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Ina Matthes 05.10.2013 10:11 Uhr - Aktualisiert 05.10.2013 11:05 Uhr
Red. ,

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Mit der "Stemme" über den Himalaya

Strausberg (MOZ) Flüge über Hochgebirge sind für Verkehrsmaschinen riskant. Dort können unverhofft starke Luftwirbel auftreten. Ein deutsches Wissenschaftlerteam will das Fliegen im Gebirge sicherer machen.

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Fürs Hochgebirge gut geeignet: Die Stemme S10 hier bei einem Flug in den Alpen.

© Lothar Schwark

Scheint die Sonne, ist es in der Kanzel nur um die Null Grad kalt. Hängt der Himmel voller Wolken, sinkt die Temperatur unter minus zehn Grad. Der Atem kann dann schlagartig gefrieren und die Scheiben beschlagen. Dann hilft für klaren Durchblick nur noch eines: Luken auf und Durchzug. Draußen sind es minus 30 Grad.

Dass muss ein Pilot aushalten, wenn er im Segelflugzeug über Achttausender gleiten will, so wie der Berliner René Heise. Er trägt im unbeheizten Cockpit keinen Spezial-Wärmeanzug, nur eine übliche Flieger-Montur: "Dafür muss man trainiert sein", kommentiert der 48-jährige knapp. In der nächsten Woche startet der Atmosphärenforscher mit dem Piloten Klaus Ohlmann und dem Wissenschaftler Jörg Hacker von der australischen Flinders-Universität zu einer Expedition in den Himalaya. Auch Hacker und Heise sind außerdem Piloten. Dabei will das Team mit einem in Strausberg gebauten Flugzeug über den Hauptkamm des Himalaya gleiten mit Achttausenden wie dem Annapurna, dem Dhaulagiri und dem Mount Everest.

Kein Motor, nur die Aufwinde sollen sie in Höhen über 8000 Meter tragen. "Wenn das klappt, sind das Pionierflüge in Segelflugzeugen, das hat bisher noch keiner geschafft", sagt Heise, der als Physiker und Meteorologe für die Bundeswehr arbeitet.

Seine Leidenschaft gehört der Atmosphärenforschung und der Segelfliegerei. Zusammen mit Ohlmann und Hacker bildet er den Kern des "Mountain Wave Project". Bei diesem Unternehmen geht es um Fliegerei und Forschung. Vor allem um die Erforschung der so genannten Mountain Waves, auch Leewellen genannt. Das sind Phänomene in Gebirgen. Leewellen entstehen, wenn Luftströmungen auf einer Seite der Berge in die Höhe steigen und auf der anderen als gewaltiger Abwind wieder hinabstürzen, um gleich wieder nach oben gerissen zu werden.

Für Flieger sind diese Wellen wie Express-Fahrstühle. Sie rasen mit bis zu 18 Metern pro Sekunde nach oben - dreimal schneller als der Lift im Berliner Fernsehturm ist. Segelflieger suchen solche Fahrstühle. Für Verkehrspiloten können sie riskant sein, weil sich Wirbel bilden, zum einen in bodennahen Luftschichten, zum anderen in großer Höhe. Für Jets wird es besonders hoch oben gefährlich, dort, wo die Leewellen brechen. Da können gewaltige Wirbel entstehen, die im Extremfall Flugzeuge auseinander reißen. In Europa sind wegen solcher Phänomene die in Gebirgsnähe liegenden Flughäfen von Sarajewo, Bilbao oder Madeira bei Piloten unbeliebt. Anders Segelflieger. Die Sportmaschinen sind robuster als Propellerflugzeuge oder Jets. Ein geübter Segelflieger surft auf den Gebirgswellen, er gleitet sicher durch die rotierenden Wirbel in den tieferen Luftschichten und lässt sich davon nach oben tragen. Auch wenn sich das mitunter anfühlt wie "ein Rodeo auf einem Mustang", meint Heise.

