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"Kriegsverrat ist eine Friedenstat"

Denkwürdig: Ludwig Baumann (links) und Dr. Hans Otto Bräutigam, Vorsitzender des Fördervereins der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, enthüllten am Mittwoch eine Gedenktafel für Opfer der NS-Militärjustiz. "Ihnen gehört unsere Anerkennung", so Br
Denkwürdig: Ludwig Baumann (links) und Dr. Hans Otto Bräutigam, Vorsitzender des Fördervereins der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, enthüllten am Mittwoch eine Gedenktafel für Opfer der NS-Militärjustiz. "Ihnen gehört unsere Anerkennung", so Br © Foto: Ulrike Kirsten/MZV
Ulrike Kirsten / 09.05.2013, 17:09 Uhr
Oranienburg (MZV) Das Grauen verfolgt Ludwig Baumann bis heute, die einsamen Nächte in der Todeszelle, die Angst, den nächsten Tag nicht zu erleben, die Erschießungen im Waldgraben, bei denen er zur Abschreckung dabei sein muss. "1942 haben sie mich und Kurt bei Bordeaux verhaftet. Dann haben sie uns gefoltert, weil wir unsere Freunde von der französischen Resistance nicht verraten wollten", erinnert sich der 91-Jährige.

Als er erkennt, dass der Zweite Weltkrieg ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg ist, desertierte der ehemalige Soldat. Baumann wurde begnadigt, das gegen ihn verhängte Todesurteil nicht vollstreckt. Doch für den gebürtigen Hamburger enden die Leiden längst nicht. Im Nachkriegsdeutschland werden die Wehrmachtsverweigerer als Feiglinge, Verräter und Kriminelle beschimpft. "Ich wurde in Hamburg zusammengeschlagen von Angehörigen der Wehrmacht. Nachdem mein Vater starb, der recht wohlhabend war, habe ich angefangen zu trinken. In drei Jahren hatte ich alles Geld vertrunken", sagt Baumann.

Auch als er seine Frau kennenlernt, kann er nicht von der Flasche lassen. "Bei der Geburt unseren sechsten Kindes ist sie gestorben. Danach habe ich Verantwortung übernommen und unsere Kinder fortan allein groß gezogen", sagt der Vorsitzende der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz. Dass nun endlich eine Gedenktafel in der Gedenkstätte Sachsenhausen enthüllt wird, sieht er als späte Würdigung der Wehrmachtsverweigerer und Deserteure. "Wir haben lange um eine Rehabilitierung und die Aufhebung der NS-Unrechtsurteile gekämpft, immer wieder sind wir mit unserem Anliegen bei der Politik auf Granit gestoßen."

2002 endlich der Durchbruch: Die Bundesregierung hebt die Urteile pauschal auf, Gesetzesänderungen folgen. Kriegsverräter werden nicht rehabilitiert. "Natürlich waren unter den Opfern auch Täter", sagt Baumann. Eine Alternative zum Kriegsverrat gibt es für ihn dennoch nicht. "Was ist besser, als den Krieg zu verraten? Kriegsverrat ist eine Friedenstat", ist Baumann überzeugt.

Für gewaltsame Auseinandersetzungen hat der Friedensaktivist kein Verständnis. Bis heute engagiert er sich für mehr Gerechtigkeit in der Welt. "100 000 Menschen sterben täglich an Armut, und die reichen Länder scheren sich nicht darum, in armen Ländern Krieg zu führen. Was wäre denn, wenn diese plötzlich ihre Interessen militärisch bei uns vertreten würden?"

Seine Heimatstadt Hamburg will die Opfer der NS-Militärjustiz mit einem Denkmal ehren, am Dammtor, gleich gegenüber dem Kriegerdenkmal, das 1936 errichtet wurde. 2013 soll es fertig sein. "Das ist ein Zeichen. Mit diesem Gedenkstein als Gegenstück zur Kriegsverherrlichung setzt die Stadt denen ein Denkmal, die sich mutig einem menschenfeindlichen System widersetzten. Ich hoffe, ich erlebe die Eröffnung noch."

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