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Frank Wiemeyer fotografierte das wahre Leben in der Diktatur / Vieles erinnerte ihn an DDR

Verbotene Fotos aus Nordkorea

Frank Wiemeyer
Frank Wiemeyer © Foto: MOZ/Andrea Weil
Andrea Weil / 13.05.2013, 07:31 Uhr - Aktualisiert 13.05.2013, 10:11
Schwedt (MOZ) An einem Morgen schallte Marschmusik aus den Lautsprechern entlang der Straße. Frank Wiemeyer war auf und halb angezogen, noch bevor seine Augen richtig offen waren. Wie als Junge, als er von den Fanfarenzügen am 1. Mai geweckt wurde. Dabei war er nicht in der DDR, sondern im Jahr 2012 in einem Folklore-Hotel in Nordkorea. Er hatte auf einer traditionellen Matte geschlafen und der Weckruf galt nicht ihm, dem Touristen, sondern dem Volk in der "Demokratischen Volksrepublik Korea".

Dieses Erlebnis hat den Schwedter Fotografen zum Titel seiner Ausstellung "Jeder Tag ist 1. Mai" inspiriert. Drei Tage war sie in der "Galerie 16303" zu sehen, jetzt wandert sie in etwas abgespeckter Form nach Stettin, ins Kana Theater, am pl. sw. Piotra i Pawla 4-5, wo sie vom 30. Mai bis 20. Juni zu Gast ist.

Frank Wiemeyers Bilder zeigen all das, was der Reiseführer der westlichen Touristengruppe in dem diktatorischen Land verboten hatte zu fotografieren: Menschen bei der Arbeit, Militär, die alten Lastwagen und abgewrackten Schiffe neben wenigen hochmodernen Architekturen. Vieles hat er aus dem fahrenden Bus heraus geknipst, ein Schnellschuss aus der Hüfte, nicht immer scharf, aber immer aussagekräftig. "Ich will mich nicht als Held aufspielen, der alle Regeln bricht", wehrt Frank Wiemeyer ab. "Ich sammle auch keine Spenden für Nordkorea. Ich wollte Zeitzeuge sein."

Ein kleines Mädchen steht auf einer riesigen, leeren Bühne, fast erdrückt von dem schweren, blutroten Vorhang - ein kleiner Blick abseits der Massen-Kulturveranstaltungen. Ein Propagandaplakat mit hoffnungsfroh voranschreitenden Soldatinnen und Soldaten kann nicht die großen Schimmel- und Feuchtigkeitsflecken verdecken, die sich über das mehrstöckige Wohnhaus ziehen. Bei der müden Kuh am Straßenrand kann man jede Rippe zählen. Wie ein futuristischer Laser ragt das Hochhaus, das einst das höchste Gebäude der Welt werden sollte, als ewige Baustelle in den Himmel, während rundum die Stadt zerfällt und den Betrachter an die Nachrichten vom hungernden Volk erinnern.

Die elf Tage in Nordkorea waren für Frank Wiemeyer kein Urlaub, sondern hochkonzentriertes Arbeiten: Das Land feierte den 100. Geburtstag ihres 1994 verstorbenen "ewigen Präsidenten" Kim Il-sungs. Die Reisegruppe durfte sich nicht frei bewegen, die Hotels nicht ohne Begleitung verlassen, nicht mit Einheimischen sprechen. "Ab dem zweiten Tag haben alle auf den Reiseleiter gehört, wenn er sagte, wo wir gehen und stehen sollten - und gleichzeitig haben sie sich aufgeregt, dass das Volk so gehorsam ist", erinnert sich Frank Wiemeyer. Vieles kam dem 49-Jährigen bekannt vor. "Die in der DDR aufgewachsen sind, konnten die Manipulation durchschauen und erkennen, wo gelogen wurde." Die Gespräche mit den Ausstellungsbesuchern haben ihn gefreut. "Es ist interessant, was die Bilder bei Menschen auslösen."

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