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Aufbruch in eine neue Zeit

Angermünde . Mit einer bewegenden Festveranstaltung anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls erinnerte man in Angermünde am Montag an den 9. November 1989 und die Zeit des Aufbruchs danach. Zeitzeugen schilderten ihre persönlichen Gedanken an diese Zeit. Eigens für diese Veranstaltung wurden Filmsequenzen der Aufbruchzeit und Gegenwart in Angermünde zu einer Bildchronik zusammengeschnitten. Sie zeigte, wie sich Angermünde kurz vor dem Zusammenbruch der verfallenen Altstadt zu einem Kleinod mauserte und sich auch die Ortsteile in 20 Jahren verändert haben.

Was verbinden Menschen verschiedener Generationen mit dem 9. November 1989? Daran erinnerten sich Angermünder am Montag bei einer öffentlichen Festveranstaltung in der Aula des Einstein-Gymnasiums, zu der die Stadt eingeladen hatte.

"An jenem historischen Tag ist mir in der uckermärkischen Kreisstadt kein besonderes Ereignis erinnerlich", begann Festredner Pfarrer Justus Werdin seinen persönlichen Rückblick. "Wohl waren die Herbsttage 1989 geprägt von den mutigen Schritten wieder zu erlernenden aufrechten Ganges der Bürger, auch geprägt von erwartungsvoller Spannung und niemand konnte sagen, was noch kommen werde. Der Wind der Veränderung war noch nicht da, zu spüren war aber schon ein erstes Wehen: das Neue Forum hatte angefangen zu arbeiten mit Andreas Amende und den Geschwistern Tornow, Pfarrer Uecker, Birgit Kühr und weiteren Mitstreitern", erinnerte sich Justus Werdin. Die Nachricht von der Maueröffnung kam erst am Abend über die Medien in die Häuser und schon in den nächsten Tagen waren die Züge von und nach Berlin voller begeisterter Menschen gewesen. "Der erste Geschmack an diesem Wendepunkt der Weltgeschichte war der Geschmack der überraschenden Freiheit. Zu begreifen war das alles nicht, aber zu erleben: Wahnsinn!"

Justus Werdin verweilte allerdings nicht lange bei der Schilderung der Stimmung des Wendeherbstes, sondern mahnte auch, dieses Selbstbewusstsein, diese Würde und erkämpfte Demokratie nicht wieder der Gleichgültigkeit zu opfern und sich auch um das innere Zusammenwachsen zu kümmern. "Kann man Menschlichkeit den Behörden überlassen? Das wäre so, als würde man Demokratie den Abgeordneten überlassen", richtete Werdin den Blick auf die Demokratie der Gegenwart, die noch immer aufrechter Bürger bedürfe, die aufbegehren, wenn Demokratie missbraucht wird.

Dass Geschichte nichts Abstraktes, sondern immer auch individuell gelebtes und erlebtes Leben ist, bewiesen eindrucksvoll vier Zeitzeugen, die ihre persönlichen Erinnerungen an die Wende erzählten. Wolf-Hugo Just war als erster freigewählter Bürgermeister Angermündes zur Festveranstaltung eingeladen. Er gehörte 1989 zu den Mitbegründern der Sozialdemokratischen Partei in der Stadt. Für Klaus Schreiber bedeutete die Wende auch eine persönliche Zäsur. Der Physiklehrer wurde Bäcker, eröffnete den Betrieb seines Vaters wieder neu. Aus den Erfahrungen dieser Zeit mahnte er: "Wir sollten uns wieder auf die sozialen Werte, die wir einmal hatten, besinnen."

Aus ganz anderer Perspektive erlebte Gunnar Hemme die Wendezeit. Der Bauernsohn ist in der Lüneburger Heide aufgewachsen und nahm wie die meisten seiner Landsleute die Grenze als Normalität hin, die unumstößlich sei. "Die Initialzündung zur Wiedervereinigung kam ganz allein von den Bürgern der DDR. Darauf sollten sie stolz sein", betonte Gunnar Hemme, der nach der Wende in den Osten kam und in Angermünde die Hofmolkerei Hemme-Milch aufbaute.

Als zehnjähriger Junge erlebte Christian Radloff die Wendezeit, überwältigt vom ersten Mal, das Brandenburger Tor durchqueren zu können und erwartungsvoll, ob Westberlin wie ein Westpaket schnuppern würde. Er sprach den Bürgern Dank aus, die damals mutig den Aufbruch wagten, und jenen Staatsdienern, die besonnen handelten und die Menschen gewähren ließen.

Für Gänsehautstimmung sorgten nicht nur die Redner, sondern auch Schüler des Gymnasiums, die mit musikalischer Umrahmung den Bogen in die Gegenwart zogen. Für ihre Generation ist die Zeit der Wende Geschichte, Geschichte, die erzählt werden muss, wie an diesem Abend und immer wieder.

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