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Herta Bentlage aus Welsow gewann mit Konzept einer Dorf-Wirtschaft Ideenwettbewerb der Robert-Boschstiftung

Mit Besenwirtschaft Neuland gewinnen

Zum Wohl: Herta Bentlage aus Welsow will mit selbst gemachtem Obstwein Zukunft im Dorf mitgestalten
Zum Wohl: Herta Bentlage aus Welsow will mit selbst gemachtem Obstwein Zukunft im Dorf mitgestalten © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Daniela Windolff / 25.01.2013, 07:24 Uhr
Welsow (MOZ) Es gärt im uckermärkischen Welsow. Im 140-Seelen-Dorf hinterm Töpferberg hat ein Modellprojekt Aufmerksamkeit in Ostdeutschland erweckt. Mit dem Konzept einer Besenwirtschaft als Dorfprojekt hat sich Herta Bentlage aus Welsow beim Wettbewerb "Neulandgewinner" der Robert-Bosch-Stiftung beworben. Den Wein hatte sie vorausschauend schon mal angesetzt. Am Donnerstag wurde sie in Berlin als Siegerin gekürt.

Am Ende des Dorfes wird Zukunft gemacht. Auf dem Hof hinter dem großen Bauernhaus plustert der Hahn sein Gefieder auf. Die Katze huscht durch den Schnee. Die Langsamkeit ist hier Lebenskonzept. In der steingefliesten Küche blubbern auf der Fensterbank Weinkruken leise vor sich hin. Äpfel, Mirabellen, Himbeeren und Rhabarber aus dem großen Garten haben hier Zeit, sich hochprozentig zu veredeln. Herta Bentlage hat den Obstwein angesetzt, lange bevor ihr Traum zur Idee und die Idee zum Konzept reifte. Jetzt kann sie mit Apfelwein auf sich selbst anstoßen, ehe sie ihn Gästen ausschenkt.

Die zugezogene Welsowerin ist eine von 20 "Neulandgewinnern" der Robert-Bosch-Stiftung in den neuen Bundesländern, die aus insgesamt 760 Bewerbungen für kleine lokale Demografiekonzepte ausgewählt wurden. Am Donnerstagabend wurde in Berlin feierlich der Startschuss gegeben. Den Gewinnern winken bis zu 50 000 Euro Förderung zur Anschubfinanzierung.

Die Idee aus Welsow ist einfach und wohl gerade deshalb so überzeugend, weil kein großer Träger dahinter steht, sondern Menschen vor Ort, die aus eigenem Antrieb etwas für das Dorf bewegen wollen. "Ich will in Welsow eine kleine saisonale Besenwirtschaft nach süddeutschem Vorbild mit eigenem Obstweinausschank aufbauen, wo sich die Dorfbewohner treffen und sich selbst einbringen können, wo Touristen absteigen und hausgemachte Kleinigkeiten kosten können und wo sich andere Dörfer der Umgebung Anregungen und Hilfe holen, um etwas Ähnliches bei sich aufzubauen", erklärt die 53-jährige studierte Biologin ihre Idee.

Darüber brütet Herta schon, seit sie 1996 nach Welsow, gezogen ist. "Wir wollten unbedingt aufs Land, haben erst in der Prignitz geschaut, aber die war schon zwischen Hamburg und Berlin aufgeteilt und dementsprechend teuer. Und auch die Landschaft ist langweilig. Als wir diesen Hof in Welsow entdeckten, haben wir uns sofort darin verliebt. Hier habe ich zum ersten Mal mit offenem Mund staunend einen Laubfrosch gesehen, nicht ahnend, dass die ohrenbetäubenden Konzerte hier zum Dorfalltag gehören, ebenso wie die Störche an der Kirche." Diese Landliebe hält bis heute an. In Welsow sind die beiden Kinder aufgewachsen, als typische Landkinder: Sohn Vincent (18) mit Katze auf dem Schoß wenn er am Computer sitzt, Tochter Sophia (21) mit Pferden hinterm Haus. Herta und ihr Mann Herrmann, der biologische Kläranlagen entwickelt, versuchen, sich mit dem Dorf, mit der Natur und der Urigkeit der Leute zu arrangieren. Er ist in der Freiwilligen Feuerwehr, sie im Gemeindekirchenrat. "Wir sind zwar noch immer die bunten Exoten, aber dennoch sofort freundlich aufgenommen worden. Aber man trifft sich im Dorf nur noch, wenn man mit dem Hund spazieren geht. Es gibt keinen Laden, keine Kneipe."

