Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Museum auf Schmalkost gesetzt

Stefan Lötsch / 07.12.2012, 07:57 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Hartmut Preuß, bisher schon Leiter des städtischen Museums in Eisenhüttenstadt, wird ab kommenden Jahr auch für das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR verantwortlich sein. Woher die Mitarbeiter kommen, die die Öffnung der Einrichtung sicherstellen sollen, war am Donnerstag nicht in Erfahrung zu bringen.

Fast schien es so, als hätte eine friedliche, vorweihnachtliche Stimmung die Stadtverordneten bei ihre letzten Sitzung in diesem Jahr am Mittwochabend erfasst. Eine Vorlage nach der anderen wurde ohne Diskussion einstimmig durchgewunken. Aber wahrscheinlich sparten die Abgeordneten auch nur ihre Kräfte. Denn beim Tagesordnungspunkt über die Zukunft des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR wollte die Rednerliste kein Ende nehmen. Immerhin gab es auch dort dann in einem Punkt Einigkeit: Die Einrichtung soll erhalten bleiben und alles für den Fortbestand getan werden. Nur über das Wie wurde gestritten.

Nach monatelanger Diskussion und nachdem sich der Museums-Trägerverein angesichts der ungewissen weiteren Finanzierung die Auflösung beschlossen hat, will die Stadt in Absprache mit dem Landkreis und dem Land als Geldgeber das Dok-Zentrum für zwei Jahre übernehmen, sagte Bürgermeisterin Dagmar Püschel (Die Linke).

Sowohl Erich Opitz (Bürgervereinigung Fürstenberg/Oder) als auch Gerald Staar (CDU) sowie Lutz Mück (FDP) machten auf die desolate Haushaltslage der Stadt aufmerksam. Momentan drückt die Stadt ein Schuldenberg von 57 Millionen Euro. Alle drei sprachen sich dafür aus, dass sich die Stadt aus der Finanzierung der Einrichtung - bisher fließen jährlich 76000 Euro der Stadt - zurückzieht. "Ich möchte gerne, dass das Dok-Zentrum erhalten bleibt", sagte Erich Opitz. Anderseits sehe er als Stadtverordneter die engen Handlungsspielräume. Opitz kritisierte den bisherigen Trägerverein: "Ich finde es unmöglich, dass der Verein sich so schnell zurückgezogen hat." Er machte den Vorschlag, dass sich um private Spenden bemüht werden solle.

Lediglich die SPD-Fraktion wollte zumindest für 2013 noch einmal den Zuschuss fließen lassen, um in dieser Zeit eine vernünftige Lösung zu finden. Holger Wachsmann verwies darauf, dass eigentlich ein Kulturstättenkonzept erarbeitet werden sollte, in das dann auch die Finanzierung des Dok-Zentrums eingearbeitet werde. Werde der Vorschlag der Stadt umgesetzt, den Zuschuss zu streichen und damit die wissenschaftliche Arbeit aufzugeben und nur die Dauerausstellung aufrechtzuerhalten, dann sei das ein erster Schritt zur Komplettschließung.

Letztlich stimmten 13 Stadtverordnete für den Vorschlag der Stadtverwaltung, zehn dagegen, fünf enthielten sich. Damit wird das Museum von der Stadt übernommen, allerdings nicht mehr finanziell unterstützt. Die Zuschüsse des Landes (90000 Euro) und des Landkreises (55000) reichen aus, um 2,5 Stellen zur Absicherung der Öffnungszeiten und eine halbe Stelle für eine Museumspädagogin zu finanzieren. In den nächsten zwei Jahren werden keine neuen Sonderausstellungen (bisher waren es 20) vorbereitet, auch die wissenschaftliche Arbeit wird eingestellt. Bis Ende 2014 soll ein neues Trägerkonzept samt Finanzierung stehen.

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Marco Habeck 08.12.2012 - 09:07:16

was wir alle vermutet hatten

Ich wäre dafür den jetzigen Zustand der Ausstellung zu Dokumentieren. Mal schauen wenn die ersten Kritischen Dinge entfernt werden aus der Ausstellung. Vielleicht weil man damit nichts anfangen kann oder bewusst. Auch der Fundus ist gefährdet das dort Zeugnisse der Diktatur verschwinden. Die Frau Püschel hat keine Ahnung welchen Schaden Sie da anrichtet. Eine anerkannte Einrichtung wird zu Grunde gerichtet. Sie wird die Stadt nachhaltig damit beschädigen. Sicher man kann über alles in einer Vernünftigen Form Diskutieren dazu war Sie aber nie Bereit. Das Ziel war klar. Ihren Parteikollegen kam das gerade recht. Da der Teilweise Kritische Umgang mit dem SED Unrecht einigen nicht gefiel. Bürger Seit Wachsam das genau diese Kritische Auseinandersetzung nicht aus der Ausstellung verschwindet. Am Ende können wir uns nur noch die Eierbecher betrachten. Die schöne heile Welt aus Sicht der Täter wird dann dort zu sehen sein. Das ist der Preis der verlorenen Unabhängigkeit.

