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Projekt der Bürgerbühne zeigt Brandenburger Kindheit zwischen Gummitwist, Kirschsuppe und Prügelstrafe

Mittendrin beim Blick zurück

Kathrin Putzbach-Timm / 22.10.2013, 07:52 Uhr
Schwedt (kpt) Zu einem Theaterbesuch mit mehreren Stationen wurde am Sonntag in Schwedt eingeladen. "Blick nach vorn zurück" ist ein Projekt des Fördervereins der Uckermärkischen Bühnen und der Bürgerbühne Schwedt.

Kein Gong ruft die Theatergänger auf vorgegebene Plätze. Keine Bühne separiert Schauspieler von Zuschauern. Den Besucher des jüngsten Projektes der Bürgerbühne "Blick zurück nach vorn" empfängt im Foyer der Uckermärkischen Bühnen Stimmengewirr und buntes Treiben. Akteure und Publikum sind auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden, denn der Gast wird sofort ins ungewohnte Geschehen einbezogen: Gestandene Erwachsene vergnügen sich bei Gummihopse oder Himmel und Hölle, versuchen sich am Fingertwist. Es ist die erste Station einer Zeitreise in die eigene und eine fremde Kindheit.

Heike Schmidt begrüßte am Sonntag die Teilnehmer der Expedition zu szenischen "Einblicken in das weite Feld der Kindheit", bevor die sich in zwei Gruppen teilten. Geführt begaben sie sich an ungewöhnliche Stationen der Aufführung. Der Musikraum der Schule am Schlosspark ließ sie neben den Darstellern in Schulbankreihen Platz nehmen. Im Antik-Hof am Flinkenberg versanken sie in Plüschsesseln. Antiquitäten wurden zur Kulisse, während die "Kinder" alte Reime vortrugen oder voll Schabernack von ihren Streichen erzählten.

Im Schwedter Stadtmuseum erwartete die Zeitreisenden ein beklemmendes Stück Familiengeschichte. Eine großartige Ilona Bormann verkörperte den misshandelten Sohn, der seinem Vater die Wut und Demütigung eines halben Lebens entgegen schreit, Gänsehaut und Betroffenheit hinterlassend. Für die Verwaltungsangestellte war die Rolle eine große Herausforderung. "So schwer es mir anfangs fiel, in die Rolle hineinzufinden, so sehr hatte ich Mühe, mich von dem Schicksal wieder zu lösen", erzählte sie. Ihr größtes Kompliment bekam sie von dem, auf dessen Erfahrungen diese Geschichte basiert. Dargestellt wurde die schwierige Figur des alkoholkranken Vaters, Lehrers und Genossen, von Karl Grödel, der selbst auf 91 Lebensjahre zurück blickt. Sich aus der Betroffenheit zu lösen, gelang anschließend inmitten der angrenzenden Spielzeugausstellung beim fröhlichen Schwelgen zwischen Metallbau- und Zauberkasten, Puppenstube und Kaufmannsladen, Triola und Pittiplatsch. Und so verharrt dieser Rückblick nicht in beschönigender Verklärtheit, sondern bearbeitet deutsche Geschichte(n) von Kriegskindern, über Kinder des Sozialismus bis zur Nachwendegeneration, von Flüchtlingskindern heute wie damals.

Auf den kurzen Spaziergängen zwischen den Stationen wich anfängliche Skepsis lebhaftem Austausch persönlicher Erinnerungen von "Ja, so war das" bis "Das habe ich anders erlebt".

Eine Schwedterin, Jahrgang 1965, war beeindruckt. "Ich wusste, dass es Theater der etwas anderen Art wird, aber bin überrascht, wie gekonnt Laien Sprache und Mimik einsetzen." Diese haben meist bereits beim ersten Projekt "Spur der Steine" mitgewirkt und seit Anfang September fast täglich geprobt. So wie die sechzehnjährige Schülerin Tabea Gabriel oder die künftige Erzieherin Lisette Ulrich. Die ungewöhnlichen Auftrittsorte haben die Aufregung noch verstärkt, aber ebenso ein besonderes Flair erzeugt. Auch, dass die Zuschauer sozusagen mittendrin sind, war spannend, erzählen beide nach der gelungenen Premiere.

Zum Abschluss der dreistündigen Veranstaltung wurde stilecht in Schulspeisungsmanier in der Theaterklause gespeist. Um welches typische Kindergericht es sich dabei handelt, können Interessierte noch am 23. Oktober und 3. November herausfinden.

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