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Angermünde Vor 65 Jahren neigte sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende zu. Doch bis heute fehlt eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Herrschaft in Angermünde. Viel zu wenig weiß die Enkel- und Urenkelgeneration von Leid und Zerstörung, von Tod und Vertreibung. Viel zu wenig ist bekannt über die Vorgänge zwischen 1933 und 1945. Gegen das Vergessen kämpft jetzt Stadtarchivarin Margret Sperling. Mit einer Sonderausstellung zum Tag der offenen Archive will sie den Nationalsozialismus in Angermünde in seiner Tragweite darstellen. Und sie veröffentlicht eine kleine Sensation.
"Deportiert nach Auschwitz", "Freitod in Berlin", "Deportation nach Theresienstadt". Hinter den nüchternen Feststellungen stehen Lebensschicksale. Sie belegen die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung von Angermünde während der nationalsozialistischen Herrschaft. 43 Bürger aus der Stadt wurden ihres Eigentums beraubt, drangsaliert, verfolgt, gehetzt, gedemütigt und schließlich in den Tod getrieben oder umgebracht.
Erstmals veröffentlicht Stadtarchivarin Margret Sperling eine detaillierte Liste über den Verbleib jüdischer Familien. Sie ist noch nicht vollständig. Denn die Nachforschungen laufen zwar schon seit vielen Jahren, doch gibt es keine vollständige Dokumentation. Inzwischen helfen digitalisierte Archive, eigene Akten aus dem alten Standesamt und Dokumente aus Jerusalem.
Ein Foto von der brennenden Synagoge fehlt bis heute. Dafür bewahrt das Angermünder Stadtarchiv die Dienstbücher der früheren Polizeiwache, in denen akribisch vermerkt wurde, wann die letzten Juden den Ort verlassen hatten. Sogar die Enteignungsakten liegen immer noch gut lesbar in den Archivschränken. "Die Zeit darf nicht in Vergessenheit geraten", sagt Margret Sperling. "Vor allem die Kinder wissen zu wenig darüber. Und die Zeitzeugen sterben."
Dabei lagert in den vergilbten Papierstapeln Forschungsmaterial für ganze Schülergenerationen oder Studentengruppen. Denn bisher existiert in Angermünde keine vollständige Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit. Was zum Teil sehr detailliert und personenbezogen vorliegt, sind Augenzeugenberichte von der Flucht, von Frontverlauf und Kriegshandlungen. Man weiß genau, in welche Häuser am 17. Januar 1943 rund 300 Brandbomben einschlugen.
Erstmals zeigt Margret Sperling auch Fotos von Aufmärschen der Nationalsozialisten und Zeitungsausschnitte vom sogenannten Jungbannlager am Wolletzsee, bei dem Anhänger der Hitlerjugend vor Weihestätten für Gefallene posieren. Dokumentiert ist mehr als Forscher bisher annahmen. So entschieden sich bei der Wahl 1933 von 38 033 Menschen im Kreis Angermünde genau 22 484 für die Nationalsozialisten. Sozialdemokraten und Kommunisten lagen weit abgeschlagen dahinter. Doch es gab auch Widerständler wie Gustav Bruhn und Georg Wolff. Auch ihr Wirken wird in der Sonderausstellung gewürdigt.
Dass Angermünde vor der Zerstörung bewahrt wurde, ist beherzten Männern zu verdanken, die der Roten Armee mit der weißen Fahne entgegen gingen. Sie sollen im April eine Gedenktafel in der Rosenstraße erhalten.
Die Ausstellung "Angermünde im Nationalsozialismus" wird am 6. März um 10 Uhr eröffnet. Es gibt Gespräche mit Zeitzeugen und Führungen.
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