klaus Tretner 07.12.2012 - 14:56:28

Hier wird die "Vergangenheit" weggespart

Ich kann hier auch nur falsche "Emotionen" erkennen. Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern will, hat keine Zukunft. Das Thema Seilschaften und so weiter kann ich nicht einschätzen. Aber eines wird hier eindeutig sichtbar, die Vergangenheit stört. Und wem stört die Vergangenheit? Doch nur Mitmenschen, die eine "dunkle Vergangenheit" hatten. Das dunkle Loch seiner eigenen Vergangenheit soll hier zugestopft werden. Und da nehme ich keine Partei oder Amt raus aus meiner Annahme. Wer zu seiner Vergangenheit steht, spart sie nicht weg.

Peter Müller 07.12.2012 - 13:58:37

Possenspiel mit traurigem Ausgang

Das überregional mit großem Interesse wahrgenommene Dokumentationszentrum sieht wohl einer trüben Zukunft entgegen. Die Ursachen sind vielschichtig und nach außen schwer zu vermitteln. Schuld daran trägt zu einem großen Teil die Bürgermeisterin, die sich wie so oft als völlig unfähig erweist. Ohne mit anderen Beteiligten gesprochen zu haben, darunter auch die anderen Geldgeber Land und Kreis, wurde der städtische Finanzierungsanteil in Frage gestellt. Was natürlich bei den beiden anderen Partnern zur Ankündigung des Rückzugs von der Finanzierung führte. Der angebliche Sparwille als Hauptargument zur Streichung der Mittel für das Dokumentationszentrum hält einer Prüfung nicht Stand. Gespart werden soll unter dieser Bürgermeisterin generell nur außerhalb der Verwaltung. Zeitgleich sollten im Haushalt 2012 die Mittel für das Städtische Museum um fast den gleichen Betrag erhöht werden. Wie passt das zusammen? Was steckt dahinter? Offensichtlich ist eine linke Bürgermeisterin an einer Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit nicht interessiert. Gerade die neue Dauerausstellung bietet dazu einen guten Ansatz auch unter dem Blickwinkel der politischen Bildung. Das muss aber weiter geführt werden. Es besteht seit 2011 der Auftrag, die musealen Einrichtungen der Stadt durch ein Konzept neu zu ordnen und umzugestalten. Das soll nun doch noch bis zum 31.12.2012 geschehen. Die gestrige Entscheidung stellt eine entscheidende Festlegung dar, die das Dokumentationszentrum aus den konzeptionellen Vorstellungen de facto entfernt. Offensichtlich sollen bestehende Strukturen zementiert werden, die mit erheblichem finanziellen Aufwand kaum überregionale Bedeutung erlangen. Das Städtische Museum ist eine bessere Heimatstube und die Städtische Galerie ist nur bei den Ausstellungseröffnungen wenn überhaupt gut besucht. Die vorliegenden Besucherzahlen belegen das. Auch ich sehe in diesen Bereichen erhebliche Einsparpotenziale. Dazu ist es aber erforderlich, alles auf den Prüfstand zu stellen. Dazu zählen auch Veranstaltungen wie die Tanzwoche, die viele Mittel binden und nur wenige wirklich erreichen. Die Stadt leistet sich auch per Satzung ein Tanzensemble. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich eine Verteilung der Mittel nur nach Einfluss in der Verwaltung durchgesetzt hat. Es läuft jetzt die Betrachtung der Haushaltswirtschaft der Stadt durch einen externen Berater an. Wenn jetzt im Vorfeld Entscheidungen getroffen werden, die wichtige Einrichtungen wie das Dokumentationszentrum in Frage stellen, kann eine unabhängige Betrachtung kaum zum Erfolg führen. Eisenhüttenstadt hat nicht so viele überregional wirksame Anziehungspunkte. In Zusammenhang mit der sanierten Innenstadt bietet sich das Dokumentationszentrum auch als touristisches Ziel mit einmaligem Charakter an. Natürlich kann man davon keine Wunderdinge erwarten, aber wer solche Chancen bewusst oder durch Unfähigkeit aufs Spiel setzt, schadet der Zukunft der Stadt.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG