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27.03.2014 11:56 Uhr - Aktualisiert 04.04.2014 16:40 Uhr

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Erst Weberei, dann Museum, jetzt wieder Webhof

Geltow (Potsdam-Mittelmark) Vor über 25 Jahren hat Ulla Schünemann die alte Weberei in Geltow mit samt den 16 historischen Webstühlen übernommen. Als kurze Zeit später die Wende kam, war das Aus des Webhofes eigentlich vorprogrammiert. Doch trotz des zwischenzeitlichen Endes des Produktion gibt es die Handweberei heute noch. Sie gilt als die Größte ihrer Art in ganz Deutschland.

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Die Chefin Ulla Schünemann kontrolliert den Vorgang am Webstuhl.

© Sören Stache

Als sich Ulla Schünemann in jungen Jahren entscheiden musste, welchen Beruf sie einschlagen soll, war ihr eines klar: kein Bürojob, keine Fabrikarbeit - sondern, ein Handwerk. Da sie in der Handweberei großgeworden war, in der ihre Mutter Annemarie schon einige Jahrzehnte arbeitete, lag es nahe, es ihrer Mutter gleichzutun. "Aber ich wollte etwas anderes machen", schaut sie zurück. Für sie war es nicht sonderlich attraktiv, genau an jenem Ort den Lebensmittelpunkt zu finden, an dem sie ohnehin schon die meiste Zeit verbracht hatte. Es kam jedoch anders, auch deshalb, weil es keine Ausbildungsplätze als Keramikerin gab, nach denen sie gesucht hatte. Zudem war sie schon in der zehnten Klasse schwanger und musste sich eine Ausbildung nahe ihrer Familie und ihres Heimatortes Geltow suchen. Also blieb ihr nichts weiter übrig, als doch eine Handwebereilehre im nur wenige Kilometer entfernten Potsdam zu absolvieren und anschließend sich dem Handweben und Spinnen zu widmen - gemeinsam mit ihrer Mutter unter einem Dach. 1985 kam der Abschluss als Handwebermeisterin hinzu.

Ihre Mutter Annemarie Schünemann hatte einst nicht die Absicht, aus Hameln kommend, sich im Geltower Webhof niederzulassen, als sie 1943 während eines Gesellenaustauschs hier zu arbeiteten begann. Doch ihr gefiel es in dem umgebauten Gasthof, in dessen früheren Tanzsaal sich zahlreiche, Jahrhunderte alte Webstühle drängten, so gut, dass sie die rechte Hand der damals bekannten Weberin Henni Jaensch wurde, die den Webhof leitete. Diese wiederum hatte in den Zwanziger Jahren in der berühmten Künstler- und Handwerkskolonie in Gildenhall bei Neuruppin gelernt und sich auf den Leipziger Messen erfolgreich präsentiert. 1937 war sie mit ihrem Webhof nach Geltow gezogen. Die Bewohner hielten zunächst Abstand zu ihr und nannten sie spöttisch "die Spinnerin". Später kamen sie doch, um das Weben und Spinnen zu erlernen, da die Bezugsscheine für Stoffe knapp wurden.

Nach dem Krieg bauten die mittlerweile verheiratete Henni Jaensch-Zeymer und Annemarie Schünemann Spinnräder aus Fahrrädern und tauschten Schuhe gegen Stoffe, um weiterarbeiten zu können. Die Nachfrage war groß, sodass etliche Frauen als Heimarbeiterinnen angestellt wurden. Die Verstaatlichung des Webhofes ging an ihnen vorbei. Über die gesamte DDR-Zeit blieb der Betrieb privat, wobei die Tarife und die Zahl der Beschäftigten reglementiert waren.

Einige Produkte erlangten sogar DDR-weite Berühmtheit, auch wenn dies kaum einer wusste. So stammt das blau-weiß karierte Hemd von Clown Ferdinand ebenso aus der Geltower Handweberei wie die Ponchos aus den DEFA-Indianerfilmen "Tecumseh" (1972) und "Apachen" (1973).

