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Iris Schieferstein fertigt Kunst und Mode aus toten Tieren

Seltsame Fabelwesen aus Tierkadavern

Bildhauerin Iris Schieferstein bemalt am Dienstag  in ihrer Werkstatt in Höhenland - Leuenberg mit einem Pinsel den Kuhkopf "Kunigunde" mit schwarzer Farbe. Die Skulptur ist Teil der Ausstellung "Fier", die ab dem 16. Januar 2013 im Atelierhaus "The Wye"
Bildhauerin Iris Schieferstein bemalt am Dienstag in ihrer Werkstatt in Höhenland - Leuenberg mit einem Pinsel den Kuhkopf "Kunigunde" mit schwarzer Farbe. Die Skulptur ist Teil der Ausstellung "Fier", die ab dem 16. Januar 2013 im Atelierhaus "The Wye" © Foto: dapd
dapd / 11.01.2013, 11:43 Uhr
Berlin (dapd) Kunigundes Lippen sind etwas ausgetrocknet. Mit einem dünnen Pinsel trägt die Künstlerin Iris Schieferstein schwarze Acrylfarbe auf den Mund der Kuh auf, bis er glänzt. Kunigunde regt sich nicht, ihr Blick ist vor langer Zeit erstarrt. Das schwarz-weiß gefleckte Tier war einst eine prächtige Milchkuh, nun ist ihr Inneres mit Gips ausgestopft. Auf den Kopf der Kuh hat Schieferstein ein Hirschgeweih montiert, auf dem Boden stehen zwei Schuhe, gefertigt aus Ponyhufen. Mit solchen seltsamen Fabelwesen aus den Überresten von Tierkadavern hat sich Schieferstein einen Namen gemacht. Tierschützer hassen sie, Lady Gaga wollte ein Paar Schuhe von ihr kaufen. In der kommenden Woche präsentiert die Künstlerin neue Objekte im Rahmen der Berliner Fashion Week.

Ihr Atelier im ostbrandenburgischen Leuenberg ist in diesen Tagen der Hauptaufenthaltsort der gelernten Bildhauerin. "Ich bin total übermüdet, weil ich die ganze Nacht durchgearbeitet habe", sagt sie. Mit einer Farbpalette in der Hand steht die 47-Jährige vor der Kuhskulptur und trägt an verblassten Stellen Farbe auf. Kunigunde wird in der kommenden Woche während der Showroom Days in dem Atelierhaus The Wye gezeigt. In einer Kiste sind die Exponate für eine zweite Ausstellung verpackt. Gemeinsam mit dem Künstler H. P. Adamski präsentiert Schieferstein ihre berühmten Hufschuhe in der Ausstellung "To Die For". Die Schau ist vom 16. Januar bis zum 5. Februar in der Galerie Epicentro zu sehen.

Sie sei eine Grenzgängerin zwischen Kunst und Mode, sagt Schieferstein. "Ich beschäftige mich sehr intensiv mit Schuhen, aber ich mache das, weil das für mich Schuhskulpturen sind." Und natürlich sei sie auch eine Schuhfetischistin. "Schuhe sagen enorm viel über den aus, der sie trägt", sagt sie und zieht sich zu Demonstrationszwecken einen ihrer Hufkreationen an den Fuß. Das Obermaterial besteht aus Kuhfell, die Hacken bilden aus Gips gegossene Revolver. Die Ideen für die eigenartig anmutigen Kreationen kämen aus ihrem Unterbewusstsein, sagt die Künstlerin. "Ich träume nachts sehr viel. Dann überlege ich mir, ob ich das machen muss."

3.900 Euro für ein Paar Hufschuhe

Die Umsetzung der Ideen nehme viel Zeit in Anspruch. "An einem Schuh arbeite ich bis zu drei Monate", berichtet sie. Kuh- oder Pferdebeine hole sie sich vom Schlachter. Dann schneide sie die Haut ab, hole das Fleisch heraus und entferne die Knochen. "Dann folgt der Prozess des Gerbens." Schließlich modelliere sie die Schuhe, füge andere Materialien hinzu. Bis zu 3.900 Euro kostet ein fertiges Exemplar. Der Arbeitsaufwand rechtfertige den Preis, sagt sie.

Bereits seit 1990 arbeitet die zierliche Frau mit toten Tieren. Ihre Dozenten an den Kunsthochschulen in Kassel und Berlin-Weißensee schockierte sie mit Skulpturen aus in Formaldehyd konservierten Hühnerköpfen.

In einem Regal stapeln sich Federn, Knochen und Hüte mit Schweine- und Hundeköpfen. An einer Kette an der Decke hat Schieferstein einen bizarren Leuchter installiert: Eine ausgestopfte Gans spendet Licht mit einer Glühbirne im Schnabel. Ein Rehkopf ziert eine Tasche.

Hassbriefe von Tierschützern in der Post

Es gibt Menschen, denen gefällt das gar nicht. Vor nicht allzu langer Zeit fand Schieferstein fast täglich einen Hassbrief in ihrer Post. Auch Frank Schmidt, Kampagnenleiter Mode bei der Tierschutzorganisation Peta, hat an Schieferstein geschrieben. "Ich habe sie gebeten, bei ihren Werken auf tierfreundliche Materialien zurückzugreifen, anstatt Leichenteile von Tieren in der Öffentlichkeit auszustellen", sagt er.

"Auch wenn die Tiere nicht eigens für ihre Ausstellungen getötet werden, so unterstützt sie doch Grausamkeiten wie eine nicht artgerechte Haltung, indem sie etwa Schlangenhäute von Tieren benutzt, die von Exotenbörsen stammen oder Pferdehufe vom Schlachter verwendet", sagt der Tierschützer.

Schieferstein widerspricht. Ihre Werke seien im Gegenteil auch als Kritik an Massentierhaltung und anderen Grausamkeiten der Zivilisation zu verstehen. "Das Tier ist heutzutage überhaupt nicht mehr sichtbar. Das Tier steht nicht im Mittelpunkt. Wir essen Wurst, auf der ein grinsendes Teddygesicht abgebildet ist", sagt sie. Sie wolle den Tieren eine Stimme geben, gerade auch in Hinblick auf Massenproduktion.

Draußen vor dem Haus grasen ihre Pferde. Ob sie die nach dem Tod auch zu Kunst verarbeiten würde, wisse sie nicht, sagt sie und fügt hinzu: "Ich kann es nicht sagen. Ich kann es nicht ausschließen, aber ich würde keine Schuhe aus ihnen machen."

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