezialität//darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe//dorthin lenken zu können, wo die Existenz//einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,//doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will//sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?//Weil ich meinte, meine Herkunft//die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,//verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit//dem Land Israel, dem ich verbunden bin//und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst//gealtert und mit letzter Tinte://Die Atommacht Israel gefährdet//den ohnehin brüchigen Weltfrieden?//Weil gesagt werden muß//was schon morgen zu spät sein könnte//auch weil wir - als Deutsche belastet genug -//Zulieferer eines Verbrechens werden könnten//das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld//durch keine der üblichen Ausreden//zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr//weil ich der Heuchelei des Westens//überdrüssig bin; zudem ist zu hoffe//es mögen sich viele vom Schweigen befreien//den Verursacher der erkennbaren Gefahr//zum Verzicht auf Gewalt auffordern und//gleichfalls darauf bestehen//daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle//des israelischen atomaren Potentials//und der iranischen Atomanlagen//durch eine internationale Instanz//von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern//mehr noch, allen Menschen, die in dieser//vom Wahn okkupierten Region//dicht bei dicht verfeindet leben// und letztlich auch uns zu helfen.

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