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23.12.2009 17:43 Uhr

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Von der Seife zur Weihnachtsgans

Neuendorf . Weihnachtslieder klingen durch den festlich erleuchteten Raum, die Kerzen am Christbaum glänzen und in der Luft liegt der Duft von Gänsebraten und Rotkohl. An den Festtagen verwöhnt das Gasthaus "Zum Großen Stein" alle Sinne. Doch so gemütlich ging es in dem Traditionshaus nicht immer zu.

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Beim Weihnachtsessen gibt es keine Experimente. Das ist eine der goldenen Regeln, die Jörg Hieronimus für seine Gastwirtschaft "Zum Großen Stein" in Neuendorf aufgestellt hat. "Wir schwören auf die Gänsebrust nach Martinsart, schön gefüllt mit Äpfeln, Zwiebeln und Beifuß, mit einer Spur Thymian und Ingwer." Und genauso kommen die saftigen Braten am ersten und zweiten Feiertag bei ihm auf den Tisch.

"Der typische Brandenburger ist nicht so experimentierfreudig, schon gar nicht zu Weihnachten", weiß der Wirt. Und so füllen, würzen und brutzeln Köchin Steffi Kachel und ihre Kollegen das viele Federvieh eben ganz klassisch. "Gut und gerne 50 Gänse haben wir vorrätig", schätzt die 27-Jährige. Die zwei Öfen in ihrem 50 Quadratmeter großen Reich stehen bereits auf Dauerbetrieb. Bis zu 100 Portionen Gänsebrust fasst einer dieser modernen Dampfgarer. Das ist wichtig, damit es während des Festtagsbetrieb nicht zu Engpässen kommt.

Immerhin 600 Gäste haben sich über die Mittagszeit an beiden Feiertagen einen Platz reserviert. Das Restaurant ist restlos ausgebucht. Erste Bestellungen gingen bereits im August ein. Für Jörg Hieronimus und Ehefrau Daniela, die ebenfalls in der Wirtschaft arbeitet, ist das Fest jedes Jahr eine Herausforderung. "Es ist zwar viel Routine drin, aber ein bisschen aufgeregt ist man schon, ob alles klappt und die Gäste zufrieden sind", sagt die adrette Frau im schicken Servierdress.

So gut lief es in Neuendorf nicht immer. Das Traditionshaus sah auch andere Zeiten. "Als wir nach dem Krieg angefangen haben, war hier alles leer", erinnert sich Hannchen Hieronimus, Mutter des heutigen Chefs und selbst lange Jahre für die Wirtschaft verantwortlich. "Die Russen hatten alles ausgeräumt. Wir hatten nichts", denkt die zierliche 80-Jährige zurück. Und auf dem Bollerwagen, mit dem sie und ihre Mutter Berta aus dem heute in Polen gelegenen Krossen über die Grenze kamen, befand sich nur ein einziger Topf. "Wir hatten keine Schüssel, nichts."

Als ihr Vater, Karl Tismer, aus der Kriegsgefangenenschaft zurückkehrte, fand er Frau und Tochter in einer kleinen Bleibe zusammen mit anderen Flüchtlingen. Sofort bemühte er sich um das leerstehende Restaurant, das damals noch "Alter August" hieß. Ende 1945 stellte er beim Rat des Kreises einen Antrag zum Eröffnen einer Wirtschaft, erhielt jedoch nur die Genehmigung zum Vertrieb von Kolonial- und Fleischwaren. "Da standen wir hier drin und verteilten Lehmseife und Rohrzucker." Hannchen Hieronimus sitzt an einem der schönen Fensterplätze, auf der kleinen Bühne des Gastraums. "Damals hatten wir überhaupt noch keine Stühle, die hat mein Vater erst später von einem Wirt in Oderberg geborgt."

Mitte 1947 bewilligten die Behörden dann den Antrag zur Eröffnung einer Gaststätte. Die ersten eigenen Stühle gab die Familie erst 1951 in Auftrag, "solche schönen, mit geschwungener Lehne", erinnert sich die alte Dame.

Gäste öffneten die Tür des Lokals in dieser Zeit selten - zumal es dort nur Bier und Schnaps gab. Erst als Hannchen Hieronimus und Ehemann Herbert den "Laden" übernahmen, führten sie einen Imbiss ein. "Aber es gab ja alles nur auf Zuteilung", winkt die ehemalige Wirtsfrau ab. "Zehn Kilo Bockwurst pro Woche."

An saftige Weihnachtsgänse jedenfalls war nicht zu denken. Erst nach der Wende beschloss Jörg Hieronimus die Erweiterung des Angebotes. "Ansonsten hätten wir nicht überlebt", schätzt er ein. Die winzige Küche wurde auf 25, dann auf 50 Quadratmeter erweitert, als zweites Standbein ein Cateringservice eröffnet. Schließlich kann der Gasthof nicht täglich so viele Gäste wie zu Weihnachten begrüßen. Damit trotz des Trubels etwas Zeit für die Familie bleibt, ist am Heiligen Abend geschlossen. Dann nehmen Daniela und Jörg Hieronimus selbst an einem festlich gedeckten Tisch Platz, lauschen Weihnachtsmusik und lassen sich bewirten, von der Schwiegermutti.

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