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Dirk Bunsen 08.05.2012 21:24 Uhr - Aktualisiert 23.05.2012 18:18 Uhr

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Der leiernde Drehorgelbauer

Berlin (MOZ) Der einarmige Leierkastenmann mit Pfennigbüchse - dieses Bild aus Zilles Zeiten ist längst Vergangenheit. Während in den dreißiger Jahren, in der Blütezeit der Berliner Drehorgel-Tradition, rund 800 Leierkastenmänner - darunter viele Kriegsversehrte - ihr Gnadenbrot damit verdienten, gibt es heute lediglich eine Handvoll hauptberuflicher Drehorgelspieler in der Stadt. Eigentlich kein gutes Pflaster für einen, der sich auf die Restaurierung und den Bau von Drehorgeln spezialisiert hat. Doch Axel Stüber aus Berlin-Biesdorf betreibt seit 35 Jahren als Letzter in Ostdeutschland eine Drehorgel-Manufaktur und ist zudem von den bundesweit fünf Drehorgelherstellern der Einzige, der auch regelmäßig als Leierkastenmann auf Reisen geht.

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Montage: Bis zu 50 Drehorgeln baut Axel St├╝ber im Jahr. Die guten St├╝cke k├Ânnen bis zu 13 000 Euro kosten.

© dpa

 

Acht Jahre lernte Axel Stüber auf einer Musikschule Geige. "Doch ich konnte nie so spielen, dass ich mich daran hätte erfreuen können", sagt er. Diese Pleite bietet ihm die Drehorgel nicht. "Sie bringt perfekte Musik, ohne dass man selbst perfekt ist", schwärmt er. Dies eint und fasziniert alle Drehorgelspieler. Der laienhafte Melodien-Fan wird zum Musiker - fast zum Null-Tarif. "Ein bisschen kurbeln muss man schon", schmunzelt er. Und wer, wie Stüber, über 400 Lochbänder, sprich verschiedene Musikstücke, im Angebot hat, der kann längst nicht mehr davon reden, dass immer "die gleiche Leier" aufgelegt wird. Ob Volksmusik oder Klassik, Hits oder Ausgefallenes - für jeden Geschmack findet sich ein Song.

 

Und so touren die Enthusiasten, die sich in dem "Internationale Drehorgelfreunde Verein Berlin" zusammengetan haben, durch die Lande, nehmen Messen, wie die "Musica mechanica" in Rüdesheim, oder Drehorgelfeste mit, spielen auf Jahrmärkten und pflegen die alte Leierkasten-Tradition. Dabei tauchen sie in die Alt-Berliner Kluft und reisen zum größten Drehorgelfest nach Les Gets am Fuße des Mont Blanc und zweimal im Jahr zum Festival nach Wien, fahren nach Amsterdam und zu den Drehorgeltreffs in Linz, im polnischen Plock, nach Nürnberg, Halle, Warnemünde oder Hoyerswerda. "Im Sommer bin ich fast jedes Wochenende unterwegs", erzählt Axel Stüber. "Im Winter fehlt mir richtig was."

 

Doch der 58-Jährige dreht nicht nur aus purer Leidenschaft die Kurbel, sondern hat auch stets seinen Drei-Mann-Betrieb im Auge. Mit seinem kleinen Unternehmen ist er der Einzige in Ostdeutschland, der sich auf Drehorgeln spezialisiert hat. Mehr als eine Handvoll solcher Betriebe, gibt es bundesweit nicht.

 

Das Wort "Leierkasten" mag Axel Stüber eigentlich nicht so sehr. Es klingt irgendwie abwertend. Er spricht nur dann davon, wenn es sich um völlig verstimmte Drehorgeln handelt. Auch die nimmt er natürlich an und restauriert sie. Alte Leierkästen müssen zudem nach ihrem Klangcharakter intoniert und nach der Tonhöhe gestimmt werden. All das macht der Orgelbaumeister höchst selbst.

 

Die Orgel war es auch, die dem Pfarrerssohn aus dem mecklenburgischen Güstrow praktisch mit in die Wiege gelegt wurde. "Ich habe schon als kleiner Junge die Orgel getreten, also dem Organisten Wind gemacht", erzählt er. "Somit kam ich bereits mit zehn Jahren im wahrsten Sinne des Wortes körperlich mit der Orgel in Berührung." Jetzt wollte er auch wissen, wie die Mechanik funktioniert und lernte die Orgel als ein "faszinierendes Musikinstrument" immer besser

kennen. Seinem ersten Leierkastenmann begegnete er ebenfalls in dieser Zeit. "Er stand stets zu Weihnachten auf der Straße und spielte", erinnert er sich.

