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Bernd Benser, Chef des Trainings- und Forschungszentrums Netzsicherheit, warnt vor einem Stromkollaps

Energiewende: "Deutschland ist auf einen "Blackout' nicht vorbereitet"

Bernd Benser, Geschäftsführer Gridlab in Cottbus
Bernd Benser, Geschäftsführer Gridlab in Cottbus © Foto: MOZ
Andreas Wendt / 20.04.2014, 11:22 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Energiewende stellt Deutschland vor enorme Herausforderungen und birgt angesichts fehlender Stromleitungsnetze die Gefahr von flächendeckenden Stromausfällen. Andreas Wendt sprach mit Bernd Benser, Geschäftsführer der Gridlab GmbH in Cottbus, über die Folgen eines möglichen "Blackout".

Herr Benser, in seinem Roman "Blackout" lässt Autor Marc Elsberg durch Saboteure ganz Europa lahmlegen: Ampeln fallen aus, Menschen sind in U-Bahnen eingesperrt, Fahrstühle bleiben stecken - der Stromausfall löst eine Kettenreaktion aus. Wie realistisch ist das Szenario, das er in seinem Thriller heraufbeschwört?

Das ist sehr realistisch, bedauerlicherweise. Das Bewusstsein für die Gefahren einer solchen Situation ist leider nicht sonderlich ausgeprägt in Deutschland. Das ist ein Punkt, da mache ich mir persönlich auch Sorgen, wenn man weiß, was im Zuge eines solchen flächendeckenden Stromausfalls passieren kann - sechs Tage sind da Minimum, bis das Netz wieder aufgebaut ist.

Was kann denn passieren?

Die Kommunikation ist nach 20 Minuten tot, da passiert gar nichts mehr. Die Krankenhäuser sind, da die Wasserversorgung ja auch zusammenbricht, nicht mehr als Krankenhäuser zu gebrauchen und die elektrische Versorgung innerhalb der Kliniken bricht auch zusammen, weil die Notstromaggregate nur für 48 Stunden reichen. Wenn aber ein Netzausfall mindestens sechs Tage dauert und ich habe 200 000 geräteabhängige Patienten, werden die nicht überleben.

Ist das nicht Panikmache?

Das ist eine trügerische Ruhe, der wir uns hingegeben haben. Strom ist immer da und kommt aus der Steckdose. Wir sind mit Abstand das energieversorgungssicherste Land. Das hat aber dazu geführt, dass sich niemand damit beschäftigt, was passiert, wenn er nicht da ist.

Macht ein "Blackout" an staatlichen Grenzen Halt?

Bei der Weser-Ems-Kanal-Überführung eines Luxusliners 2006 war der westliche Teil Europas mehr oder weniger dunkel. Osteuropa war hell. Warum? Weil noch zwei Regelzonen - Ost und West - bestanden, die sich voneinander trennen konnten und im Osten Deutschlands noch die Pumpspeicherkraftwerke leer waren. Sie konnten überschüssige Energie aufnehmen. Nur das hat Europa vor dem vollkommenen Blackout gerettet. Deutschland ist auf diesen Fall nach meinem Kenntnisstand nicht vorbereitet.

Bei Elsberg ist ein Cyberangriff Auslöser des Stromausfalls. Ihr Labor Gridlab beschäftigt sich mit der Instabilität des Netzes in sich durch den Spagat, konventionelle und erneuerbare Energien zusammenzuführen. Wie hoch ist das Risiko?

Im letzten Jahr hat der Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz Transmission über 260 Eingreiftage ins System gehabt. Eingriffe ins System sind nicht immer, aber teilweise Landungen auf dem Hudson-River, also der berühmte Pilot Mister Sullivan, der unter Missachtung aller Vorschriften erfolgreich auf dem Fluss gelandet ist.

Diese Eingriffe sind dann notwendig, wenn das Netz nicht stabil genug ist?

Genau. Wenn Sie beispielsweise zu viel oder zu wenig Strom im Netz haben. Wir haben eine sehr hohe Einspeisung durch die erneuerbaren Energien. Früher hatten wir eine programmierbare, definierte Last - wir haben genau gewusst, wann werden früh im Büro der Computer und die Kaffeemaschine eingeschaltet, demzufolge hat man den Kraftwerkspark angepasst. Früher hatten wir Strom dann, wenn er gebraucht wurde. Heute haben wir manchmal auch Strom, wenn er nicht gebraucht wird, aber eben auch umgekehrt. Das macht es natürlich schwieriger im Handling, nicht nur im Bereich Übertragungsnetzbetreiber, sondern auch im Bereich der Verteilnetzbetreiber, die ja die Masse der Anschlusslast aus Wind- und Photovoltaikenergie insbesondere hier im Osten Deutschlands haben, weil wir ja hier 40 Prozent der Energie produzieren, aber nur 20 Prozent Last haben.

