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Enrico Scherfel baut für Nastja Moltschanowa seit acht Jahren Ersatz-Beine

"Eine Prothese läuft nicht allein"

Geschafft: Enrico Scherfel hat die Prothese für Nastja Moltschanowa angefertigt. Seit 2011 wächst er an der Herausforderung, für Nastja neue Gehhilfen zu entwickeln und überrascht sie immer wieder - diesmal mit einem Flammen-Muster auf dem Ersatzbein.
Geschafft: Enrico Scherfel hat die Prothese für Nastja Moltschanowa angefertigt. Seit 2011 wächst er an der Herausforderung, für Nastja neue Gehhilfen zu entwickeln und überrascht sie immer wieder - diesmal mit einem Flammen-Muster auf dem Ersatzbein. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Josephin Hartwig / 10.09.2014, 19:13 Uhr
Schwedt (MOZ) Der OrthopädieTechniker Enrico Scherfel arbeitet seit Jahren für die Menschen der Region. Aber auch der Russin Nastja Moltschanowa hat er wieder eine neue Beinprothese angepasst.

Arme und Beine aus Karbon liegen im Sanitätshaus Fuchs auf Werkbänken oder stehen angelehnt an eine Wand. Enrico Scherfel ist einer der Orthopädie-Techniker, die dort arbeiten. Der 42-Jährige, der in Schwedt geboren und aufgewachsen ist, lebt heute in Angermünde. In Zehdenick erlernte er den Beruf des Werkzeugmachers. Danach folgte der Zivildienst in einem Pflegeheim. "Ich möchte den Menschen, die meine Hilfe brauchen, mit meiner Arbeit dauerhaft helfen", sagt er. Deshalb schulte er 1994 zum Orthopädie-Mechaniker um, danach hängte er noch einmal die Ausbildung zum Meister dran. "Früher konnte ich mir unter dem Beruf gar nichts vorstellen", sagt Enrico Scherfel über seine Anfänge im Beruf.

Nastja Moltschanowa betreut der Prothetiker seit 2006. Damals baute er die erste Prothese, noch unter erschwerten Bedingungen. "Nastjas Unterschenkel war direkt mit dem Oberschenkel, ohne Knie, verbunden. Das Bein hat sich immer weiter verformt und deshalb wurde amputiert", erklärt er. Die Operation fand damals im Asklepios Klinikum statt. Seit dem wird Nastjas Prothese mit einem Kniegelenk gebaut. Doch dafür gab es kaum Literatur und Scherfel musste seine ganze Kreativität in den Bau der Beinprothese stecken. Mit den Ideen ist der Vater einer Tochter in Nastjas Alter gewachsen, hat stundenlang probiert, geschraubt und überlegt. Inzwischen hat das Mädchen eine Vakuumprothese. Dadurch sind ihre Knie beim Sitzen gleich lang. "Das was die Technik hergibt, versuche ich umzusetzen."

Sechs Wochen dauerte die Anfertigung, von einem ersten Gipsabdruck bis hin zu dem definitiven Schaft aus Karbon. Druckstellen mussten ausgeglichen werden und der Orthopädie-Techniker sah sich ganz genau an, wie Nastja mit dem neuen Bein zurechtkommt.

Wenn Enrcio Scherfel durch die Straßen von Schwedt und Angermünde läuft, begegnen ihm häufig Menschen, die seine Prothesen tragen. "Das ist für mich ein gutes Gefühl, wenn mir die Leute sagen, dass alles super ist." Jeder Fall, dem sich Scherfel annimmt, ist anders. Vergleiche von einem Kunden zu einem anderen zu ziehen liegt ihm fern. "Es gibt so viele Unterschiede, wie die Art der Amputation. Ob durch Krankheit, einen Unfall oder angeborene Missbildung." Außerdem spiele auch das Alter eine enorme Rolle, denn häufig sei es für junge Menschen leichter, sich an die Prothese anzupassen. Durchblutungsstörungen und Diabetes können Faktoren sein, auf die es bei Älteren ankommt. "Entscheidend ist aber immer der Wille. Eine gute Prothese läuft nicht von allein", sagt Enrico Scherfel und schmunzelt. Mit Herz und Seele macht er seinen Job, ist immer auf der Suche nach optimierenden Techniken. Inzwischen seien die Prothesen auch nicht mehr nur Hautfarben. "Ich denke, dass etwa die Hälfte meiner Kunden ein frisches und buntes Design möchte. Gerade jüngere Menschen, die auch mal eine kurze Hosen tragen möchten, legen Wert darauf." Nastjas Prothese wurde in der Autolackiererei Schneeweiß mit Flammen verziert. Eine Idee von dem Techniker.

Die persönliche Bindung zu seinen Kunden ist dem Techniker wichtig, auch wenn er versucht, den Abstand zu wahren. "Mir werden auch mal sehr schlimme Dinge anvertraut, die kann ich nicht so nah an mich heran lassen", sagt Enrico Scherfel.

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