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Gerhard Westrich und Friederike Frach haben dem Leben auf und neben dem alten Mauerstreifen nachgespürt

Lebendige Vielfalt statt unüberwindlicher Wand

Nicht "unser" Turm: Naturschützer Marian Przybilla (links) und Hohen Neuendorfs Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung betrachten hier eine Fotografie der Umgebung vom alten Treptower Wachturm, der in einem Park am Schlesischen Busch steht.
Nicht "unser" Turm: Naturschützer Marian Przybilla (links) und Hohen Neuendorfs Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung betrachten hier eine Fotografie der Umgebung vom alten Treptower Wachturm, der in einem Park am Schlesischen Busch steht. © Foto: MZV
Heike Weißapfel / 23.09.2014, 10:51 Uhr
Berlin/Oberhavel (MZV) "Wo war denn nun die Mauer?" Das werde sie auf der Dachterrasse ihrer Landesvertretung häufig gefragt, sagt Margit Conrad, Staatsministerin des Landes Rheinland-Pfalz. Mit den Fotografien von Gerhard Westrich könne sie diese Frage nun beantworten.

Tatsächlich erzählt jedes einzelne Bild die ernste Geschichte auf emotional ansprechende, höchst vielfältige, oft heitere Art. Unter den in praller Blüte stehenden Japanischen Kirschbäumen in Pankow und in Teltow lustwandeln junge Leute. Ein Reh schaut bei Lichtenrade aus dem dichten hohen Grün hervor. Kurzgeschoren ist dagegen der Stolper Rasen geschnitten, auf dem die Golfer ihrem Hobby nachgehen.

Der Nieder Neuendorfer Grenzturm ist vom Dampfer aus eine Sehenswürdigkeit. Besucher des Badeschiffs auf der Spree genießen im Wasser die letzten Sonnenstrahlen, und der Reichstag hat als Winterlandschaft seinen ganz eigenen Charme.

Zu der ruhigen, präzisen Bildsprache und den sensiblen Porträts sind die sorgsam formulierten Kurzbiografien, die Friedrike Frach beigesteuert hat, kein bloßes Anhängsel. Sie regen vielmehr zu weiterer nachdenklicher Betrachtung an. Es ist zugleich ein Vorgriff: Je länger die Mauer weg ist, desto mehr wird sie der Erklärungen bedürfen.

Zur Eröffnung der Ausstellung sind am Donnerstagabend einige der Porträtierten in die Landesvertretung gekommen. Der Bergfelder Marian Przybilla nutzt die Gelegenheit, mit dem Berliner Künstler Ben Wagin über Baumschutz zu plaudern. Beide haben in den vergangenen Jahrzehnten für die Pflanzung von Zehntausenden junger Bäume gesorgt, und sie sind beide Teil der Ausstellung. Auch der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier ist dabei. Er beschreibt den etwa 200 Gästen in seiner Laudatio die Bilder als eine "sehr lebendige Dokumentation". Die Fotos machen deutlich, wie wunderbar die Freiheit ist", sagt der Gedenkstättenleiter. Peter-Mattias Gaede vom Vorstand des Magazins "Geo", für das Gerhard Westrich viel fotografiert, fügt hinzu, dem Profi sei "eine Art Langzeitbelichtung" gelungen. Die Schau und das dazu erschienene Buch "transportieren Gedächtnis".

Die Bilder laden ein, die Umgebung des Mauerstreifens immer wieder anders und mit neuer Leichtigkeit zu entdecken. Statt unüberwindlicher grauer Wand herrschen nun bunte Vielfalt und lebendige Kontraste. Doch ebenso erzählen Stachelgitter und im Nichts endende Bahnschienen von der Tragik und den abgebrochenen Lebenswegen. Michael Bittner ist eines von mindestens 138 Todesopfern an der Berliner Mauer. Hell leuchtet das Firmenschild der Fastfood-Kette neben der Stele für den Glienicker auf - Geschichte und Gegenwart treffen aufeinander. Beide haben ihre Berechtigung. Nach 25 Jahren Mauerfall ist alles anders geworden. Die Geschichte darf in den Hintergrund treten, vergessen werden soll sie nicht.

Die Ausstellung ist in der Berliner Landesvertretung Rheinland-Pfalz, In den Ministergärten 6, bis zum 17. Oktober zu sehen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 20 Uhr. Dazu ist im Jaron-Verlag ein Buch mit den Fotografien erschienen.

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