Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

In einem Sommercamp werden an Diabetes erkrankte Kinder von Ärzten geschult

Diabetes-Sommercamp: Schulung für ein Leben mit der Spritze

 Kinder haben in der Bremsdorfer Mühle eine Tafel für die Abschlussfeier des 14-tägigen Ferienkurses gestaltet. Der Diabetologe Karsten Milek (hinten) hat das Camp organisiert.
Kinder haben in der Bremsdorfer Mühle eine Tafel für die Abschlussfeier des 14-tägigen Ferienkurses gestaltet. Der Diabetologe Karsten Milek (hinten) hat das Camp organisiert. © Foto: MOZ/Henning Kraudzun
Henning Kraudzun / 08.08.2014, 09:11 Uhr
Bremsdorf (MOZ) Seit sieben Jahren findet ein Sommercamp für Kinder mit Diabetes I in der Bremsdorfer Mühle (Oder-Spree) statt - organisiert von einem Ärzteehepaar aus Sachsen-Anhalt. Die jungen Betroffenen sollen dort lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen und werden medizinisch betreut.

Adelina Jamal musste als Kind vor allem eines lernen: Selbstkontrolle. Jeden Tag muss sich die Elfjährige aus Sonneberg in Thüringen spritzen, drei Mal in der Schule und zwei Mal zu Hause. Hinzu kommen regelmäßige Kontrollen des Blutzuckerspiegels sowie das Kalkulieren von Mahlzeiten. "Es nervt manchmal. Man verliert die Lust, ständig auf alles zu achten", sagt sie.

Das Mädchen mit den schwarzen geflochtenen Zöpfen fühlt sich sichtlich wohl in der Jugendherberge Bremsdorfer Mühle. Dort hat sie neue Freundinnen gefunden, sie bereiten sich auf das Neptunfest am Abend vor. Zusammen mit den anderen Kindern teilt sie ein Schicksal, dessen Ursachenforschung noch in vollem Gange ist: Sie hat Diabetes Typ I. Vor allem in jungen Jahren wird die Stoffwechselerkrankung diagnostiziert.

"Ich fühle mich in der Schule oder beim Spielen nicht eingeschränkt, man muss aber aufpassen, was man tut", sagt sie. Auch ihre Eltern seien ständig besorgt um ihre Gesundheit. Diabetes dieses Typs heißt, dass das Immunsystem aus dem Gleichgewicht geraten ist und die Insulin produzierenden Zellen zerstört. Das Hormon, welches den Blutzuckerspiegel senkt, muss sie dadurch ständig zuführen.

"Es ist ein Balanceakt gerade für Kinder", sagt der Arzt Karsten Milek, der zusammen mit seiner Frau das Sommercamp organisiert - und ein Team von rund 40 Betreuern für die insgesamt 100 Kinder zusammengestellt hat. "Viele verlieren die Krankheit aus dem Blick, gerade Jugendliche haben andere Dinge im Kopf, als ihren Zucker im Blick zu behalten", erzählt er. Daher soll im Camp das Bewusstsein für die Erkrankung gestärkt werden. "Hier bekommen sie wieder Bock auf Diabetes, so überspitzt das klingen mag."

In kleinen Gruppen werden die Kinder betreut, mit spielerischen Elementen geschult und rund um die Uhr medizinisch überwacht. Für Notfälle wurde eigens ein "Medpunkt" eingerichtet, sechs Ärzte sind ständig vor Ort. Zudem führen Helfer eine genaue Dokumentation über Blutwerte und Mahlzeiten.

Der Diabetologe Milek engagiert sich seit der Wende für junge Patienten, dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet. Möglich ist dies nur mit Sponsoren und großen Kooperationspartner: Die AOK übernimmt für das Camp in der Bremsdorfer Mühle einen Großteil der Kosten, Eltern steuern nur einen kleinen Obolus bei. Neben der individuellen Diabetesbetreuung erleben die Kinder in dem 14-tägigen Camp auch eine Ablenkung vom Alltag: So wurde ein Hochseilgarten auf dem Gelände aufgebaut, Ausflüge in die nähere Umgebung, Kochshows oder kleine Konzerte organisiert. "Die Kids erfahren hier ein Gefühl der Zusammengehörigkeit", sagt Milek. "Sie machen sich auch gegenseitig Mut, um sich erstmals selbst eine Insulin-Spritze zu setzen."

Vor allem in Schulen existieren nach den Erfahrungen des 51-jährigen Arztes noch große Unsicherheiten, wie mit betroffenen Schülern umgegangen werden soll. Vielfach würden sie vom Sportunterricht ausgeschlossen, um eine gefährliche Unterzuckerung zu vermeiden. Nachteile oder Ausgrenzungen hat Adelina jedoch nicht erfahren: "Die anderen Schüler und Lehrer nehmen viel Rücksicht", sagt sie.

Mehr als 30000 Kinder und Jugendliche leiden in Deutschland an Diabetes Typ 1. Jährlich würden zwischen 2000 und 2500 neue Fälle bei unter 18-Jährigen gezählt, berichtet die Deutsche Diabetes Hilfe. Müdigkeit, Schwindel, ständiger Durst sowie häufige Toilettengänge sind Anzeichen für Diabetes Typ I. "Es ist ein Schock, nicht nur für die Eltern, sondern auch für Kinder, wenn sie mit zunehmendem Alter begreifen, dass diese Krankheit sie ihr Leben lang begleitet", sagt Susanne Milek, die als Medizinpädagogin arbeitet.

Mit viel Disziplin könne man die Stoffwechselkrankheit jedoch beherrschen, sagt sie. "Die Kinder können auch alles essen, sie müssen nur eine gesunde Mischung einhalten", so Milek. Gleichzeitig würden Betroffene durch die große Selbstkontrolle auch mehr soziale Kompetenzen als Gleichaltrige erwerben und gute schulische Leistungen bringen, meint sie. Viele schlagen später selbst eine medizinische Laufbahn ein. "Und sie arbeiten dann hier im Camp, um anderen zu helfen."

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG