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Frauke Adesiyan 15.01.2013 07:47 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

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Eine Stadt als Provokation

Frankfurt (MOZ) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen über 6700 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe "Woran ich arbeite" berichten wir künftig jede Woche aus dem wissenschaftlichen Alltag der Viadrina.

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Begeistert sich für neuere Geschichte: Werner Benecke in seinem Büro im Collegium Polonicum. Mit seiner Fensterfront Richtung Oder hat er sein Forschungsgebiet Mittel- und Osteuropa immer im Blick

© Michael Benk

Werner Benecke entdeckte sein derzeitiges Forschungsthema quasi im Vorbeifahren. Auf der Zugstrecke zwischen Frankfurt und Poznan sah der Professor für Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas immer wieder den mitten im Nirgendwo stehenden Bahnhof von Zbaszynek. Einmal ausgestiegen, entpuppten sich der Bahnhof und der dazugehörige Ort als Zeugnisse eines "nationalen Konkurrenzwettbewerbs mit Mitteln der Architektur in der ostbrandenburgischen Provinz". So zumindest umschreibt der Viadrina-Professor mit Sitz am Collegium Polonicum sein Thema, das er mit großem Interesse verfolgt.

Die Geschichte, in die er sich damit vertieft, beginnt 1919 mit der im Versailler Vertrag begründeten neuen deutsch-polnischen Grenze. Dort, wo diese Grenze die Eisenbahnstrecke nach Posen kreuzte, sahen sich die Deutschen veranlasst, ein Zeichen zu setzen. "Man baute eine demonstrative Eintrittspforte in das Deutsche Reich", erklärt sich Benecke den Aufbau von Neu Bentschen zu Beginn der 1920er-Jahre. Es sollte deutlich werden: Hier beginnt ein hochmodernes Land. In Frankfurt entwarf ein Architekt für die Reichsbahndirektion Ost die Stadt am Reißbrett. Sie wurde in das Niemandsland an der Bahnstrecke gebaut. Aus der Zollstation wurde zunächst eine Junggesellensiedlung, bis die Familien hinterher zogen. Man baute zwei Kirchen - eine evangelische und eine katholische - eine große Schule und ein Gemeindehaus.

"Es war eine Stadt als Provokation", erklärt Benecke sein Interesse für die Geschichte des Ortes. Grenz-Geschichte einmal nicht nur aus Frankfurt-Slubicer Sicht zu betrachten, findet der Professor überaus reizvoll. Dabei erforscht er nicht nur die Entstehungsgeschichte der Reißbrett-Stadt, beispielsweise im Archiv der Technischen Universität Dresden, wo er alte Fachzeitschriften durchforstet. Er interessiert sich genauso für das Alltagsleben. Ein kommentierter Bibliothekskatalog gibt ihm darüber Auskunft. Hilfreich sind hier Verweise zu einzelnen Büchern, etwa die Warnung: "Nicht für katholische Leser". "Aus diesem Satz können sie einen Kuchen backen", freut sich der Historiker über seine Entdeckung.

Aufschlussreich sind für ihn aber auch Gespräche mit dem Bürgermeister der Stadt. In den Semesterferien will Benecke ihn wieder besuchen. "Mal schauen, was er in seinem Panzerschrank liegen hat", hofft er auf weitere Unterlagen zur Ortsgeschichte. Einen guten Draht haben die beiden bereits. Nicht nur, dass Benecke sehr gut Polnisch spricht. Er ist wie der Bürgermeister auch Technik-begeistert.

Ein trauriges Kapitel, das die kurze Neu Bentschener Geschichte ebenfalls beinhaltet, ist die sogenannten Polenaktion im Oktober 1938. Damals sollten Tausende polnische Juden unter anderem nach Zbaszyn, dem polnischen Nachbarort von Neu Bentschen, abgeschoben werden. Da man ihnen auf polnischer Seite die Einreise verweigerte, wurde Neu Bentschen zum inhumanen Zwischenstopp für viele. "Es begann ein Kräftemessen auf Kosten der Deportierten", erklärt Benecke die damalige Situation. Unter den Abgeschobenen waren die Eltern von Herschel Grynszpan, dessen Anschlag auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst von Rath in Paris den Nationalsozialisten als Anlass für die Pogromnacht diente. Im Rahmen des 75. Jahrestages der Polenaktion wird Benecke in diesem Jahr einen Vortrag an der Viadrina halten.

Abseits der Aktualität, die ein solcher Jahrestag bietet, schätzt es Benecke, in seiner Forschung eigenen Interessen folgen zu können. "Das Risiko ist, dass man sich verirrt", beschreibt er die Gefahr, wenn er allein arbeitet. Der Reiz, eigene Akzente zu setzten, überwiege das Risiko aber bei weitem. "Es ist das schönste Gefühl, wenn man merkt: Du bis der Erste an einem Thema", bringt er die Liebe zu seinem Beruf auf den Punkt.

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