Dafür bald eine Besenwirtschaft, hofft Herta Bentlage und lacht breit und ansteckend. Apfelwein unter Apfelbaum, Flammkuchen zum Froschkonzert, Kinder, die körbeweise Pflaumen an der kleinen Pflasterstraße sammeln, Dorffrauen, die gemeinsam Wein ansetzen, Marmelade kochen, Gäste bewirten und sich so vielleicht ein paar Euro dazuverdienen, Radfahrer, die hier rasten und ungezwungen mit den Dorfbewohnern plaudern ... So malt sich Herta Bentlage die Zukunft aus. Sie ist eine Frau, die lieber Latschen statt Pumps trägt, die die Hände in die Hüfte stemmt, laut lacht und sagt, was sie denkt.

Die gebürtige Niedersächsin lebte lange in Baden-Württemberg und erlebte dort diese gastliche Tradition. "Man schaut einfach ins Telefonbuch, welche Besenwirtschaft aufhat und plant danach seinen Spaziergang."

Besen- oder auch Straußenwirtschaften haben vor allem in Weinbaugegenden eine lange Tradition. Dort dürfen Winzer mit Sonderausschankgenehmigung eigenen Wein und einfache selbstgemachte Speisen auf dem eigenen Hof anbieten und brauchen dafür kein Gewerbe für Gastronomie. Früher zeigte ein Besen vor der Tür an, dass geöffnet ist. "Hier fehlt so etwas - kein gestyltes Café, sondern ein uriger Dorfmittelpunkt, der auch für Touristen attraktiv ist". Eine Küche hat Herta Bentlage auf ihrem Hof auf eigene Kosten schon gebaut. Die Hygiene hat sie abgenommen. Es braucht außerdem noch ein Gesundheitszeugnis, eine Sonderausschankgenehmigung... Der Weg ist noch lang. Die größte Hürde hat sie genommen. Ihr Projekt wird nicht mehr belächelt, sondern mit der Preisverleihung der Bosch-Stiftung als ein Zukunftsmodell zur Meisterung des demografischen Wandels in ländlichen Regionen gepriesen. "Nach Präsentation vor der Jury, war ich sicher, dass ich raus bin. Niemand hat was gesagt, keiner hat eine Frage gestellt", erinnert sich Herta Bentlage an den bangen Moment. Wenige Tage später kam der Anruf: Sie hat gewonnen. "Ich bin in die Luft gesprungen". Jetzt klatscht sie in die Hände. "Es kann losgehen!"

Leserforum

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Katze 07.01.2015 - 16:36:25

@Leser

Nun ja, wie die Zeit vergeht. Ist das schon wieder 2 Jahre her. Ich bin leider auch nicht dazu gekommen, dort mal vorbei zu schauen und über die aktuelle Entwicklung nicht im Bilde. Es scheint wohl, das das Ding in den Sand gesetzt wurde, schade .Natürlich geht ein hoher Prozentsatz dieser Versuche schief, aber das ist kein Grund , schon vorher die Flinte ins Korn zu werfen.

Leser 07.01.2015 - 08:33:36

Was nun ?

