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Anja Hamm 01.04.2014 10:55 Uhr
Red. Gransee, lokales@gransee-zeitung.de

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"Ich geh' Endorphine ernten"

(MOZ) Der Landesparteitag von Brandenburgs Piratenpartei findet am Wochenende in Löwenberg statt. Am Sonnabend, 5. April, so ist das Ziel, soll das Programm für die Landtagswahl verabschiedet werden. Am zweiten Tag geht es um inhaltliche Feinarbeiten, in Arbeitsgruppen wird dann noch an Strategien herumgefeilt und es bleibt Raum für Debatten. Die Piraten streben in die Gemeindeparlamente, in den Kreis- und den Landtag und nach Brüssel wollen sie auch. Redakteur Burkhard Keeve sprach mit Brandenburgs Landesvorsitzender Anke Domscheit-Berg

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Strickaktivistin und Piratin: die Fürstenberger Piratin Anke Domscheit-Berg in ihrem Garten.

© picture alliance / dpa

Frau Domscheit-Berg, wo liegt denn gerade Ihr Strickzeug?

Das liegt ungefähr zwei Meter weiter auf dem Sofa.

Und? Was ist in Arbeit?

Im Moment eine rote Socke.

Aber die wollen Sie nicht über irgendwas im öffentlichen Raum stülpen?

Nein, ich will sie selber tragen.

Gehören Sie noch zur Strick-Guerilla?

Ja, die mache ich weiter. Das ist bei mir saisonbedingt. Bäume einkleiden mache ich bei tiefstem Frost. Bei besserem Wetter geht es ums Verschönern. Vor ein paar Tagen haben wir für eine Bank vor dem Fürstenberger Bahnhof gestrickt. Die Leute finden es schön - wie Frühlingsblumen, die aber etwas länger bleiben.

Sie sind oft im Radio zu hören, im Fernsehen zu sehen, geben Interviews. Was sagt denn Ihr dreizehnjähriger Sohn dazu. Ist das für ihn eher cool oder peinlich mit so einer bekannten Mutter?

Ich glaube es ist beides. Manchmal ist er etwas irritiert. Wir haben so viele Termine, mein Mann und ich, da sind Interviews bei uns eigentlich gar kein Thema. Aber er wird in der Schule öfters angesprochen. Dann sagen irgendwelche Kinder zu ihm. Hey, meine Eltern haben erzählt, dass sie deine Eltern ihm Fernsehen gesehen haben. Das sind manchmal auch Kinder, die er gar nicht kennt, die in der Essensschlange hinter ihm stehen. Das findet er dann nicht so lustig. Dann ist es aber auch cool, gerade bei diesem Hollywood-Film über das Buch meines Mannes...

Inside wikileaks

...da komme ich als Rolle ja auch vor, das fand er dann glaube ich schon cool.

Kürzlich erschien Ihr Buch "Mauern einreißen". Haben Sie schon viel verkauft. Bekommen Sie täglich eine Meldung, wieder eins verkauft?

Nein, das geschieht nur alle halbe Jahre, das erste Mal im Juni. Ich bekomme nur ein indirektes Feedback über Twitter oder Facebook. Ich mache auch etliche Lesungen.

Auch in Oberhavel?

Ja, am 20. April in Fürstenberg.

A propos Facebook und Twitter: Sind Sie eigentlich immer online?

Ich bin zwar sehr viel online, aber nicht immer. Am Sonntag habe ich zwei Drittel des Tages im Garten verbracht und war offline. Auf Twitter habe ich noch geschrieben: "Nö, Schreibarbeit. Du kannst mir grad mal gestohlen bleiben, ich geh jetzt in den Garten Endorphine ernten.

Kommen wir zu den Piraten in der Region. So viele gibt es hier nicht in Oberhavel. 76 sind eine recht kleine Flotte. Ist Oberhavel trotzdem gut aufgestellt?

Ja, definitiv. Gerade auch mit Blick auf die Kommunalwahlen. Es ist schwierig, in einem Flächenlandkreis Mitmacher zu finden. Außerdem sind die Hürden extrem hoch, Unterschriften von Unterstützern für Stadtparlamente und den Kreistag zu finden. Für die Kommunalwahlen in Brandenburg gibt es unverhältnismäßig hohe Hürden, die die demokratische Beteiligung wirklich einschränken.

Was bemängeln Sie?

Für eine Unterstützerunterschrift muss man immer aufs Amt, die Leute müssen Angaben machen, Name, Anschrift und so weiter. Als ich meine Unterschrift abgab, standen da schon 19 Namen mit Adressen und Geburtsdatum drauf. Ich konnte genau sehen, wer für eine bestimmte Partei unterschrieben hat. Das ist auch nicht mein Verständnis von Datenschutz. Und es gibt Ämter in Brandenburg, die hatten nur zweimal pro Woche für drei Stunden auf. Da muss ich mir einen halben Tag Urlaub nehmen, für eine Unterstützerunterschrift. Das geht gar nicht. Für die Landtagswahl kann man Stimmen auf der Straße sammeln, da sind die Hürden viel niedriger und in Mecklenburg-Vorpommern muss man gar keine Unterschriften sammeln für die Kommunalwahlen.