Als das eingespielte Team 1983 durch den Tod von Annemarie Schünemann auseinandergerissen wurde, schlüpfte Tochter Ulla allmählich in die Rolle ihrer Mutter, bis sie 1987 den Webhof übernahm und Henni Jaensch-Zeymer sich langsam zurückzog. Doch nach nur knapp drei Jahren, mit dem Mauerfall, sollte alles anders werden. "Ich ahnte gleich am Anfang, dass uns unsere Kunden, die Galerien und Kunstgewerbeläden, wegbrechen würden", erinnert sich Ulla Schünemann. Sie behielt Recht. Bis auf einen Lehrling musste sie alle Mitarbeiter entlassen und rettete den Webhof mit wenigen, kleinen Aufträgen. "Ich konnte es Henni nicht antun, den Betrieb einfach aufzugeben. Außerdem wollte ich den Lehrling noch zu einem Abschluss führen", sagt die heute 55-Jährige. Doch dann ging nichts mehr - bis eine Frau aus dem Westen, begeistert von der historisch anmutenden Werkstatt, auf die Idee kam, den Webhof mit entsprechenden Arbeitsfördermaßnahmen wenigstens in ein aktives Museum umzuwandeln. Mit den Förderanträgen vertraut, setzte sie das Vorhaben in die Tat um, so dass Ulla Schünemann 1992 statt Kunden nun Museumsbesucher in ihrer Werkstatt empfing und ihnen gemeinsam mit anderen ABM-Kräften die Arbeit an den Webstühlen demonstrierte. Doch die Besucher wollten nicht nur zuschauen, sondern auch etwas mitnehmen. Die Nachfrage nach Handgewebtem wuchs ständig. "Bei den Vorführungen entstanden ja ohnehin meterweise Stoffe, die wir dann zu verkaufen begannen." 1998 war es dann soweit: Ulla Schünemann machte sich wieder selbstständig, der Webhof, einer der wenigen von einst 240 Webereien in der DDR, wurde wieder zu einer Produktionsstätte - wenn auch in einem Museum. Heute geht beides. Ein Laden sowie ein Café, das Tochter Bianca betreibt, kamen noch hinzu.

Auf sechzehn Webstühlen stellen Ulla Schünemann, ihre Tochter Bianca und eine weitere Mitarbeiterin jährlich rund tausend laufende Meter Webstoffe aus Leinen, Baumwolle, Wolle und Seide her. Vor allem Handtücher gehen gut, aber auch Bekleidung, Tischwäsche und Gardinen. Auch etliche Brautkleider und Bräutigamsanzüge wurden bereits maßangefertigt.

Ohnehin wollen Ulla Schünemann und ihre Crew auch die Männer ansprechen, arbeiten sie doch dafür eigens mit einer Herrenmaßschneiderin zusammen. Die Kleidung wird dann bei Modeschauen präsentiert, so wie kürzlich auf der "Grünen Woche". Auch Restaurierungsaufträge, wie die Außenwand des türkischen Zeltes von 1620 aus der Türkischen Cammer in Dresden oder die Polsterbezüge für einen Oldtimer, nehmen sie an. Zudem reisen ihre Webarbeiten um die halbe Welt, fertigen sie doch Webstoffe für den Künstler Willem Derooij, der die von ihm entworfenen und in Geltow hergestellten Stoffflächen in vielen internationalen Ausstellungen zeigt, so in Los Angeles, Paris oder London.

(Handweberei "Henni Jaensch-Zeymer, Am Wasser 19,

14548 Schwielowsee/OT Geltow;

Tel: 03327/55272; im Internet: www.handweberei-geltow.de; geöffnet: Feb.-Nov. Di-So 11-17 Uhr, Nov. bis Mitte Dez. Di-Fr 11-17 Uhr; Café: April-Sept. Di-So 11-17 Uhr)

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