 

Also wurde er bei der Firma Sauer in Frankfurt (Oder) Orgelbauer, ging mehrere Jahre auf Wanderschaft und wollte die verschiedenen Stile der damaligen Meister studieren. "In jedem Betrieb wurde ich natürlich mit Kusshand genommen, denn es herrschte auch hier Arbeitskräftemangel." 1977 hatte er dann beschlossen, sich selbstständig zu machen.

 

Eigentlich plante er, ein mecklenburgisches Pfarrhaus als Werkstatt umzubauen. Aufträge gab es schließlich genug. Doch da ereilte ihn aus Berlin die Nachricht, dass hier der letzte Orgelbauer der Hauptstadt aus Altersgründen seinen Handwerksbetrieb aufgeben musste und einen Nachfolger suchte. Da das Einrichten einer Werkstatt zu DDR-Zeiten besonders schwierig war, nutzte er die Gelegenheit und zog aus der Idylle in die Großstadt.

Die 1960er und 1970er Jahre waren keine guten für die Drehorgeln. "Viele wurden einfach weggeworfen, nur einige wenige Liebhaber pflegten ihre Stücke", blickt Stüber zurück. Diese Entwicklung vollzog sich in ähnlicher Weise auch im Westen. Da stellten die großen Firmen die Drehorgelproduktion zwischenzeitlich ein. Auch Axel Stüber widmete sich überwiegend dem herkömmlichen Orgelbau. "Doch dann, in den 1980er Jahren, begann in der DDR die Nostalgiewelle. Viele Schausteller arbeiteten mit den sogenannten Karussell-Orgeln. Auch der "Leierkasten" war auf den verschiedenen Festen wieder im Kommen. Zum vorläufigen Höhepunkt avancierte die 750-Jahr-Feier in Berlin. "Der Magistrat bestellte gleich zehn Drehorgeln, die aber nach dem Fest im Keller verschwanden."

 

"Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich zur Wende geritten hat, weiter Drehorgeln zu bauen", sagt er verschmitzt. Ein gewisser Anteil daran kam auch einem Westberliner Sammler und Händler zu, der bei ihm 20 Drehorgeln in Auftrag gab. Schließlich verlagerte er 1995 seine Werkstatt aus Berlin-Friedrichshain in den Keller des neuen Eigenheims in Biesdorf. Und bald produzierte Axel Stüber fast ausschließlich für Drehorgel-Kunden. Nur vereinzelt pflegt er noch Kirchenorgeln. Bis zu 50 Drehorgeln aus eigener Produktion, die zwischen 3000 und 13 000 Euro kosten, verkauft er im Jahr, als Einziger seit einigen Jahren auch Drehorgel-Bausätze, die man im Internet für 1690 Euro erwerben kann. Er restauriert alte Instrumente mit Walzensteuerung und repariert defekte Exemplare. Während er sich in der Produktion auf das System der Lochstreifen konzentriert, die er von "alten Hasen" in Heimarbeit fertigen lässt, verweigert er sich elektronisch betriebenen Drehorgeln mit eingebautem Chip. "Das hat nichts mehr mit Drehorgeln zu tun."

 

Heute gehen in seinem Präsentationsraum auch schon mal Japaner, Koreaner oder Amerikaner ein und aus, um sich über Stübers Künste zu informieren. Auch ein Molkereifabrikant aus Bogota (Kolumbien) hatte sich vor Ort ein Bild gemacht und ließ sich ein Schmuckstück anfertigen. Doch ob bundesweit oder international - kaum einer der Kunden entspricht heute noch dem klassischen Leierkastenmann. "95 Prozent der Käufer lieben einfach die Musik und stellen sich eine Drehorgel, ob mit oder ohne Wagen, in die Wohnstube."

(Orgelbau Stüber, Eitelstr. 1, 12683 Berlin, Tel: 030 5436105. Zu sehen ist Axel Stüber u.a. auf dem Drehorgelfest vom 6. bis 8. Juli an der Berliner Gedächtniskirche.)

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