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Kettenbrief für angeblich krebskranken Jungen kursiert seit elf Jahren und streift noch jetzt den Barnim

Kettenbrief - Der unendliche Weltrekordversuch

Vergebene Liebesmüh: Anstelle eines krebskranken Jungen erreicht der Kettenbrief in der Klinik Tulln (Österreich) nur den Papierkorb. Aber den zu leeren, macht auch Arbeit.
Vergebene Liebesmüh: Anstelle eines krebskranken Jungen erreicht der Kettenbrief in der Klinik Tulln (Österreich) nur den Papierkorb. Aber den zu leeren, macht auch Arbeit. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Ellen Werner / 22.09.2012, 04:16 Uhr
Eberswalde (MOZ) Das Rührstück hat schon Abertausende erreicht: Ein siebenjähriger Junge, an Krebs erkrankt, will mit dem weltlängsten Kettenbrief ins Guinessbuch. Seit elf Jahren kommen die Briefe Mitleidiger in einer Klinik in Österreich an. Nur: Den kranken Jungen gab es dort nie.

Auf die Mitleidsmasche sind schon viele hereingefallen: Behörden, Schulen, namhafte Unternehmen. Eines der prominentesten Beispiele: Sogar das Bundesverfassungsgericht hat den Kettenbrief weitergeleitet. Und selbst das ist schon wieder acht Jahre her. Offenbar seit mindestens elf Jahren kursiert das Schreiben eines vermeintlich krebskranken Jungen.

Auch im Barnim kam er vermutlich in mehreren Wellen an, wie nun wieder Anfang September. "Wir haben den Brief schon einmal bekommen", sagt Daniela Schlaak, Sekretärin von Chefärztin Dr. Steffi Miroslau im Werner-Forßmann-Krankenhaus Eberswalde. Beim ersten Mal habe man noch im Internet recherchiert und herausbekommen, dass es sich um ein Fake handelt. "Diesmal haben wir ihn gleich weggeworfen", sagt die Klinikmitarbeiterin.

Der in Wahrheit niemals alternde Siebenjährige werde im Landesklinikum Donauregion Tulln betreut. Sein sehnlichster Wunsch sei ein Eintrag ins Buch der Rekorde, heißt es in dem Schreiben. An zehn Firmen, Schulen oder Behörden sollen die Empfänger es übermitteln.

Und das funktioniert: Im August kam der Brief bei einem Oberbarnimer Verein an. "Für mich persönlich mache ich so etwas nicht mit", sagt eine Vereinsmitarbeiterin. Dem Absender in Sachsen, ebenfalls einem Verein, habe man jedoch vertraut. "Und ich wollte jetzt auch nicht als Buhfrau dastehen und so etwas verhindern", erklärt sie. An zehn Unternehmen, Geldinstitute, öffentliche Einrichtungen im Land Brandenburg gingen neue Schreiben.

Manche sind aufmerksam geworden wie Daniela Schlaak und eine Adressatin im Landesministerium für Arbeit und Soziales. Andere haben abwartend reagiert. "Bei uns liegt der Brief noch. Mit der Liste der anderen Absender erschien er erstmal seriös", sagt die Mitarbeiterin eines Tourismusanbieters, die allerdings ihren Namen nicht genannt wissen will. "Wir beteiligen uns immer gern, wenn es um kranke Kinder geht", sagt Zoodirektor Bernd Hensch, den das Schreiben ebenfalls erreichte. Der "böswillige Quatsch" sei aber ein Fall für den Papierkorb.

Reinhard Koller, Pressesprecher der Klinik in Niederösterreich, ist froh um jeden, der den Unfug nicht mitmacht. "Das geht uns wirklich schwer auf die Socken", sagt der Österreicher. "Der Zeitaufwand für die Öffnung der Kettenbriefe beträgt rund zwei Stunden täglich", erläutert er. Ein bis zwei Mitarbeiter seien damit beschäftigt.

Ob Polizei, Medienberichte oder Google-Anzeige - "wir haben schon alles versucht", sagt Koller. Noch immer kämen durchschnittlich 50 Briefe am Tag an, an Spitzentagen bis zu 100. "Seit nunmehr elf Jahren beschäftigt uns dieser Fall."

Tatsächlich ist es die häufigste Variante des Kettenbriefes, wie Frank Ziemann sagen kann. Angedockt an die TU Berlin hat der IT-Experte einen Hoax-Infodienst für Span- und Betrugsfälle eingerichtet und klärt über die Lügen-Ketten auf. Solange Geld dabei keine Rolle spielt, sei die Verteilung kein Straftatbestand. Und eine Schande ist es wohl nicht, in die Falle zu tappen. "Behörden aus allen Bundesländern sind schon darauf reingefallen", sagt Ziemann. "Letztendlich sind es ja immer einzelne Menschen."

Den krebskranken Jungen gab es übrigens weder in Tulln noch anderswo. Wahrscheinlich geht seine Erfindung auf Craig Shergold zurück, der einen als unheilbar angesehenen Hirntumor hatte. Für den Neunjährigen startete 1989 jemand eine Aktion mit Genesungswünschen - damals noch per Postkarte. Craig wurde geheilt. Noch heute bekommt der Mittdreißiger Postkarten.

Ob man den Kettenbrief nach Tulln jemals stoppen kann? "Wenn ich wüsste wie, hätte ich es gemacht", sagt Frank Ziemann. "Man kann nur immer wieder aufklären. Ich versuche das jetzt seit über zehn Jahren."

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