@ Katze wo ist der Boden hin, der ausgeschlagen wurde? Ich hatte recht... Die priv. Förderung muss zurück gezahlt werden. Diese hat nichts mit schlecht reden zu tun ... wir sind einfach mal realistisch und lassen uns von solchen Quark nicht irritieren. Und diese gesamte Aktion ist eine Wettbewerbsverzerrung. Die neue Zeit lässt eben mal viel Unfug zu. Und das schlimme daran ist, dass es immer wieder und noch Menschen gibt, die sich hiervon blenden lassen. Es wird hierbei noch nicht einmal nach einer Berufserfahrung im Gastro.- Tourismus. - oder Wirtschaftbereich gefragt.

Riesling 05.02.2013 - 16:30:56

Möge es auf Dauer gelingen

Meine Eltern haben in den 1950er Jahren in Ermangelung von Alternativen regelmäßig selbst Wein angesetzt (bevorzugt Hagebutten- und Schlehenwein) und Marmelade gekocht. Beides war immer sehr lecker und man wusste, was drin war. Eine Besenwirtschaft in Welsow wird vermutlich nie das Potential entwickeln, um dem Baumblütenfest in Werder Konkurenz zu machen, aber es ist eine gute Idee, von der man nur hoffen kann, dass sie einen längeren Atem hat, als manch anderer Versuch, den Tourismus in der Uckermark zu beleben. Jeder, der durch Eigeninitiative versucht, sein Leben selbst zu gestalten, hat unsere Achtung verdient. Frustrierte und Nörgler, die immer noch darauf warten, dass eine gute Fee kommt, die sie zu den Honigtöpfen führt, haben wir genug. Dies bestätigen auch einige der hier abgesonderten Kommentare exemplarisch. Als alteingesessene Uckermärker und Liebhaber aller Buschenschänken, Besen, Strauß- und Häckerwirtschaften wünschen wir der angehenden Besenwirtin viele und zufriedene Gäste. Wir sehen uns.

Katze 29.01.2013 - 18:55:24

Papperlapapp; Auch Leser

Eigentlich wollte ich mich nicht mehr äußern, doch Ihre Kommentare schlagen dem Fass den Boden aus: Aus Bequemlichkeit oder was auch immer für Gründen, gelingt es Ihnen weder den Artikel noch andere Kommentare richtig zu lesen. Papperlapapp: Weder komme ich mir besonders klug vor, noch habe ich meine Marmelade gerühmt, ich habe lediglich erwähnt, dass wir aus den Früchten unseres Gartens sehr viel Marmelade hergestellt haben. Wenn Sie sagen, dass kann jeder Fünfjährige, so freut mich das und lässt mich hoffen, dass da eine Generation heranwächst, die in der Lage ist meine Rente zu verdienen. Auch Leser: Bei sorgfältigen Studieren des Artikels hätten Sie vermutlich bemerkt, dass die Begründerin der Besenwirtschaft einen Preis einer privaten Stiftung gewonnen hatte und keine öffentlichen Fördermittel in Anspruch nimmt, obwohl die bei Ihr sicher besser angelegt wären, als bei manch anderem sinnlosen Projekt.

Auch leser 29.01.2013 - 14:24:44

die gute frau kann nichts dafür

mann sollte einfach nur mit offenen augen durchs leben gehen. es gibt genug beispiele die diese fehlförderung bestätigen. die gaststätte,tischlereien, schmieden wurden geschlossen, weil unser land auf bildungswerke gesetzt hat. die einheimischen firmen konnte nicht unterm preis ihr ware an den mann bringen. die bevölkerung wanderte ab in den westen, weil unser landesvater herr stolpe 4000,- dm kopfgeld gegeben hat. ..... es kommt keiner mehr zurück .... und schon garnicht wegen einer besenwirtschaft. jeder versucht aus der not heraus das rad wieder neu zu erfinden. das ist eine verzerrung des wettbewerbs. somit wird auch die letzte gaststätte in greiffenberg ums überleben bangen, denn hier gab es keine subvention. wenn die fördermittel verbraucht sind, wird sich die gute frau ein neues projekt suchen müssen. aber das wird auch kein problem sein. dieses geld hätte in ein dorfgemeinschaftshaus fließen können, oder alle gastwirte erhalten die gleiche förderung.

