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Maria Neuendorff 16.11.2012 21:11 Uhr

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Kampf ums romantische Licht

Berlin (MOZ) Die ersten der 43500 erhaltenen Berliner Gaslaternen wurden in den vergangenen Wochen schon gegen Energiesparlampen ausgetauscht. Gegen die Umrüstung gibt es große Bürgerproteste. An diesem Sonnabend wollen die Freunde des Gaslichts in Charlottenburg mit einer Menschenkette gegen den Abriss demonstrieren.

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Ein fünfarmiger Kandelaber von 1904

© MOZ/Maria Neuendorff

"Denn das Licht der Gaslaternen lässt uns schwindeln und warm sind die Nächte in Berlin - Wir taumeln durch die Straßen so, als wären wir jung und schön", heißt es in einer Strophe der Band "Element of Crime". Es sind längst nicht die einzigen Zeilen, die dem besonderen Flair der Gaslaternen huldigen. Noch 43500 Stück gibt es in den Berliner Westbezirken. Ein weltweit einzigartiges Ensemble, das der geschichtlichen Situation der geteilten Stadt geschuldet ist. Und das durchaus Potenzial hätte, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden.

Das meint jedenfalls Joachim Raetzer, Erster Vorsitzender des Vereins "Pro Gaslicht". Der Beamte aus Blankenfelde-Mahlow wird Teil einer Menschenkette sein, die sich am Sonnabend ab 14.30 Uhr um das Amtsgericht Charlottenburg schlängeln will. In den angrenzenden Straßen stehen besonders viele der historischen Exemplare - von der sogenannten Schinkelleuchte, Baujahr ab 1892, bis zu den "Peitschenmasten" der 50er-Jahre. "Das warme gelbe Gaslicht ist einfach wunderbar. Es blendet nicht, und wenn man sich mit einem Blumenstrauß unter eine Laterne stellt, dann ist das ganze Farbspektrum zu sehen", schwärmt Joachim Raetzer.

Doch in der kommenden Woche sollen auch in Charlottenburg die Bauarbeiter anrücken, um die Leuchten gegen das neue Modell "Jessica" zu ersetzen. Der Senat hat ihren Austausch schon 2007 beschlossen. "Nur mit dem Ersatz durch eine moderne elektrische Beleuchtung ist das umweltpolitische Ziel des Landes Berlin, den Energieverbrauch der Straßenbeleuchtung in den nächsten Jahren um 30 bis 50 Prozent zu senken, zu erreichen", heißt es aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Allein nach der Umrüstung der noch rund 8000 Reihengasleuchten an den Erschließungsstraßen werde die CO2-Emission um 9200 Tonnen pro Jahr geringer sein, rechnet man dort vor.

Doch für die Umstellung von Gas auf Strom müssen nicht nur die Birnen gewechselt, sondern auch die zum Teil kunstvoll verzierten Masten weggerissen werden. Geschehen ist das schon in so mancher Straße in Spandau und Neukölln, in Lichterfelde wurden schon ganze Gebiete umgerüstet. Bis 2020 will der Senat die "Energiewende" auf den Bürgersteigen vollzogen und die meisten der 43 500 gasbetriebenen Straßenlaternen durch elektrische ersetzt haben.

Für die Gaslichtfreunde eine furchtbare Vorstellung. Auch viele Prominente setzen sich inzwischen für die Gasleuchten ein. Vor kurzem gab Ilja Richter an der Komödie am Kurfürstendamm eine Benefiz-Vorstellung zugunsten der Vereine "Denk mal an Berlin e. V." und "Gaslicht-Kultur e. V"., um mit den Einnahmen weitere Aktionen zum Erhalt der Berliner Gaslaternen zu finanzieren. Für diese Veranstaltung gewann er Künstler wie Katharina Thalbach, Anita Kupsch, Klaus Hoffmann, Thomas Quasthoff und Walter Plathe. "Erst setzen uns die EU-Verwaltungseierköppe zu Hause unter ein eiskaltes Energiespar-Lampenlicht, und nun knipst uns der Berliner Senat auch noch die charmante Berliner Straßenbeleuchtung aus", ließ sich Richter auf der Theater-Webseite zitieren. Wer "Licht aus" sagt, müsse auch den Spott ertragen.

Mit dem Abriss verschwinde nicht nur ein Berliner Kulturgut, sondern auch Lebensqualität von der Straße, sagt auch der Vereinsvorsitzende Joachim Raetzer, der vor vielen Jahren aus Frankfurt (Main) in die Hauptstadtregion zog. Das Licht von "Jessica" sei nicht nur so grell wie auf einem Krankenhausflur, sondern zöge auch anders als das Gaslicht Insekten an. Durch den Abstrahlwinkel der neuen Masten, die den 50er-Jahre Peitschenmasten ähneln, werde jetzt zwar mehr Licht auf die Fahrbahnen gelenkt. "Auf den Bordsteinen kommt dagegen kaum noch etwas an." Und die Masten passten sich farblich nicht mehr den Grünzügen am Straßenrand an, sondern mit einem hässlichem Grau angestrichen.

Die Reihenleuchten mit ihrem tropfenförmigen Glasgehäuse, die nun als erste verschrottet werden sollen, wurden in den 1950er-Jahren entwickelt, weil man sich als Inselstadt nicht zu sehr vom Stromimport abhängig machen wollte. In Zeiten, in denen Vattenfall in Berlin gerade die Kosten um 13 Prozent erhöhen will, nur noch auf Strom zu setzen, findet Raetzer "fast schon hirnrissig". Er glaubt nicht, dass sich die Umrüstung auf Energiesparlampen, für die der Senat nach eigenen Angaben 30 Millionen Euro einplant, am Ende rechnen wird. "Heute wird nur noch auf Schnelllebigkeit produziert. Die neuen Lampen müssen nach 20 bis 30 Jahren sowieso wieder ausgetauscht werden - ein gußeiserner Gaskandelaber hält dagegen ewig", sagt der Laternen-Fan.

Wie gut manche Exemplare die Zeiten überdauert haben, kann man im Gaslaternen-Freilichtmuseum in der Nähe des Bahnhofs Tiergarten sehen. Nach Einbruch der Dämmerung leuchtet es dort aus 90 verschiedenen Modellen. In einer der Laternen sieht man sogar noch echte Flammen züngeln. Die Camberwell-Leuchte, im Stil der englischen Neugotik, war die erste, die vor fast zwei Jahrhunderten nach Berlin importiert wurde. 1826 tauchten 27 Exemplare den BoulevardUnter den Linden in ein neues Licht.

Das Feuer in dem nachgebauten Modell im Tiergarten wird sobald wohl nicht ausgehen. Denn laut Senatsverwaltung soll bei maximal fünf Prozent der Berliner Leuchten der Gasbetrieb beibehalten werden - vorzugsweise in eingetragenen Denkmalbereichen.

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