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Maria Neuendorff 22.06.2014 18:32 Uhr

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Mampes gute Stube

Berlin (MOZ) Mampe war einst Berliner Volksgetränk. Dann verschwanden die Flaschen mit dem betrunkenen Kutscher auf dem Etikett und den weißen Elefanten um den Hals immer mehr aus den Eckkneipen. Inzwischen wird der Likör wiederentdeckt. Und hat seit kurzem sogar ein eigenes Museum.

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Karin Erb hat in Berlin-Neukölln ein Mampe-Museum aufgemacht.

© MOZ

Es war Liebe auf den ersten Schluck. "Dieser süßlich herbe Geschmack war einfach besonders", erinnert sich Karin Erb an ihre erste Begegnung mit Mampe. Die fand vor elf Jahren im "Möbel Olfe" statt, einer kultigen Absturzkneipe in Kreuzberg. Die Neuberlinerin hatte den Kräuterlikör gewählt, weil es der billigste auf der Karte war. Mampe wurde zu diesem Zeitpunkt nur noch in Lizenz von der Firma Berentzen abgefüllt. Das erfuhr Karin Erb, nachdem sie anfing, im Internet zu recherchieren.

Ihre Suche setzte sie auf Ebay fort. Die erste Errungenschaft war ein Set mit fünf verschiedenen Fläschchen, ersteigert für einen Euro. Dazu gesellten sich schon bald Mampe-Bierdeckel, Lufthansa-Flaschen aus dem Hause Mampe, der von den Stewardessen mit Champagner aufgefüllt wurde, als Fliegen noch etwas Besonderes war. Dazu kamen Fotos von Hertha-Spielern aus den 70er-Jahren in Mampe-Trikots und Werbeschilder mit weißen Elefanten auf rotem Grund, die einst an fast jeder Eckkneipe klebten.

All die Devotionalien einer untergegangenen Epoche drapierte Karin Erb in einer Ecke ihres Schlafzimmers. Unter Bekannten sprach sich das Mini-Museum schnell herum. "Irgendwann wollten auch Leute kommen, die ich gar nicht kannte", sagt die 38-jährige Medienpädagogin.

Und irgendwann kam auch Tom Inden-Lohmar. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Geschäftsbeziehung werden. Der Werbefachmann, der einst für Berentzen arbeitete, hatte 2010 die Lizenz für den Likör erworben und die Mampe GmbH gegründet. Nun wollte er wissen, was die Frau, die in ihrem Schlafzimmer Mampe-Partys veranstaltete, mit seiner Marke anstellte. "Meine Skepsis wich schnell Begeisterung", sagt Tom Inden-Lohmar. Denn Karin Erb hatte nicht nur viele Andenken gesammelt, sondern vor allem Geschichten zusammengetragen. Das Ur-Berliner-Gefühl, das der Unternehmer mit dem Bitterorangen-Likör "Mampe Halb und Halb" neu an den Mann bringen will, kann Karin Erb mit Zeitzeugenberichten belegen.

Die Menschen haben ihr nicht nur Andenken, sondern auch ihre Erinnerungen vermacht. Eine alte Dame übergab ihr 1468 kleine weiße Plastikelefanten, die sie ihr Leben lang gesammelt hat. Ein ehemaliger Angestellter kam mit einem Fotoalbum mit 70 Bildern von der Wiedereröffnung des Carl Mampe Werkes 1954 in Neukölln. Viele davon hängen jetzt hinter Glas, in dem ersten richtigen Mampe-Museum, das die blonde Frau vor kurzem eröffnet hat. Mit Hilfe der Mampe GmbH konnte sie einen kleinen Raum in hinteren Teil eines Neuköllner Souvenirgeschäfts anmieten. Nach Feierabend gibt die Pädagogin dort nun Führungen und berichtet vom Aufstieg und Untergang einer Likörhersteller-Dynastie.

Mampes Geschichte beginnt 1831 mit der Erfindung der "Bitteren Tropfen". Die Medizin des Preußische Sanitätsrat Carl Mampe enthielt 130 Kräuter und sollte gegen die Cholera helfen, aber auch den Soldaten im Schützengraben die Angst nehmen. Die Stiefsöhne Ferdinand Johann Mampe und Carl Mampe versüßten die bitteren Tropfen mit Orangen. Ihre Familien stritten über 100 Jahre um die Rechte. Vor dem Zweiten Weltkrieg produzierte Mampe in Berlin 78 Sorten in über 250 verschiedenen Flaschenformen.

Der Ur-Ur-Enkel von Ferdinant Johann Mampe berichtet Karin Erb von der Nachkriegszeit. Seine Familie musste auf der Flucht vor den Russen die Mampe-Maschinen in Neustadt (Dosse) zurücklassen. So stellte auch der VEB Neustadt bis 1990 einen "Mampe- Halb und Halb" her - wenn auch nicht nach Original-Rezept.

Im Westen wurden ab 1951 die "Mampe-Stuben" wieder aufgebaut. Als die berühmteste gilt die am Kurfürstendamm, wo schon der Schriftsteller Joseph Roth bei dem einen oder anderen Likör seinen berühmten Roman "Radetzkymarsch" schrieb.

Im Museum gibt es eine Nachbildung von "Mampes guter Stube" Auf der hölzernen Schrankwand stehen heute die alten Flaschen neben denen im neuen Design, die nun wieder in geringer Auflage produziert werden. Nach dem Untergang der Marke in den 80er Jahren erfährt das Getränk inzwischen eine Renaissance in Berlin. "Die Suche nach einem Getränk mit Lokalkolorit ist groß", sagt Tom Inden-Lohmar, der inzwischen auch viele Getränkemärkte mit Mampe beliefert.

Karin Erb selbst öffnet die Flaschen nur zur Verkostung, nach eine Museumsführung. "Ansonsten trinke ich Mampe nur zu besonderen Anlässen."

Mampemuseum, Hertzbergstraße 1 in Neukölln, donnerstags und sonnabends von 14 von 18 Uhr geöffnet, Führungen nach Absprache

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