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Eröffnungsveranstaltung auf Schloss Reichenow / Mehr als 280 registrierte Teilnehmer aktuell dabei

Startschuss für Mobilitätsprojekt

Reichenow, 25.08.2013: Start des Mobilitäts-Selbsthilfekonzeptes MObiL mit Wolfgang Schroeder, Staatssekretär Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie, Landrat gernot Schmidt, Autorin und Philosophin Imma Luise Harms, initiator Thomas Winkelko
Reichenow, 25.08.2013: Start des Mobilitäts-Selbsthilfekonzeptes MObiL mit Wolfgang Schroeder, Staatssekretär Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie, Landrat gernot Schmidt, Autorin und Philosophin Imma Luise Harms, initiator Thomas Winkelko © Foto: Christina Bohin
Christina Schmidt / 26.08.2013, 08:40 Uhr
Reichenow (MOZ) Vor der zauberhaften Kulisse des Reichenower Schlosses wurdeg im Beisein zahlreicher Akteure und Unterstützer das Mobilitäts-Selbsthilfekonzept MObiL

offiziell gestartet. Während sich die alteingesessenen Oderbrücher noch etwas schwer tun, ist die Mehrzahl der Anwesenden begeistert vom Projekt.

Die quietschende Farbe Pink ist das Erkennungszeichen für die MObiL-Teilnehmer. Und so wie die Signalfarbe der Ausweise vorbeifahrende Autofahrer bereits von weither auf einen Anhalter aufmerksam machen soll, kündet auch am Sonntagnachmittag die Flagge auf dem Reichenower Schloss von dem Projektstart. Initiator Thomas Winkelkotte, ebenfalls im blassen pinkfarbenen T-Shirt, ist besonders gefragt. Insgesamt 280 Teilnehmer haben sich bisher für sein Mitmachprojekt angemeldet, bei dem sich Fahrer und Anhalter vorab registrieren, sich über einen entsprechenden Aufkleber am Auto und den Ausweis wiedererkennen und so eine sichere Fahrgemeinschaft für beide Seiten garantiert ist. "Noch überwiegt die Anzahl derer, die mitfahren wollen. Das Verhältnis zu den Trampern liegt bei ungefähr 80 zu 20 Prozent", weiß der Initiator. Aber das Projekt gehe ja jetzt erst so richtig los. Vor allen in Schulen will er gehen, weil es häufig die jungen Leute sind, die ohne fahrbaren Untersatz von ihren Dörfern nicht wegkommen.

Überzeugungsarbeit muss er auch bei anderen leisten: Den alteingesessenen Oderbrüchern. "Sie argumentieren immer damit, dass sie ohnehin Anhalter mitnehmen. Aber wir wollen, dass sie das nicht nur im eigenen Dorf, sondern auch in den Nachbargemeinden tun", hält Winkelkotte ihnen vor. Edeltraud und Hans-Joachim Güttrich aus Reichenow zählen zu eben jenen, die erst noch von der Idee angesteckt werden müssen. "Wir fahren nur aus bestimmten Gründen mit dem Auto. Wenn jemand auf Hilfe angewiesen ist, dann lassen wir auch niemanden am Straßenrand stehen", sagt der Reichenower. Ganz ausgeschlossen sei aber nicht, dass sie doch noch mitmachen. Immerhin sind die Reichenower zum Projektstart gekommen, auch wenn sie sich erst davon überzeugen lassen wollen, ob sich die Idee dauerhaft durchsetzt.

Feuer und Flamme sind hingegen viele der Anwesenden. Sie recken stolz ihren Ausweis in die Höhe. Und diejenigen, die noch nicht registriert sind, stürmen das MObiL-Infomobil. Martin Gläser und seine Frau Monika Schulze sind gar aus Waldsieversdorf gekommen. Weil sie die Idee unterstützen, wie beide nachdrücklich betonen. "Wir wohnen etwas außerhalb, die Bushaltestelle ist zwei Kilometer entfernt und wenn mein Mann morgens mit dem Auto unterwegs ist, dann ist es schwierig, von zu Hause wegzukommen", erzählt Monika Schulze. In der letzten Woche sei sie bereits mitgenommen worden - auch wenn der freundliche Autofahrer mit ihrem Ausweis nicht recht etwas anfangen konnte. "Aber ich habe die kurze Autofahrt genutzt, ihm von dem Projekt zu erzählen. So wird es sich immer weiter herumsprechen, und dann sitzt keiner mehr zu Hause fest", ist die Waldsieversdorferin überzeugt.

Von einer Zukunft, in der Dorfbewohner ohne Bedenken das eigene Auto stehenlassen oder gar gänzlich auf eines verzichten können, träumt Projektinitiator Thomas Winkelkotte. "An jeder Ecke stehen Menschen, die ich mitnehmen kann, aber ich habe das Auto schon voll", soll er seinen Traum vor der Kommission der Robert-Bosch-Stiftung geschildert haben, die sein Projekt schließlich mit 50 000 Euro förderte. Die politischen Amtsträger und Verantwortlichen jedenfalls stehen hinter der Idee. So stünde das Projekt nicht nur für Vertrauen und Offenheit seinen Mitmenschen gegenüber, es sei auch ein Signal, dass man sich mit einer Situation nicht abfinden müsse, sondern etwas ändern kann, sagt Gudrun Kiener von der Robert-Bosch-Stiftung. Barnim-Oderbruchs Amtsdirektor Karsten Birkholz hebt die Schattenseiten der Mobilität hervor. "Sie wird als Fortschritt verstanden, aber sie steht auch für 20 Prozent Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und einen Großteil des Energieverbrauchs. Die Idee von MObiL verbindet also das Angenehme mit dem Nützlichen, spart Treibgas und Energie und hilft dabei, dass wir uns alle besser kennenlernen", äußert Birkholz.

Landrat Gernot Schmidt (SPD) wendet sich in seinem Grußwort gegen Befürchtungen, das Projekt könnte - wenn auch als unfreiwillige Folge - die Einsicht in die Notwendigkeit von Investitionen in den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) schmälern. "Nein, solche Initiativen ergänzen stattdessen die Lücken im ÖPNV und schaffen Mobilität dort, wo sie in regelmäßigen Abständen nicht aufrechterhalten werden kann." In einer bemerkenswerten und mit viel Applaus bedachten Rede äußert die Reichenower Autorin und Philosophin Imma Luise Harms einen weiteren gesamtgesellschaftlichen Grund, sich den spontanen Fahrgemeinschaften anzuschließen: Das Projekt sei auch ein Protest gegen die Segmentierung der Gesellschaft in immer kleinere Einheiten.

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Thomas Winkelkotte 26.08.2013 - 18:16:27

Die Mehrzahl will mitnehmen

Vielen Dank für den Artikel. Ich möchte aber richtigstellen, daß von den mittlerweile 300 Mitgliedern, der größte Teil Autobesitzer sind, die gerne andere mitnehmenwollen. Die Hilfsbereitschaft ist groß. Die Anzahl derer, die mitgenommen werden wollen, weil sie entweder kein Auto haben und die Busverbindungen ungünstig sind oder weil sie mal auf ihr Auto verzichten wollen, also den Trampern, der Prozentsatz der Mitglieder von MObiL ist der weitaus kleinere Teil. Aber insgesamt müssen wir noch vielmehr werden.

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