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Versuch einer Aufarbeitung der Stalinzeit mit Sergej Lochthofen und Dietmar Bartsch beim Schorfheider Kamingespräch

Überzeugte Kommunisten trotz Gulag und Verbannung

Interessante Gesprächsrunde (v.l.): der Panketaler Publizist Michael Schäfer, Autor Sergej Lochthofen, Dietmar Bartsch (Linke, MdB) und Schorfheides Bürgermeister Uwe Schoknech
Interessante Gesprächsrunde (v.l.): der Panketaler Publizist Michael Schäfer, Autor Sergej Lochthofen, Dietmar Bartsch (Linke, MdB) und Schorfheides Bürgermeister Uwe Schoknech © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sabine Rakitin / 18.11.2012, 23:40 Uhr
Eichhorst (MOZ) Was bewegt einen deutschen Kommunisten, der unter Stalin viele Jahre im Gulag und in der Verbannung gelitten hat, an seiner Überzeugung festzuhalten, sich in der DDR niederzulassen und dort als SED-Funktionär politische Karriere zu machen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des "Schorfheider Kamingesprächs" am vergangenen Freitag im Cafè Wildau.

Journalist und Autor Sergej Lochthofen, der unter dem Titel "Schwarzes Eis" die Lebensgeschichte seines Vaters aufgeschrieben hat, wurde 1953 in Workuta geboren. "Wenn man als Kind eines Verbannten geboren wurde, war man ein Verbannter", sagt er. Lochthofen erinnert sich an die kahle Landschaft und die Kälte, an die Hütte am Strand, in der die vierköpfige Familie lebte, immer das Lager vor Augen, in dem der Vater fünf Jahre inhaftiert war. Er erinnert sich an den Stacheldraht, an die Wachleute, an Gerüche. "Die Eltern haben sich bemüht, dass es für uns wie ein Abenteuer war", sagt der heute 59-Jährige.

1958 konnte die Familie aus der damaligen Sowjetunion ausreisen. Lorenz Lochthofen, aus Dortmund stammend, wählte die DDR als Heimat. Obwohl es Adenauer gewesen sei, der die Freilassung der Familie mit verhandelt habe, weiß sein Sohn. Und eigentlich wollte die DDR die Lochthofens auch gar nicht haben. Doch sowohl sein Vater als auch sein Großvater, die zusammen fast ein halbes Jahrhundert in stalinschen Lagern inhaftiert gewesen waren, seien bis ins hohe Alter nie verbittert gewesen. "Das ist genetisch bedingt", glaubt Sergej Lochthofen. Die SED-Karriere seines Vaters in der DDR erklärt er sich so: "Er ist ein großer Organisator gewesen und deshalb in der DDR noch einmal durchgestartet". Lorenz Locht-hofen brachte es bis zum Mitglied des Zentralkomitees der SED.

Doch so einfach, wie der Journalist im Cafè Wildau es erzählt, ist es eben nicht gewesen. Dietmar Bartsch, stellvertretender Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Bundestag, von 1986 bis 1990 Aspirant an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU, erinnert an die 1940-er und 1950-er Jahre im Nachkriegsdeutschland: "Das Gros ist in diese andere Republik gekommen, weil sie glaubte, dass es der bessere deutsche Staat ist", bemerkt er. Sergej Lochthofen stimmt zwar zu, weiß aber auch: "Die Menschen machen sich Illusionen", Die Tatsache, dass damals in der DDR Frauen und Männer auf der Straße weggefangen und in sowjetische Lager gebracht wurden - er nennt sie "die dritte Generation der deutschen Gefangenen in Workuta" - sei ungeheuerlich gewesen, sagt der 59-Jährige. Die Frage beantworten, warum Menschen wie sein Vater und sein Großvater trotz allem Kommunisten blieben, kann aber auch er letztlich nicht beantworten.

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