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Mein Freistil-Jugendredaktion 31.08.2012 13:14 Uhr - Aktualisiert 17.10.13 11:32 Uhr
Red. ,

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Einer, der auszog

Neuruppin (MZV) - Was nächste Woche ist, ist nicht sicher. Und im nächsten Jahr? Keine Ahnung. Sven ist Dachdecker und ein Fremder Freiheitsbruder. Drei Jahre und einen Tag wird er auf Wanderschaft sein und seiner Heimat fern bleiben. Nach Neuruppin kam er schon zweimal.

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Konsequent: Sven hat seine Ausbildung beendet und ist jetzt drei Jahre auf Wanderschaft. Was im Handwerk gute Tradition ist.

© Kluge

Seit gut einem Jahr ist der 24-Jährige unterwegs. Genau am 29. August 2011 hat er seine Heimatstadt Storkow im Landkreis Oder-Spree verlassen. „Meine Eltern haben mir zuerst nicht geglaubt, dass ich das wirklich mache“, sagt er. Aber er hat ernst gemacht. „Meiner Mutter war der Abschied schwer gefallen. Sie weiß, wenn sie mal eine Weile nichts von mir hört, ist alles in Ordnung“, sagt er.

Der 24-Jährige liebt seinen Beruf und die Tradition, nach der Lehre als Fremder Freiheitsbruder drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft zu gehen. „Dabei wird heute niemand mehr dazu gezwungen“, erklärt er. Aber generell sei es in jedem Handwerk noch möglich. Einzige Voraussetzungen: Man muss den Gesellenbrief in er Tasche haben, unverheiratet und schuldenfrei sein und darf keine Kinder haben.

Tatsächlich ist das aber bei Weitem nicht alles. Um von Daheim aufzubrechen gehört auch jede Menge Mut. Schließlich unterliegt die Tradition Regeln, die nicht für jeden etwas sind. Für Sven ist seine Heimat während der Wanderschaft eine Tabuzone. Er darf sich Storkow nur bis auf 50 Kilometer nähern. Will der Dachdecker Familie und Freunde sehen, müssen sie ihn irgendwo in der Welt besuchen. Aber nirgends darf er sich länger als drei Monate am Stück aufhalten. Außerdem musste er ohne Geld losziehen und er darf während der Wanderschaft verdientes Geld auch nicht für die Fortbewegung einsetzen. Handys sind auch verboten. Eine Reisezeit stellen sich die meisten Menschen sicher mit mehr Annehmlichkeiten vor.

Aber der 24-Jährige, der in seiner traditionellen Kluft jede Menge Blicke auf sich zieht, bereut seinen Entschluss, auf Wanderschaft zu gehen, überhaupt nicht. Schließlich ist es das Ziel, das Wissen um den Beruf zu erweitern und Menschen und die Welt kennen zu lernen. „Wenn ich irgendwo hinkomme, suche ich mir den Betrieb meistens direkt“, sagt er. Dort bekommt er den ortsüblichen Lohn, der zumeist für den Krankenkassenbeitrag und neue Schuhe ausgegeben wird. Für alle gehe es darum, von anderen Kollegen zu lernen. „Wir stehlen mit den Augen“, sagt Sven und lacht.

Während seiner einjährigen Wanderung hat er sich schon vieles abgeschaut. Im Allgäu jobbte er in einer Zimmerei, die gleichzeitig Dächer deckte. „Der Aufbau war dort viel massiver, weil sie von ganz anderen Schneelasten ausgehen müssen“, berichtet er. In der Nähe von Hamburg wiederum arbeitete er in einer Dachdeckerei, die Reetdächer bestückte. „So etwas gibt es schließlich nicht überall“, ist er stolz, nun zu wissen, wie die Kollegen an der Küste arbeiten. Während im Brandenburgischen mit rund zehn verschiedenen Arten Ziegeln in luftiger Höhe hantiert wird, gibt es dort nur geschnürte Reetbündel und zwei verschiedene Sorten Draht, um sie zu befestigen. „Es gibt wirklich sehr viele neue Eindrücke“, sagt Sven. Und das nicht nur in beruflicher Hinsicht.

Zwischen seinen Stationen muss er zumeist trampen und auf die Gunst der Autofahrer hoffen. „Man weiß leider nie, wie lange man warten muss“, sagt er. Schlechte Erfahrungen hat er bei seiner bisherigen Reise noch nie gemacht – außer, dass nach einem heftigen Regenguss die Kluft auch mal zwei Tage nass ist. Allerdings musste er schon draußen übernachten, weil er keinen Schlafplatz gefunden hat. In Neuruppin gilt unter wandernden Handwerkern das Jugendwohnprojekt Mittendrin als gute Adresse, sagt Sven. Der Schlafsack gehört genau so zu seinem Gepäck, wie Arbeitskleidung, etwas Wechselwäsche, Werkzeug, der traditionelle Stenz-Wanderstock und sein Wanderbuch, in dem er Stadtsiegel und gute Wünsche von seinen verschiedenen Stationen sammelt. „Das kann man später bei jeder Bewerbung zeigen“, sagt er.

Ein Stempel aus Aachen wird demnächst dazu kommen, bald auch welche aus dem Ausland. „Man sagt, im ersten Jahr Deutschland, im zweiten Jahr Europa und im dritten Jahr die Welt“, berichtet der Storkower. Im Winter will der 24-Jährige im Mittelmeer-Raum sein, vielleicht auf einer Insel. Im dritten Jahr ist es sein Traum nach Südamerika zu reisen – vielleicht aber auch nach Kuba, um dort zu arbeiten, zu lernen und zu helfen. Seine Heimat fehlt ihm bisher nicht.

Aber Neuruppin könnte für ihn bei allen weiteren Reisen ein Sehnsuchtsort werden – im März war er schon einmal da, jetzt wieder anderthalb Wochen, denn hier hat ein Mädchen das Herz des Fremden Freiheitsbruders erobert.

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