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Cornelia Hendrich 28.01.2013 21:00 Uhr - Aktualisiert 29.01.2013 13:38 Uhr
Red. Uckermark, schwedt-red@moz.de

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Beten zum fliegenden Spaghettimonster

Templin (MOZ) Aus den USA schwappte die Bewegung der "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" nach Deutschland, tausend Anhänger soll sie hier haben. Der Impuls dazu kam aus der Uckermark. Die Anhänger treffen sich beim Italiener und beten das "Monster-Unser". Natürlich ist das alles ein großer Spaß, hat aber auch einen ernsten Hintergrund.

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Da fliegt es vorbei: Rüdiger Weida, genannt Bruder Spaghettus, von der "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" mit seinen Anhängern bei einer Zeremonie. Die "Kirche" versteht sich als Religionskritik mit Humor.

© Rüdiger Weida

"Wir sind die einzige wissenschaftliche Religion weltweit", behauptet Rüdiger Weida. Denn ihre Religion verpflichte sie zum ständigen Zweifel. "Wir gehen davon aus, dass das Wichtigste im Evangelium falsch sein könnte", sagt er. Das sei der Kern, dieser "innewohnende, immerwährende Zweifel". Zehntausende Anhänger habe die "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" (KdfSM) deutschlandweit, sagt er, organisiert seien etwa 1400 "Pastafaris", wie sie sich nennen.

Der Rentner mit dem dichten grauen Bart ist, wenn man so will, das deutsche Oberhaupt. Rüdiger Weida, 62, aus Templin war früher Jugendsozialarbeiter. Er ist eine beeindruckende Erscheinung und ein guter Rhetoriker. 2005 hat er eine der ersten KdfSM-Gemeinden von Templin aus aufgebaut. Viele der Treffen werden in seinem abseits gelegenen Haus im Wald in Templin abgehalten. Dort werden dann Reliquien wie eine alte Flasche Rum und eine Piratenflagge gepriesen.

Die "Kirche des fliegenden Spaghettimonsters" will eine kritisch-satirische Organisation sein - deshalb auch der bizarre Name. Entstanden ist das Ganze in den USA 2005. Anlass war, dass im Bundesstaat Kansas Kindern im Biologieunterricht (nicht im Religionsunterricht) neben Darwin auch die göttliche Schöpfungsgeschichte gelehrt werden sollte. Darüber erregte sich der Physiker Bobby Henderson und schrieb ein Buch, eine Parodie auf den Kreationismus, in der er das Spaghettimonster schuf. Seine Meinung: Warum sollte man dann nicht auch die genauso unbeweisbare These lehren, dass ein fliegendes Spaghettimonster die Welt erschaffen habe? Der Protest gegen den neuen religiösen Schub in den USA ließ das Ganze zu einer Bewegung werden. Bobby Henderson wird von den Pastafari inzwischen als "Prophet" verehrt.

Alles ist dabei mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Trotzdem, der durchaus ernste Sinn ist es, gegen Fundamentalisten jeglicher Art zu protestieren. Jedoch mit Humor und Satire. Denn es ist ja der Humor, der religiösen Fanatikern fehle. "Wir wollen niemanden verspotten, veralbern oder verletzten", so Rüdiger Weida. Man wende sich gegen den Glauben, nicht gegen Gläubige. Ein Dorn im Auge sind den Pastafari alle Arten von Dogmen. Gerade die Beweisführung der Kreationisten mit dem alleinigen Schöpfer bei allen abrahamitischen Religionen ist für sie ein Ärgernis. "Diese Wahrheiten, die man zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen hat. Das sind Denkverbote, und die sind nie positiv." Auch die Pastafari könnten tolle Sachen beweisen. So verglich jemand Daten der Erderwärmung mit denen des Aussterbens der Piraten. Und siehe da: es passte. "Unsere These ist deshalb, dass die Erde wärmer wird, weil die Piraten aussterben", sagt Weida. Deshalb tragen die Anhänger Piratenkostüme. Ziel ist: zum Nachdenken anregen. "Wenn die Leute sagen, das ist doch Blödsinn, vielleicht merken sie, dass es andere Religionen auch sein könnten." 2000 Jahre alte Weisheiten zu verfolgen, sei kein guter Indikator für gesellschaftlichen Fortschritt, sagt er. Er führt auch an, dass in säkularen Gesellschaften die Kriminalitätsrate niedriger und die Moral höher sei. So zu sehen am amerikanischen Bibel-Belt, dem Gürtel aus strenggläubigen Staaten, in denen die Kriminalität hoch sei. Diese These ist allerdings umstritten, es könnte sich hier auch um den Effekt handeln, dass die Bessergestellten meist Atheisten sind. Schwerpunkt der Bewegung sind die USA und Australien, laut eigenen Aussagen gibt es weltweit 30 Millionen Anhänger.

Gutgelaunt demonstrieren die Pastafaris in Berlin zum Papstbesuch oder treten am Rande der Kirchentage, so wie im Mai wieder in Hamburg, auf. Dort allerdings ist ihnen nur die "religionsfreie Zone" erlaubt. Beim Kirchentag in Dresden habe er einen Kinosaal gefüllt. 50 Leute seien konvertiert, erzählt Rüdiger Weida. Die Pastafari fordern Religionsunterricht über das Spaghettimonster und dass andere Kirchen auf ihr Niveau "heruntergehoben" werden. "Auf diese Art, wie wir Religionskritik machen, erreicht man gut junge Leute." Er schätzt das Durchschnittsalter der Anhänger auf 30. Regelmäßig veranstalten sie "Nudel-Messen", bei der sie die heilige Messe aufs Korn nehmen. Am Freitag, der für die Pastafari ein Feiertag ist, schreibt Rüdiger Weida, der sich Bruder Spaghettus nennt, in seinem Blog sein "Wort zum Freitag". Überhaupt, man trifft sich in Blogs, Foren und auf Facebook. Rund zehn Stunden pro Woche wendet er dafür auf.

Aber es gibt auch ganz reale "Tourneen" durch Deutschland. Zuletzt waren sie in Bochum, Frankfurt oder Hannover. "Im Westen ist die Resonanz höher als im Osten", sagt er und vermutet, dass es an dem höheren kirchlichen Druck liege. 20 bis 50 Leute kämen zu den Veranstaltungen. Dort werden das "Monster-Unser" gebetet und Schriften verlesen. Ein Zwischending zwischen Satireshow, Religionskritik und Kindergeburtstag seien diese Veranstaltungen, sagte die Münstersche Zeitung. "Das Wichtigste ist, dass wir miteinander Spaß haben. Wir sind eine Gemeinschaft." Das nächste Treffen gibt's am 16. Februar in Kreuzberg - für die Spaghettimonster-Fans natürlich beim Italiener.

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