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Aufforderung zur Selbstbefragung

Uwe Stiehler
Uwe Stiehler © Foto: MOZ/Dietmar Horn
Uwe Stiehler / 13.01.2014, 19:12 Uhr
(MOZ) Wenn sie nicht von erschreckender politischer Kurzsichtigkeit zeugen würde, müsste man diese Geschichte als Provinzposse verlachen. Da zieht ein Parlament, das erst in der ehemaligen Reichskriegsschule und späteren SED-Bezirksleitung in Potsdam unterkroch, in den selbst erschaffenen Nachbau eines absolutistischen Schlosses, und dann gibt es plötzlich eine große Aufregung aus der Mitte dieser Volksvertretung, weil sich ein Künstler an jenem Ort Gedanken darüber macht, wie klug die Deutschen aus ihrer Vergangenheit geworden sind.

Wenn sich schon unsere Abgeordneten nicht die Frage stellen, warum es für sie ein Schloss sein musste - und dann noch dieses -, so darf man wenigstens von der Kunst erwarten, dass sie sich damit auseinandersetzt. Gerade wenn sie dazu eingeladen wird - wie just Lutz Friedel. Denn diese hübsche Fassade, die da aus Potsdams leerer Mitte aus dem Nichts erwuchs, ist die Nachbildung eines Palastes, der für despotische Alleinherrschaft stand. In diesem Schloss wohnte der Geist, der das durchmilitarisierte Preußen erfand. Es war der Lieblingssitz von Friedrich Wilhelm I., den man den Soldatenkönig nennt, und der ein Kleingeist und Menschenschinder war. Auch Friedrich II. weilte gern in diesem Haus, nachdem er die Großmacht Preußen auf einem Berg aus Leichen zementierte.

Wenn der Nachbau in den nächsten Tagen groß eröffnet wird, dann mit einer Porträtausstellung Lutz Friedels, wie er sich als Heinrich von Kleist, Adolph von Menzel, aber eben auch als Goebbels malte. Und als Helge Schneider, der Hitler spielt. Nun fragen sich viele aufgeregte Parlamentarier, ob das die richtigen Bilder für die Einweihung des Landtages sind. Aber keiner von ihnen fragt sich, ob dieses Landtagsgebäude das passende für Brandenburg sei. Sie protestieren gegen Friedel. Aber als deutsche Gerichte nichts dagegen hatten, dass ein Kunstscharlatan wie Jonathan Meese öffentlich Hitler grüßt, war aus Potsdam kein wilder Aufschrei zu hören. So kann man Friedels Bilder als Aufforderung zur Selbstbefragung nur begrüßen. Denn wie sagte der Berliner Rabbiner Nathan Peter Levinson schon vor 30 Jahren: "Ich meine, dass wir der Wahrheit ins Gesicht schauen müssen, der Wahrheit, dass wir alle von Mördern abstammen."

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