Solche Höhenflüge, wie sie das Mountain-Wave-Team vorhat, macht nicht jedes Segelflugzeug mit. Die Piloten sind mit einer Maschine unterwegs, die sich auf solchen Expeditionen schon bewährt hat - der Stemme S10. Der Motorsegler, gebaut in Strausberg, besitzt eine Besonderheit: Sein Propeller lässt sich zusammenfalten und komplett in der Flugzeugnase verstauen. So wird in Sekundenschnelle aus einem Motor- ein Segelflieger. Mit der zweisitzigen bis zu 260 Stundenkilometer schnellen Maschine wollen Heise und seine Mitstreiter den Himalaya auf nepalesischer Seite überfliegen. Die gesammelten Daten sollen Verkehrsfliegern zeigen, wo turbulente Gebiete drohen. Ähnliche Forschungen hat das Team bereits erfolgreich in den südamerikanischen Anden angestellt. Mit Hilfe der Gebirgswellen konnte hier Klaus Ohlmannn mit über 2000 Kilometern auch einen Weltrekord im Langstreckensegelflug aufstellen.

Im Himalaya wollen sich die Piloten so weit als möglich von Aufwinden, die durch die Erwärmung bodennaher Luft entstehen, und den Gebirgswellen über die Achttausender tragen lassen - das ist die sportliche Herausforderung. Nur bei einigen Messflügen werden sie hin und wieder auch den Motor zuschalten. So will die Crew mit einer neuen, in Berlin entwickelten Kamera ein dreidimensionales Geländemodell des Gebirges aufnehmen. Die Forscher wollen die Veränderung der Ausdehnung der Gletscher dokumentieren, mit einer höheren Genauigkeit als sie Satellitenmessungen liefern. Das Team ermittelt aber auch die Belastung der Luft mit Schadstoffen und testet medizinische Sensoren, die Alarm schlagen, wenn ein Pilot zu wenig Sauerstoff im Blut hat. Die Ergebnisse kommen den Partnern der Mission zugute. Das sind Institute und Universitäten, darunter Einrichtungen aus Deutschland und den Himalaya-Anrainerstaaten.

Sponsoren helfen vor allem bei der Logistik dieser Expedition. Die Fachhochschule Aachen stellt eines der beiden Forschungsflugzeuge. Das andere ist in Privatbesitz. Die Reise und den Aufenthalt finanzieren die Teilnehmer selbst. "Wir sind Idealisten", sagt René Heise, der für das Projekt seinen Urlaub nimmt. Was ihn antreibt ist mehr als Abenteuerlust und die Faszination großartiger Landschaftsbilder: "Die Szenarien, die ich im Kopf habe, die Erkenntnisse über Luftströmungen - mit dem Segelflugzeug kann ich sie beweisen."

Diese Beweisführung kann auch für einen erfahrenen Piloten knifflig werden, etwa wenn ihn starke Abwinde am Berghang nach unten spülen. Notlandeplätze sind dünn gesät. Doch die größte Gefahr für einen Piloten ist aus Heises Sicht der Pilot selber. "Man darf nicht aufhören, permanent wachsam zu sein. Im Notfall muss man schlagartig reagieren können."

Ein Abenteuer ist bereits der Flug zum Basislager in Pokhara. Der Ort liegt rund 200 Kilometer von der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu entfernt. Kommende Woche will die Crew vom Strausberger Flugplatz starten und die rund 10 000 Kilometer in Etappen über Ägypten, Saudi Arabien, Pakistan und Indien bewältigen. Zwei Wochen dauert die Anreise. Vier Wochen will die Gruppe in Nepal bleiben.

Wenn die Mission erfolgreich ist, werden Flugpassagiere über dem Dach der Welt künftig weniger durchgerüttelt, weil die Piloten Wirbeln besser ausweichen können. René Heise kann sich nach dem Flug übers Dach der Welt weitere Herausforderungen vorstellen: Forschungsflüge über die Antarktis oder die Vulkanlandschaft Kamtschatkas.

 

 

Der rbb zeigt am 11.11. bei "Ozon unterwegs" eine Reportage dazu.

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