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Schwester-Agnes-Modell soll bundesweit ausgeweitet werden / Aber es gibt auch kritische Stimmen

Eine für alles

Schwester Kristina Hartnick tippt bei einem Hausbesuch in der Wohnung von Gerda Tiltack (89) in Boblitz (Oberspreewald-Lausitz) die Patientendaten in ihren Rechner.
Schwester Kristina Hartnick tippt bei einem Hausbesuch in der Wohnung von Gerda Tiltack (89) in Boblitz (Oberspreewald-Lausitz) die Patientendaten in ihren Rechner. © Foto: dpa
Mathias Hausding / 22.10.2013, 20:22 Uhr
Berlin (MOZ) Im Jahre 2005 entschied sich Brandenburg, das DDR-Modell einer Gemeindeschwester wiederzubeleben. Inzwischen gibt es "Agnes zwei", die andere Aufgaben übernimmt als ursprünglich gedacht. Die Initiatoren sind von ihrem Modell so überzeugt, dass sie es bundesweit zur Nachahmung empfehlen.

Der Konferenzraum in Berlin-Mitte ist voll besetzt. Mediziner und Kassenvertreter aus ganz Deutschland sind gekommen. Im Foyer läuft auf Großbildschirm der DEFA-Film "Schwester Agnes" von 1975 über die Abenteuer einer Gemeindeschwester in der Oberlausitz. "Das ist nur Marketing", rückt Hans-Joachim Helming zu Beginn der Konferenz über Modelle zur Arztentlastung die Verhältnisse zurecht. "Agnes zwei hat andere Aufgaben, sie ist keine Krankenschwester, sondern eine Fallmanagerin", sagt der Vorstandschef der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KV).

Helming fasst noch einmal zusammen, welch steiniger Weg hinter KV und Krankenkasse AOK liegt, als es vor acht Jahren darum ging, Antworten auf den sich abzeichnenden demographischen Wandel und den Ärztemangel zu finden. Agnes eins, die man zunächst ersonnen hatte, "war zu teuer und ging an den Bedürfnissen der Ärzte vorbei". Auch weil Ärztevertreter auf Bundesebene das Projekt nur mit Restriktionen genehmigten, die sich in der Praxis als Hemmschuh erwiesen. So durfte das Modell zum Beispiel nur in Regionen erprobt werden, die als unterversorgt gelten.

Agnes zwei kann nun seit April 2012 überall eingesetzt werden, im Ballungsraum und auf dem Land. "Sie erfüllt Aufgaben, die man als Arzt wirklich braucht", lobt Helming. Entscheidendes Plus in den Augen der Brandenburger Initiatoren: Sie misst bei Älteren nicht nur Blutdruck, sondern kümmert sich auch um Organisatorisches, etwa die Anschaffung eines Rollstuhls, das Ausfüllen von Dokumenten.

Ähnliche Ansätze gibt es auch in anderen Bundesländern. Mit der Konferenz unternimmt Brandenburg einen Versuch, erstmals alle Initiatoren an einen Tisch zu bekommen. "Es geht darum, die bestehenden Modelle gemeinsam weiterzuentwickeln", sagt Helming. "Ziel ist ein zukunftsfähiges Modell mit einheitlichem Profil."

Ob das gelingt, bleibt am Dienstag aber völlig offen. Brandenburger Vertreter machen keinen Hehl daraus, dass sie ihr Modell bereits für sehr ausgereift halten. Doch Rolf-Ulrich Schlenker, Vize-Chef der Barmer GEK, bremst die Euphorie. Zwar sei Agnes zwei durchaus "richtungweisend", dennoch gebe es in Baden-Württemberg, wo er herkommt, andere Herausforderungen als in Brandenburg. Zudem sei die dauerhafte Finanzierung von "Agnes zwei" nicht geklärt. "In einer Pilotphase gibt es Geld dazu, aber irgendwann muss auch verrechnet werden, dass der Arzt ja entlastet wird, ihm also möglicherweise nun weniger Geld zusteht", gibt Schlenker zu bedenken.

Ungeklärt ist auch, ob und wann alle Kassen für Agnes zwei ins Boot geholt werden können. Bislang sind lediglich AOK, Barmer GEK und Techniker Krankenkasse dabei, und damit etwa zwei Drittel aller Patienten in Brandenburg. "Kleinere Kassen scheuen den Aufwand, die Investitionen zum Beispiel in die notwendige Software", räumt Frank Michalak ein, Chef der AOK Nordost.

Deutlich wird auf der Konferenz, dass die Patienten offen sind für die Betreuung durch gut ausgebildete Frauen und Männern, die im Auftrag des jeweiligen Arztes des Vertrauens handeln. Vier von fünf Bürgern sind laut Umfragen damit einverstanden. Einig sind sich Ärzte- und Kassenvertreter auch darüber, dass angesichts des sich beschleunigenden demografischen Wandels die Zeit drängt, zukunftsfähige Versorgungsmodelle zu entwickeln.

Kritische Stimmen zum gesamten Ansatz kommen hingegen aus dem Bereich der häuslichen Krankenpflege. Melitta Schubert, Inhaberin eines solchen Betriebs in Buckow (Märkisch-Oderland), klagt: "Es werden Doppelstrukturen geschaffen. Die anfallenden Aufgaben können auch von Pflegediensten übernommen werden."

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_Mike_ 23.10.2013 - 16:07:00

bin ja sooo beeindruckt

langsam wird mir schlecht 1. Warum nur muß heutzutage jeder MANAGER genannt werden?!? 2. Auch die DDR-Gemeindeschwester war schon so ein "Manager",nur mit dem Unterschied, daß sie keinen Computer dabei hatte. Sie hat für meine Oma/Opa neben den spezifisch medizinischen Handlungen auch schon Formulare/Anträge ausgefüllt, mit dem Arzt kommuniziert usw...... Diesen "Pilot-Phasen"-Quatsch hätte man sich sparen können, hätte man 1990 nicht restlos alles gute aus DDR-Zeit plattgemacht, um es dann wieder mal neu zu erfinden. Mein Vorschlag an die Verantwortlichen: Hängt mal noch so etwa 2 mal 6 Jahre "Pilot-Phasen dran", benennt es noch einmal um, hängt am besten an "Arztentlastende, Gemeinde-nahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention" noch einige Worte dran - am besten in Englisch - oder noch besser in Denglisch, dann glauben irgendwann alle, das es eine bahnbrechende Neuerung ist.

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