Papperlapapp 29.01.2013 - 13:33:52

@ Katze

Sie dünken sich besonders klug oder was ? Ich schrieb nur von der Aussicht eines Tourismus. Ich redete weder die Besenwirtschaft noch andere Personen schlecht. Sie hingegen kommen hier an und schließen über Kommentare über einen irgendwie gearteten Intellekt des Schreibers. Da fragt man sich schon, wer weniger von hat? Sie brauchen auch ihre ach so tollen Marmeladenkünste nicht rühmen. Dieses banale Zeug kann jeder 5-jährige zusammenrühren. Und ja, wir machen das auch. Schonmal drüber nachgedacht, daß in der Uckermark etwas teurer ist, weil es genau aus diesem Grund in den Läden weniger verkauft wird ? Die Sache ist viel komplexer, als sie annhemen und es handeln mehr Leute bereits danach, als sie wissen. Besenwirtschaft ja. Unter den momentanen Vorraussetzungen allerdings nur sinnvoll für die Bewohner in den Dörfern selbst.

Johannes 28.01.2013 - 21:34:48

:)

Juchuuuu, herzlichen Glückwunsch :) Ich freu mich schon auf einen Besuch in Welsow. In der Uckermark gehts steil bergauf. Im Sommer mach ich mein Praktikum bei euch wenns klappt :) LG

Katze 26.01.2013 - 15:32:11

@finke aus stolpe

Ihre Reaktion auf meinen Kommentar beweist, dass sie entweder diesen nur oberflächlichlich gelesen haben oder ,was ich wohl eher befürchte, intellektuell nicht annähernd zu erfassen, was ich ausdrücken wollte. Ich habe kein Problem damit, einheimische Produkte zu verarbeiten. Mein Keller steht voll mit Marmelade aus den Früchten meines Gartens- das werden meine Familie und ich vermutlich nicht aufessen, bis die nächste Ernte heran ist. Was ich sagen wollte, ist, dass die Kollegin, die die Besenwirtschaft betreibt, mit ihrer Tatkraft einen kleinen Teil dazu beiträgt, dass Touristen sich berufen fühlen, ihre Schritte in die Uckermark zu lenken, was sicher für alle Beteiligten Vorteile mit sich bringt. Es ist nur traurig, dass offenbar Zugewanderte diejenigen sein müssen, die die Initiative ergreifen. Einheimische wie Sie, Herr/frau Finke aus Stolpe, gefallen sich offenbar darin, zu jammern und ihren Neid auf diejenigen herauszuposaunen, die anpacken. Schönes Wochenende!

finke aus stolpe 25.01.2013 - 22:07:45

@katze

nicht so bequem oder faul sein. wenn es so viel obst in der natur gibt, selbst hand anlegen und einen eigenen wein ansetzen. der schmeckt viel besser, weil selbst gemacht. dafür muss es keine besenwirtschaft geben.

Katze 25.01.2013 - 18:19:34

Ganz tolle Idee!!

So etwas kann die Zukunft für viele märkische Dörfer sein- wo Bäcker; Fleischer, Laden , Kneipe ; Schule usw. abhanden kamen. Obst wächst in vielen märkischen Bauerngärten mehr als es verbraucht werden kann!! Ärgerlich nur das es immer wieder so Spielverderber wie Leser oder Papperlapp gibt, die sich wohler fühlen, wenn sie jammern und nörgeln können statt die Ärmel hochzukrempeln! Ich wünsche der tatkräftigen Dame allen Erfolg der Welt und werde sicher mal in welsow vorbeifahren um den Obstwein zu testen!

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