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Ein Kleist-Fan aus den Staaten

. 14 Akademiker, Schriftsteller und Künstler aus den USA sind bis Mai ein Semester lang auf Einladung der American Academy in Berlin, um an ausgewählten Projekten zu arbeiten. Einer von ihnen ist der 57-jährige New Yorker Journalist, Literat und Übersetzer Peter Wortsman. Er ist in Insider-Kreisen auch durch die Übersetzung der Reisebilder Heinrich von Kleists bekannt. Jetzt war er in Frankfurt.

Peter Wortsman nennt sich Moderator von Sprachen. Seine Eltern sind Österreicher und jüdischer Abstammung. Als Hitler an die Macht kam, konnten sie mit Hilfe von Freunden nach Amerika fliehen. Dort, in New York, wurde Peter Wortsman 1952 geboren. Was seine Muttersprache ist? Der Wort-Mann, der gern in Bildern spricht, nimmt eine Matroschka zur Hand. "Die äußere Figur ist mein Englisch. Darunter versteckt sich Deutsch. Dann Jiddisch und Hebräisch. Innen ist alles ganz heiß." Zu allem Glück ist er noch mit einer Französin verheiratet. Multi-Kulti. "Deutsch ist wie meine linke Hand. Nicht vollkommen. Die Sprache meiner Kindheit. Im Englischen bin ich erwachsen. Aber die linke Hand wird stärker." Und manchmal gesteht er auch: "Ich fühle mich kulturell und sprachlich verwirrt, wuchs zwischen Österreichisch-Deutsch und New York-Englisch auf."

Heinrich Heine und Robert Musil hat der Autor von Bühnen- stücken und Kurzspielfilmen schon ins Englische übersetzt. Auch Kafka, Peter Schlemihl und Goethe. Nun auch von Kleist: Ausgewählte Prosa. Warum Kleist?

"Kleist ist, wenn das nicht arrogant klingt, mein Bruder. Er ist kein Klassiker im eigentlichen Sinne, sondern eine zitternde, bebende Stimme, die ich einatme - und dann heraus spucke. Mich fesselten schon die erste Sätze in seiner Prosa. Daraufhin suchte ich mir die Stimmen aus der Vergangenheit. Inzwischen fühle ich in den Zeilen von Kleist, wie er schwitzt. Wie seine Sätze vibrieren. Ich spüre seinen Herzschlag."

Warum ist dieser Peter Wortsman, der jetzt für einen Tag in der Kleist-Stadt Frankfurt war, so nah dran an Heinrich von Kleist? Vielleicht ist es die Beschäftigung mit der Vergangenheit seiner Eltern, die als Juden in Wien gedemütigt, dann vertrieben wurden. Vielleicht sind es die zahlreichen Interviews mit Holocaust-Überlebenden, die Peter Wortsman und Heinrich von Kleist zusammenbrachten. Vielleicht ist es auch ein Kleist-Essay über das Marionettentheater, das Peter Wortsman in New York vor Jahren als deutsche Ausgabe geschenkt bekam. Nicht nur Heinrich von Kleist, sondern 200 Jahren später auch Peter Wortsman, interessierte die Antwort auf jene Frage, ob Vernunft oder Gefühl den Menschen in seinem Verhalten steuert.

"Ich beschäftige mich mit der deutschen Tradition düsterer Literatur", gesteht der vollbärtige Peter Wortsman. Kleist sei ein weit gereister, energischer, brillanter Schriftsteller gewesen. "Warum aber der Selbstmord mit nur 34 Jahren?" Im März 1801, erzählt Peter Wortsman, habe Heinrich von Kleist Immanuel Kant gelesen. "Danach brach seine Welt zusammen." Seine Welt, sein Leben sei nun völlig bedeutungslos, schrieb Kleist am 23. März 1801 an seine Schwester Ulrike: "Mein einziges und höchstes Ziel ist gesunken, ich hab keines mehr..."

Hier in Frankfurt kam Peter Wortsman mit Wolfgang de Bruyn, Direktor des Kleist-Museums, zusammen. Gern würde er sich am Kleistjahr 2011 beteiligen, so der Gast aus den Staaten. Mit einem Kolloquium von Kleist-Übersetzern beispielsweise. Dafür könne man vielleicht das Literarische Colloquium Berlin (LCB) gewinnen, so der Direktor der Forschungs- und Gedenkstätte in der Faberstraße. Das 1963 von Walter Höllerer gegründete LCB gilt nicht nur international als Ansprechpartner für Fragen rund um die Literatur, "sondern ist auch unser Partner. Nicht nur im Kleistjahr 2011."

Erst vor zwei Jahren fand im Literarischen Colloquium Berlin die Internationale Jahrestagung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft statt. Die wissenschaftliche Tagung widmete sich damals "Kleists Affekten". Dort gab es auch eine Präsentation und öffentliche Vorstellung der Ideen für das Kleist-Jahr 2011 mit Wolfgang de Bruyn.

Für Peter Wortsman ist das Übersetzen "ein Werkzeug. Ja, ich nutze die Autoren aus. Aber ich ehre sie auch." Ob er vorhabe, ein weiteres Kleist-Werk zu übersetzen, wollte Wolfgang de Bruyn wissen. Wenn, dann Penthesilea, dieses viel diskutierte Drama aus dem Jahre 1808. "Aber mich interessiert derzeit viel mehr der Dramatiker Heiner Müller. Oder Wolfgang Borchert." Sein schmales Werk von Kurzgeschichten, Gedichten und einem Theaterstück machte Borchert nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bekanntesten Autoren der so genannten Trümmerliteratur.

Peter Wortsman wird Frankfurt und das 1969 im Gebäude der ehemaligen Garnisonschule eingerichtete Kleist-Museum ("eines der schönsten Literaturmuseen Europas", Die Zeit, 2000) nicht aus den Augen verlieren. "Ich habe hier Freunde", erzählt der Mann mit der Vollbart. In den 70er Jahren lernte er in Warschau Werner Rauch aus Frankfurt kennen. Über die Mauer hinweg wuchs zwischen dem Juden auf der einen und dem Katholiken auf der anderen Seite des sogenannten Eisernen Vorhangs die Freundschaft. Den modernen Kommunikationsmitteln sei dank: Man ist sich auch heute noch nah, trotz tausender Kilometer Entfernung. Und wenn dann noch Kleist lockt.

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