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Schüler erhalten Einblick in Originaldokumente / Verständnis für ein beklemmendes Lebensgefühl

Geschichtslektion zwischen Stasi-Akten

Fabian Bretzke / 05.07.2014, 10:46 Uhr
Eberswalde/Frankfurt (MOZ) Wem konnte man damals noch vertrauen? Im Rahmen einer DDR-Projektwoche versuchen Schüler vom Oberstufenzentrum in Eberswalde Antworten auf Fragen rund um das Thema Stasi zu gewinnen. Ein Ausflug in das Dokumentationszentrum in Frankfurt (Oder) hilft ihnen dabei weiter.

Ein Leben in ständiger Angst. Das permanente Gefühl, beobachtet zu werden. Aufpassen, was man äußert. Ist es vielleicht der nette Mann vom Bahnhof? Selbst in der eigenen Familie kann das Vertrauen untereinander falsch sein. Unter den insgesamt geschätzt rund 42 000 Akten in der Frankfurter Außenstelle der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU), macht es eine ganz deutlich: Eine Mutter und ihre Tochter hatten sich gegenseitig ausspioniert und sämtliche Informationen an den Staat weitergegeben. Kein Einzelfall.

Von außen erscheint das Gebäude in der Fürstenwalder Poststraße auf vier Etagen wie ein altes Gefängnis. Innen ist es sehr staubig. Die Räume versetzen den Besucher in die damalige Zeit zurück. Über 30 Jahre hatte der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke einst DDR-weit die Fäden in der Hand. Der lange Flur in Frankfurt (Oder) erinnert an ein Krankenhaus. Der Weg führt weiter zu mehreren Wachen in Uniform. Sie bewachen eine große Stahltür, die einem Tresor ähnelt. Was mag sich dahinter verbergen?

"Nun befinden wir uns im Archiv der Stasi-Akten", erklärt einer der Beamten. Um die Akten vor dem Verfall zu schützen, herrscht eine angenehme Luftfeuchtigkeit von 40 bis 50 Prozent bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius. Nach der Einführung in das Arbeiten mit archivierten Dokumenten werden die Schüler selbst aktiv. Sie dürfen die Stasi-Akten ganz genau unter die Lupe nehmen. Geschichte zum Anfassen. Schnell wird deutlich, dass die Unterlagen in drei Teilen aufgeteilt ist: Persönliches, Kontakte und Rechnungen. Im ersten Teil sind alle Informationen über die Person wie Wohnort, Arbeitsplatz, Einkommen usw. aufgeführt. Der zweite Teil beschäftigt sich damit, mit wem die Person wann und wie oft in Verbindung getreten ist. Unter der Kartei "Rechnungen" sind sämtliche Geldtransfers im Überblick zusammengestellt. Es erweckt den Eindruck, als wäre jeder Schritt dokumentiert. Das findet auch eine Schülerin vom OSZ besonders eindrucksvoll: "Es ist total erschreckend, wie sehr der Staat damals in die Privatsphäre eingegriffen hat. Sie wussten ja nahezu alles. Ich kann das beklemmende Gefühl der Leute aus dieser Zeit jetzt viel besser nachvollziehen."

Dabei waren die Instrumente der Staatssicherheit sehr vielseitig. Neben 180 000 hauptamtlichen Mitarbeitern gab es 1989 noch immer zusätzlich 174 000 informelle "Spitzel". Sobald jemand etwas Vertrauliches zu sagen hatte, hörten Mitarbeiter der 1950 gegründeten Stasi zu, hörten ab, beobachteten, berichteten. Gegenstände wurden für Abhörgeräte umfunktioniert, sodass Jacken, Taschen, Knöpfe oder Gießkannen bei der Überführung von "Staatsfeinden" behilflich wurden. Die Stasi tat alles, um an Informationen zu gelangen. Mitarbeiter veröffentlichten private Fotos, ließen sich Pässe fälschen, spitzelten sich gegenseitig aus. Der Briefverkehr stand unter Beobachtung von Staatsorganen.

Die Schüler sind von den Eindrücken des Tagesausfluges in die Vergangenheit sichtlich bewegt. Zusammen mit ihren Lehrern, die als Augenzeugen für Antwort und Frage bereit stehen, besuchen sie in dieser Woche auch noch das Deutsche Historische Museum und die Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin. Am letzten Tag der Projektwoche am Freitag veröffentlichen die Schüler alle Untersuchungen und Eindrücke auf der Schulhomepage.

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