Der Bundesvorstand der Piraten in Berlin kommt aus den Personal-Turbulenzen nicht heraus. Drei von sieben Vorstandsmitgliedern haben hingeschmissen. Ist das ein Thema in Brandenburg?

Es lässt uns nicht kalt, was da passiert, aber eigentlich machen wir unser eigenes Ding.

Thema Europa. Sie sind als Brandenburgs Landesvorsitzende auf einem aussichtsreichen Platz drei der Liste der Piraten Deutschlands zur Europawahl, Ihr Brandenburger Kollege Bruno Kramm auf Platz vier. Schaffen die Piraten die erforderlichen Stimmen?

Ich denke ja. Prognosen sehen uns jetzt bei 2,2 Prozent, aber der Wahlkampf hat gerade erst begonnen. Und es gibt da eine Besonderheit. In Brüssel wird aufgerundet. Schon bei 2,5 Prozent bin ich drin.

Wo sind Sie im Wahlkampf hauptsächlich unterwegs?

Überall in Deutschland: Köln, Bielefeld, Konstanz, Freiburg, Dresden, München, auch in Brandenburg und anderswo.

Bleiben Sie in Brandenburg wohnen, wenn Sie Europa-Abgeordnete werden?

Auf jeden Fall. Ich ziehe nicht um. Die Plätze eins bis drei haben im Moment die größten Chancen reinzukommen und wir haben schon vereinbart, dass wir so eine Art Brüssel-WG aufmachen. Zudem werden wir ein Deutschlandbüro in Berlin aufmachen, in dem ich für Präsenz sorgen möchte. Aber ich werde auf jeden Fall meine Wurzeln in Brandenburg behalten. Ich war noch nie so glücklich, wie hier in Fürstenberg.

In Brandenburg dürfen die 16-Jährigen erstmals zur Kommunal- und Landtagswahl gehen. Warum soll ein 16-Jähriger wählen gehen?

Ich versuche natürlich, ihnen die Piraten schmackhaft zu machen. Wir vertreten die Zukunft, vor allem, was die Veränderungen betrifft, die die digitale Gesellschaft mit sich bringt. Wir setzen uns zum Beispiel auf allen Ebenen für eine Urheberrechtsreform ein. Das wirkt sich auf jeden 16-Jährigen aus, ob er jetzt der kriminelle Raubkopierer ist, weil er ein Lady-Gaga-Lied runtergeladen hat und die Polizei steht vor der Tür, oder der Abmahnanwalt will ein paar tausend Europa haben. Wir wollen die Rechte der Urheber stärken. Denn das, was mit den Abmahnanwälten passiert, hat mit dem Schutz von Urhebern nichts zu tun, das ist nur Geld für eine Anwaltsindustrie. Das kommt beim Urheber überhaupt nicht an. Es geht nicht, dass Menschen kriminalisiert werden für private Kopien.

Sie versuchen die Generation Facebook quasi da abzuholen, wo sie ist - im Internet, in den Chat-Foren?

Ja, wir wollen das Rechtssystem an die digitale Gesellschaft anpassen.

Hat die Jugend verstanden, was die Piraten wollen?

Ich glaube schon. Bei der U-18- Wahl zum Bundestag haben die Piraten im Barnim zum Beispiel 18 Prozent bekommen, mehr als jede Altpartei, und landesweit lagen wir bei zwölf Prozent. Das macht uns Hoffnung für die Landtagswahl, aber auch für die Kommunalwahl. Das gibt uns Rückenwind.

Vielleicht ist es auch nur schick, die Piraten zu wählen, weil sie so ein tolles Logo haben und weil sie anders sind.

Das mit dem schick und dem Logo weiß ich nicht, aber das mit dem Anderssein könnte stimmen. Viele Jugendliche können mit dem, was Politik macht und darstellt, nichts anfangen. Das ist wie eine Blackbox für sie. Sie können sich nicht auf ihre Art beteiligen. Sie können nicht dazu chatten oder kommentieren. Politik heute trifft nicht auf ihre Lebenswirklichkeit. Sie wollen verfolgen, was passiert, sich Sachen runterladen. Jugend ist nicht desinteressiert. Sie gehen eben nicht aufs Amt und schauen sich einen Bauplan an, der dort ausgelegt wird.

Sie gehen auch in keine Gemeindesitzung ?

Nein, machen sie nicht. Aber vielleicht würden sie sie verfolgen, wenn es einen Livestream geben würde, sie Kommentare abgeben könnten und wenn die Themen mit ihrem Leben mehr zu tun haben würden.

Letzte Frage: Haben Sie gern das letzte Wort?

Was soll ich denn darauf antworten. Ja, ich habe schon zu vielen Dingen viel zu sagen, in mir schlummert eine missionarische Seele, die ist sehr mitteilsam. Die muss aber nicht immer recht haben und sie ist guten Argumenten gegenüber aufgeschlossen.

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