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Andrea Löffler 10.09.2013 14:04 Uhr

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Die Sänger von Alexandrowka

(MOZ) Es war die einstige freundschaftliche Bande zwischen dem preußischen König und dem russischen Zaren, die einen der ungewöhnlichsten Orte hinterließ - die Russische Kolonie Alexandrowka. In den 14 Gehöften wohnen heute noch drei Familien, deren Vorfahren zu den ersten Bewohnern gehörten - russische Soldatensänger im Dienste Preußens.

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Alles Schmuckstücke: Hary Soerijanto managt das Museum der geschichtsträchtigen Siedlung.

© Britta Pedersen

Hary Soerijanto ist in der Russischen Kolonie Alexandrowka gerade viel unterwegs. Jeden Tag bewegt er sich zwischen den 14 Häusern und ihren Bewohnern. Die Zeit drängt, denn am 11. Oktober muss der Dokumentarfilm fertig sein. Er soll von den heutigen Bewohnern handeln, ihrem Alltag und ihrem Verhältnis zur geschichtsträchtigen Kolonie, die 1999 in Marrakesch von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben wurde. Doch der gebürtige Indonesier, der seit 1991 in Deutschland lebt, geht nicht nur wegen des Films von Haus zu Haus, sondern er will die Bewohner in seiner neuen Funktion als Leiter des Museums kennenlernen. Erst seit diesem Sommer managt er die Belange des Alexandrowka-Museums und hat sich vorgenommen, wieder mehr Gemeinschaft in die Kolonie zu bringen.

In der letzten Zeit war es etwas ruhiger in Alexandrowka geworden. "Das Apfelfest, das die Stadt organisiert, soll es in diesem Jahr wegen Geldmangels nicht geben. Auch das zweitägige Alexandrowka-Fest ist nicht mehr geplant.", ist der neue Museumsleiter enttäuscht. Also muss er selber aktiv werden und bereitet das Fest im Oktober vor.

Alle Häuser auf dem Gelände der Kolonie sind in privater Nutzung, bis auf das Haus Nr. 14. "Das einstige Königliches Landhaus auf dem Kapellenberg gehört heute der Stadt. Hier wohnt der russisch-orthodoxe Priester und im 1. Stock ist eine russische Teestube", erzählt der 42-jährige Museumschef. Im Haus Nr. 1 befindet sich ein russisches Restaurant, und die Nr. 2 ist die neue Arbeitsstätte von Hary Soerijanto. Im Jahr 2000 hatte es der Arzt Hermann Kremer aus Westfalen gekauft, es seit 2005 als Museum eingerichtet und denkmalpflegerisch restauriert. Die anderen Hauseigentümer oder Mieter sind Künstler, Schichtarbeiter, Psychotherapeuten, Beamte, ein früherer Elektroingenieur oder seit 2003 Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, der mit seiner Familie das Haus Nr. 8 bezogen hat.

Immerhin wohnen heute auf dem Gelände noch drei Nachkommen der früheren russischen Kolonisten, für die die Siedlung 18226/27 gebaut wurde: die Familie Grigorieff in Haus Nr. 7 (in 6. Generation), die Familie Anisimoff in Haus Nr. 9 (in 7. Generation) und die Familie Jablokoff in Haus Nr. 10. (in 7. Generation). Neben der Familie Schischkoff, die nicht mehr in Alexandrowka lebt, waren diese vier Familien die einzigen, die in der ersten Generation erbberechtigten Nachwuchs oder überhaupt Kinder hatten. Männlicher Nachwuchs war die Voraussetzung dafür, dass die Familien in Alexandrowka wohnen bleiben konnten.

Die "russischen Sänger" und die Siedlung sind eine Kuriosität der preußisch-russischen Geschichte. Nachdem das preußisch-sächsische Heer 1806 bei Jena und Auerstedt durch Napoleon geschlagen wurde und Preußen ein Zwangsbündnis mit Frankreich gegen Russland eingehen musste, waren im Feldzug von 1812 etwa 500 russische Soldaten in die Hände preußischen Truppen gefallen und nach Berlin mitgenommen worden. Dem Musikliebhaber, König Friedrich Wilhelm III., fiel der melancholische Gesang der Soldaten auf, und nachdem sich Preußen und Russland im Frühjahr 1813 gegen Napoleon verbündeten, fragte er den nunmehr zum Freund gewordenen Zaren Alexander I., ob er die russischen Soldaten in sein Herr aufnehmen und 62 von ihnen als Sängergruppe rekrutieren könne. Von dieser Zeit an sorgte der Chor ehemaliger russischer Kriegsgefangener im Heerlager des Königs für Unterhaltung.

Als der russische Zar 1825 starb, wollte Friedrich Wilhelm III. seinem Freund ein bleibendes und lebendiges Denkmal setzen. So ordnete er an: "Es ist meine Absicht, als ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Bande der Freundschaft zwischen Mir und des Hochseeligen Kaisers Alexander von Rußlands Majestät, bei Potsdam eine Colonie zu gründen, welche ich mit den, von Seiner Majestät mir überlassenen Russischen Sängern als Colonisten besetzen und Alexandrowka benennen will." Da zu jener Zeit nur noch zwölf der russischen Sänger lebten - von den einst 62 Sängern waren 41 nach Hause geschickt worden, die anderen verstarben - ließ er zwölf Gehöfte bauen, jeweils mit einem voll eingerichteten Haus und einem Stück Land, allerdings unter zwei Bedingungen. Zum einen mussten die Sänger verheiratet sein - einige suchten sich deshalb noch kurzfristig eine Frau - und sie sollten sich mit dem Stück Land selbst versorgen. Ein weiteres Gehöft bekamen ein Feldwebel als Aufseher sowie der Küster der zur Kolonie gehörenden orthodoxen Kapelle. Aus Kostengründen wurden die Häuser jedoch als Fachwerkgebäude errichtet und dann mit einer Blockhausbeplankung versehen, um die Häuser im typischen russischen Baustil erscheinen zu lassen.

Von den drei heute hier noch lebenden Familien werden wohl zwei in absehbarer Zeit nicht hier verbleiben. Der heute 76-jährige Joachim Grigorieff hat keine Kinder, und bei den Jablokoffs, so erfuhr jetzt der Museumsleiter, sehen die jüngsten Nachkommen ihrer Zukunft nicht in der Kolonie. Einzig bei der Familie Anisimoff haben die Kinder bereits zugesagt, weiterhin hier wohnen zu wollen. Damit bleibt Alexandrowka in ganz eigener Art ein Ort lebendiger Geschichte.

(Alexandrowka, Russische Kolonie; Museum / Café: Russische Kolonie 2, 14469 Potsdam, Di-So 10-18 Uhr, Tel: 0331/8170203; Teestube Russische Kolonie 1, Tel: 0331/2006478)

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