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Vielschichtig und streng komponiert: Holger Lippmann mit aktuellen Arbeiten in seinem Wandlitzer Atelier.

Blühendes Spiel mit den Algorithmen

Annenhof in Wandlitz, 08.05.2012: Der Generative Art-Designer Holger Lippmann mit aktuellen Arbeiten in seinem Atelier.
Annenhof in Wandlitz, 08.05.2012: Der Generative Art-Designer Holger Lippmann mit aktuellen Arbeiten in seinem Atelier. © Foto: MOZ/Boris Kruse
Boris Kruse / 12.05.2012, 04:04 Uhr
Wandlitz (MOZ) Holger Lippmann ist ein Pionier. Seit seiner frühen Jugend fasziniert den gebürtigen Sachsen elektronische Musik und Kunst. Als Vertreter der sogenannten generativen Kunst gestaltet er großformatige Bilder, Zeichnungen und bewegte Kompositionen am Computer.

Der Schlüssel liegt im Algorithmus. Mit einer speziellen Programmiersprache, die eigens für die Bedürfnisse bildender Künstler entwickelt wurde, tüftelt Holger Lippmann seine Bildkompositionen aus. Was auf den ersten Blick oft chaotisch und undurchdringlich anmutet, folgt strengen Regulativen. „Ich baue meine Bilder vom Rand her auf.“ Wenn man den Rand abschneiden würde, dann würden die Bilder komplett in sich zusammenfallen, meint Lippmann: „Das ist, als wenn man von Musik einige Sekunden wegnimmt.“

Musik ist das Stichwort. Sie ist Lippmann eine wichtige Inspiration; im Gespräch verfällt der Künstler häufig in sprachliche Figuren, die die bildende Kunst mit musikalischen Strukturen gleichsetzen. In seiner Freizeit improvisiert er häufig auf der Gitarre, um abzuschalten. Außerdem spielt er seit seiner Kindheit Trompete.

In einigen seiner Arbeiten klingen Ähnlichkeiten zu Cy Twombly und dem abstrakten Expressionismus an. Ein furioses Gekrakel füllt die großformatigen Bilder aus, farbige Striche in weiten Bögen und spitzen Zacken mäandern über hellen Grund. Wer einen Schritt zurücktritt, erkennt oft Landschaften oder fühlt sich an Verkratzungen auf Ölbildern erinnert.

Eine subtile Ironie ist es, dass die Bilder in dieser Weise wieder mit den Ausdrucksmitteln der klassischen Malerei spielen. Denn in Wirklichkeit sind sie ja komplett elektronisch erzeugt; für seine Drucke führt Holger Lippmann einen Spezialstoff in einen überdimensionalen Drucker ein.

Auch mit 3D-Prints, dem sogenannten „Fabbing“, experimentiert Lippmann. Filigrane Skulpturen aus Kunstharz, die am Computer ersonnen worden sind, zieren das Atelier.

Geboren wurde der Anfang-Fünfziger im sächsischen Mittweida. Er studierte Kunst in Dresden und beschäftigte sich dabei zunächst mit konventioneller Malerei. Doch schon in frühen Jahren faszinierte ihn die Musik von Kraftwerk und anderen, experimentierte er im Rahmen des damals technisch Möglichen mit elektronischen Gerätschaften. Damit traf er den Nerv seiner Zeit: Die sogenannte generative Kunst fand immer mehr Anerkennung. Nach der Wende kamen rasch die ersten Auslandsstipendien in New York und Paris.

Doch zuvor machte Lippmann noch seine eigenen Erfahrungen mit den Unterschieden im akademischen Kunstbetrieb zwischen Ost und West. Ein erster Studienaufenthalt fern der Heimat führte ihn nach Stuttgart. Und plötzlich, so muss der im Sozialismus aufgewachsene Nachwuchskünstler feststellen, gelten ganz andere Regeln. Die soziale Schichtung, die Kleidung und die Etikette sollten plötzlich eine große Rolle spielen. Und: „Ab dem dritten Studienjahr haben alle simuliert, künstlerisch ihre eigene Handschrift gefunden zu haben.“ Holger Lippmann kam das affektiert und unwirklich vor. Der Schock war zu groß, seinen Stuttgart-Aufenthalt brach er deshalb ab.

Seinen Platz fand er später im abenteuerlichen Berlin der 90er-Jahre. Dort ist der elektronische Künstler rasch in der aufblühenden Clubszene aufgegangen. Seine Visualisierungen hat er unter anderem im NBI und im damaligen Goldmund gezeigt. Er lebte und arbeitete längere Zeit im Künstler-Haus Tacheles an der Oranienburger Straße. Noch heute erinnert er sich gerne an diese Zeit zurück, in der die Grenzen zwischen analog und elektronisch, zwischen Musik, Bewegtbildern, Zeichnung und Malerei immer mehr verwischten. Auch technisch wurde von Jahr zu Jahr immer mehr möglich. Den Zugang zur traditionellen Galeristen-Szene, den Lippmann anfänglich durchaus kultivierte, ging über die Jahre vollkommen verloren. Lippmann fand auch so Abnehmer für seine Arbeiten, gründete eine Firma für digitale Animationen und arbeitete für Filmproduktionen.

Irgendwann traf Lippmann seine heutige Frau - eine Innenarchitektin, die ebenfalls künstlerisch arbeitet. Sie ermutigte ihn, es als freischaffender Künstler zu versuchen. Der Drang zu Familiengründung und einem beschaulichen Leben auf dem Land wurde größer. Das alte Haus auf dem Annenhof, das die beiden frühzeitig erwarben, ist mittlerweile um einen lichtdurchfluteten Holzquader ergänzt, der als Atelier dient. „Wir haben irgendwann festgestellt, dass wir die Stadt gar nicht mehr brauchen.“ Auch für die beiden Kinder, die inzwischen da sind, sei Wandlitz das ideale Umfeld.

Am Freitag der nächsten Woche ist Holger Lippmanns generative Kunst auf „Jazz in E.“ zu erleben. Im Paul-Wunderlich-Haus gestaltet er Visualisierungen zu den Konzerten.

www.holgerlippmann.de

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