Es fehlen die berühmten Stromautobahnen...

Wir haben vier Verbindungen in Richtung Westen. Wir bauen in den Jahren bis 2020 50 bis 60 Gigawatt an erneuerbaren Energien zusätzlich hin, aber nur zwölf Gigawatt Leitungskapazität. Man muss kein Mathegenie sein, um zu wissen, dass wir dann nicht nur 262 Eingreiftage im Jahr, sondern mehrere Eingriffe am Tag haben. Das ist eine Frage der Logik und der Masse, vergleichbar mit einem Tower, ob sie zehn oder 100 Flugbewegungen für eine Landebahn in der Stunde haben - dann wissen Sie, irgendwann wird's krachen.

Ist Ihre Argumentation nicht ein Plädoyer für Lausitzer Kohle?

Nein. Auch Vattenfall ist ja sehr engagiert als Produzent erneuerbarer Energien, die betreiben Windmühlen und Biokraftwerke, aber auch Braunkohle. Das Problem ist ein anderes: Derzeit sind Gaskraftwerke nicht rentabel. Jetzt haben wir auch noch eine politische Lage, die das Gasgeschäft nicht gerade befördert. Atom ist auch weg. Was ist noch übrig an klassischer, konventioneller Kraft? Kohle. Die haben wir noch bis 2050, sowohl im Ruhrgebiet als auch hier in der Lausitz. Klar ist das nicht besonders sexy, aber auf der anderen Seite müssen wir uns auch die Frage beantworten: Wollen wir Strom haben? Soll er sicher sein? Soll er aus der Steckdose kommen? Und soll er preiswert sein? Dann geht es ohne Kohle nicht in dieser Form.

Wenn genügend Leitungskapazität vorhanden wäre, um die erneuerbaren Energien dahin zu transportieren, wo sie benötigt werden. Wäre Ihre Einschätzung dann anders?

Wenn wir ein besser ausgebautes, vermaschtes System haben, ist ganz klar, dass wir damit ein Großteil der Probleme lösen. Aber bekommen Sie das mal in der Bevölkerung durch. Das ist ungeheuer schwierig. Wir haben Bürgerinitiativen gegen alles. Fakt ist: Ohne Leitungsausbau wird es eine erfolgreiche Energiewende nicht geben.

Bieten Sie auch Lösungen für die aufgezeigten Probleme an?

Nein, das machen wir nicht und das ist auch nicht unser Kernauftrag. Unsere Aufgabe ist, Mitarbeiter bei den Netzbetreibern zu schulen, damit sie ein besseres Rüstzeug haben, damit sie sicherer handeln können. Wir kümmern uns auch um Standardisierung und Zertifizierung.

Sie fordern einen Führerschein für Netzbetreiber?

Wir sind hier so etwas wie der Flugsimulator für Stromautobahnen. Wenn Sie ein Flugzeug fliegen wollen, müssen Sie einmal im Jahr in den Simulator und nachweisen, dass Sie fliegen können. Wenn Sie in Berlin Bus fahren wollen, müssen Sie einmal jährlich nachweisen, dass Sie das können und dürfen. Wenn Sie ein für die Sicherheit Europas wichtiges System führen, müssen Sie keinerlei Formalanforderungen erfüllen. Das passt nicht. Mit dem TÜV haben wir deshalb den sogenannten System- oder Netzführerschein entwickelt, der Mitte des Jahres eingeführt werden soll - und wir hoffen, dass die Politik da auch mitzieht.

Zur Person:

Bernd Benser (45) wohnt in Fredersdorf-Vogelsdorf und leitet seit 2011 die Gridlab GmbH in Cottbus, ein Europäisches Trainings- und Forschungszentrum für die Sicherheit der elektrischen Netze - ein An-Institut der BTU Cottbus, das ursprünglich von Vattenfall Transmission gegründet wurde. Der gebürtige Berliner ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Hans-Jürgen Klemm Sprecher BI "Hände weg vom Liepnitzwald" 22.04.2014 - 01:40:09

Bleibt eine letzte Frage: ...

Immer schneller kommen wir dieser beschriebenen und begründeten Realität näher, folgen unsere derzeitigen Entscheidungsträger dem Rat der begünstigten Windradlobby und verbauen auch den letzten Winkel Brandenburgs mit Windrädern. Die derzeit 1,4 % sind schon grenzwertig und unnütz. Was bewirkt erst die geplante Erhöhung der für Windkraftwerke vorzuhaltenden Landfläche von 2% in Brandenburg? Nun kann es sich jeder selbst ausmahlen. Fest steht, dass wir damit sehr bald zu dem hier im Artikel beschriebenen Horrorszenario vorstoßen und alle haben es gewußt. Viele gar gewählt am 25. Mai. : ...Wer übernimmt dafür dann wohl die persönliche Verantwortung und haftet mit Amt und Besitz???

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