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Dietrich Schröder 19.07.2012 19:20 Uhr - Aktualisiert 19.07.12 19:39 Uhr

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Aus Polesien an die Oder

Bialkow (MOZ) Das Schicksal der deutschen Vertriebenen ist vielen Brandenburgern aufgrund eigener Erfahrungen oder der ihrer Eltern oder Großeltern bekannt. Weniger weiß man davon, das gleich östlich der Oder Polen mit einer ähnlichen Vergangenheit leben.

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© MOZ/Dietrich Schröder

Eine Scheune mit Strohdach, ein Brunnen mit Schöpfeimer und alte Arbeitsgeräte aus Holz. Man fühlt sich unheimlich östlich in dem kleinen Freiluftmuseum von Bialkow. Dabei liegt das Örtchen gleich an der Oder. Doch der Eindruck täuscht nicht. Die Vorfahren derer, die heute hier leben, sind weit aus dem Osten gekommen. "Rund 800 Kilometer von hier, im heutigen Weißrussland, liegt das Städtchen Bjarosa. Und gleich daneben das Dorf Petelewo. Von dort ist meine Mutter am 1. November 1945 hierher gekommen", beschreibt Eugeniusz Niparko. Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mussten viele Polen, die noch in den Gebieten lebten, welche sich die Sowjetunion schon 1939 im Hitler-Stalin-Vertrag angeeignet hatte, ihre Heimat verlassen.

Polesien ist die alte Bezeichnung dieser Landschaft. Ein wald- und sumpfreiches Gebiet zwischen den Flüssen Bug und Pripjat. "Im Herbst 1945 wurden die Menschen aus mehreren Dörfer in 40 Güterwaggons getrieben." Immer wieder hat Niparko, der erst zehn Jahre später geboren wurde, diese Geschichte von den Eltern und Großeltern gehört. "Sie scherzten damals bitter, dass sie zum zweiten Mal von der Sowjetunion befreit wurden", berichtet er. "Schon im September 1939 hatten die Russen das Gebiet besetzt. Dann kamen sie 1944 wieder, als die deutsche Wehrmacht zurückgedrängt wurde." Darüber, wer von den Polen in Polesien verblieb, entschied die Religion. "Wer katholisch war, wurde abtransportiert, die Orthodoxen hatten zu bleiben."

Erst nach einer zweiwöchigen Odyssee habe der Zug in Cybinka gehalten, das damals noch Ziebingen hieß. "Da waren die Schienen zu Ende - und irgendwie auch die Welt", so Niparko. Die Polen nahmen die Wirtschaften in Besitz, aus denen wenige Wochen zuvor die Deutschen vertrieben worden waren. "Viele Häuser waren zwischenzeitlich geplündert worden. Auch die Scheune neben dem Haus, das meine Mutter erhielt, war zerstört", berichtet der Pole. Ein wildes Besetzen sei das damals gewesen, die Stärksten hätten sich die besten Wirtschaften genommen. Erst Jahre später erhielten die Polen Urkunden, die ihren neuen Besitz bestätigten. Eines dieser Dokumente, die mit dem Satz versehen waren "Das Land, das den Piasten gehörte, kam wieder zu Polen zurück", befindet sich im kleinen Museum von Bialkow.

Denn seit einigen Jahren gibt es den "Verein der Freunde Polesiens und Bialkows". Niparko hat ihn mit Gleichgesinnten gegründet. Erst nach 1990 konnte solch eine Organisation entstehen, zuvor sollte offiziell nicht an dieser schmerzlichen Vergangenheit gerührt werden. Niparko erinnert sich noch, wie sich viele im Dorf fürchteten, als 1972 erstmals die Grenze zur DDR geöffnet wurde. "Sie hatten Angst, dass jetzt die Deutschen kämen und ihre Höfe zurückhaben wollten." Am Stall des Hauses, in dem Niparko mit seiner Familie lebt, hing lange ein Schild mit dem Namen des früheren Besitzers Paul Kleemann. "Das soll ein Nazi-Aktivist gewesen sein", hat der Pole gehört. Jedenfalls schraubte er das Schild sicherheitshalber ab, als es zu gegenseitigen Besuchen mit Bauern aus einer LPG im Oderbruch kam.

Heute hat Niparko solcherart Ängste nicht mehr, doch dafür sieht er auch die Europäische Union kritisch. "Da haben doch nur wieder die Starken das Sagen", ist er überzeugt. Und meint, dass es viel besser wäre, wenn Polen und Deutsche in ihren Ländern lebten, ohne die jeweils anderen in ihren Angelegenheiten zu stören.

Doch von den Vorteilen der offenen Grenze profitiert Niparko auch. Als Biobauer, der mit Landwirten in Brandenburg Geschäfte macht. Und als Vorsitzender des historischen Vereins, dessen Trachtengruppe schon zwei Mal bei einem Sommerfest in Aurith (Oder-Spree) und auf der Grünen Woche in Berlin zu Gast war.

Am Sonnabend würde man sich auch über deutsche Besucher in Bialkow freuen. Dann wird ein Fest gefeiert mit dem Titel "Wie einst das Brot entstand" (Jak to z chlebem bylo). Ab elf Uhr wird ein Umzug mit Pferdewagen auf ein Feld fahren. Dort soll das Getreide wie früher mit Sensen und Sicheln geerntet werden. Im Dorf wird das Korn gedroschen, mit alten Mühlen gemahlen und schließlich Brot gebacken. Am Nachmittag gibt es Folkloremusik und bis in den Abend ein Erntefest. So wie es früher war - 800 Kilometer weiter im Osten.

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