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Mit dem Zeichenstift auf den Spuren von Friedrich Wolf

Mirko Wolf hat seinen Großvater Friedrich Wolf, der hier auf dem Schwarzweiß-Foto mit dem Haushund Bummi spielt, nie kennen gelernt.
Mirko Wolf hat seinen Großvater Friedrich Wolf, der hier auf dem Schwarzweiß-Foto mit dem Haushund Bummi spielt, nie kennen gelernt. © Foto: Bender
Dietmar Bender / 05.12.2014, 16:46 Uhr
Berlin (MäSo) Natürlich sind sich die Hunde ähnlich: Als Mirko Wolf im Juni dieses Jahres den Zeichenstift in die Hand nahm und den frechen Hundevierbeiner Bummi, den Titelhelden aus dem Kinderbuch seines Großvaters Friedrich Wolf, zu neuem Leben erwecken wollte, hatte er gleich mehrere Bilder im Kopf: Auf alten Fotos aus den fünfziger Jahren spielen sein Vater Konrad Wolf und sein Großvater Friedrich Wolf mit dem echten Bummi, einem Foxterrier, den sein Opa einst geschenkt bekam. Viele Jahre später hatte Mirko Wolf als kleiner Junge mit Isko selbst einen Foxterrier. Bummi und Isko standen also Pate als Mirko Wolf zu zeichnen begann und die Geschichte "Bummi und Bolle" von Friedrich Wolf aus dem Jahr 1952 mit 22 handgezeichneten und -kolorierten Bildern neu illustrierte.

Es war in mehrfacher Hinsicht eine Zeitreise in die eigene Familiengeschichte des 53-jährigen Illustrators und Trickfilmzeichners. Bei den Wolfs scheint es eine Tradition zu sein, sich mit dem Werk der Vorgänger auseinander- oder es fortzusetzen. So verfilmte Konrad Wolf das Buch seines Vaters Friedrich Wolf "Professor Mamlock", und während Friedrich Wolf die Akademie der Künste sowie die DEFA mitgründete, war Sohn Konrad sowohl einer der wichtigsten DEFA-Regisseure als auch ab 1965 Akademie-Präsident. Und Mirko Wolf begann genau in jenem Jahr 1985 mit dem Trickfilm-Studium in der Filmhochschule Babelsberg, als sie den Namen seines Vaters Konrad Wolf erhielt. Nun greift der Enkel ein Kinderbuch seines Großvaters auf, das ihm seine Eltern in den sechziger Jahren oft vorlasen, so wie auch die anderen Tiergeschichten, die sein Großvater Friedrich geschrieben hatte. Mit Beginn der Schulzeit las er auch selbst gern darin.

Die Idee, "Bummi und Bolle" neu zu illustrieren, kam bei einem Familientreffen vor etwa zwei Jahren. "Meine Mutter fragte mich, ob ich nicht mal etwas mit den alten Kinderbüchern von Friedrich Wolf machen wolle." Ohnehin hatte er als Animateur und Zeichner immer viel mit den Fantasien von Kindern zu tun. "Es gibt nichts Schöneres, als für Kinder Figuren entstehen zu lassen und mit ihnen Geschichten zu erzählen", sagt er. Und mit seinem Großvater hatte er einen genialen Kinderbuchautoren, nicht zuletzt auch mit der beliebten "Weihnachtsgans Auguste". "Aber dieses Buch war bereits ganz toll illustriert, sehr bekannt und verfilmt. Die Bummi-Geschichte wurde in ihren vielen Auflagen dagegen nur wenig bebildert und meist nur mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Ich wollte ein Bilderbuch daraus machen." Andere Tiergeschichten von Friedrich Wolf spielen im Krieg oder sind zum Teil melancholisch-traurig. "Die Freundschaft von Bummi und Bolle dagegen ist ein Spaß für Kinder und Erwachsene, auch heute noch."

Nun setzte er sich in den vergangenen Sommermonaten an seinen Küchentisch in Berlin-Köpenick, las noch einmal intensiv die Geschichte, begann zu zeichnen und tauchte ab in die Welt der beiden Hundefreunde Bummi und Bolle. "Auch Bolle hatte mein Großvater nicht frei erfunden, es war der Nachbarshund, ein Rauhaardackel, der immer auf den Wegen in der Lehnitzer Waldidylle herumlungerte." Dort hatten Friedrich Wolf und seine Frau Else von 1948 an gewohnt - er bis zu seinem Tod 1953, sie noch zwanzig Jahre länger. Heute ist dies eine Gedenkstätte, die jeden Freitag (10 bis 14 Uhr) geöffnet hat sowie Lesungen und Gesprächsabende organisiert. Das Arbeitszimmer, in dem Friedrich Wolf in der Nacht zum 5. Oktober an einem Herzinfarkt gestorben war, ist bis heute im Originalzustand erhalten, so wie weitere Räume in dem ockerfarbenen Klinkerbau. Seit Mirko Wolf an den Buch-Illustrationen arbeitete, war er wieder häufiger in Lehnitz, und nicht nur, weil hier all die Bücher von Friedrich Wolf aufbewahrt werden.

Mirko Wolf kennt diesen Ort bereits aus Kindertagen, wenn er mit seiner Familie die Oma Else besuchte. Seinen Großvater hatte er nie kennengelernt. Ein Bild konnte er sich lediglich aus den Erzählungen, den Filmen oder eben den Kinderbüchern machen. "Wir verbrachten allerdings nur selten Zeit in Lehnitz, da mein Vater und die anderen Familienmitglieder viel beschäftigt und unterwegs waren." Deshalb beschränkten sich die Treffen meist auf Geburtstagsfeiern, bei denen sich dann die gesamte Familie Wolf versammelte, auch mit seinem Onkel Markus Wolf, der zu jener Zeit Leiter der Auslandsaufklärung des MfS war. "Darüber wurde aber nie gesprochen. Ich wusste als Jugendlicher zwar, was mein Onkel war, aber im Teenie-Alter hatte ich ganz andere Interessen. Auch mit meinem Vater Konrad sprach ich kaum darüber. Er hatte nur wenig Zeit, und wenn er da war, blieb uns genügend anderer Gesprächsstoff, der sich im Alltag ansammelte. Wenn er nicht schon 1982 gestorben wäre, da war ich erst 21, hätten wir sicherlich auch mehr über andere Dinge geredet."

Als Kind war Mirko Wolf mal während der Ferien ein paar Drehtage zu "Goya - oder der arge Weg der Erkenntnis" in Moskau, aber sonst erlebte er seinen Vater bei der Arbeit nicht. Der erste Film, den er bewusst wahrgenommen hatte, war "Solo Sunny". Er sah ihn in jenem Januar 1980 bei der Premiere im Kino International. "Dieser Film hatte meinen Nerv getroffen", blickt er zurück. "Hätte ich damals gewusst, dass mir mit meinem Vater nur noch gut zwei Jahre bleiben, wäre ich viel öfter auf ihn zugegangen und hätte mehr von ihm erfahren wollen, auch über seine Arbeit an den anderen Filmen, wie "Ich war neunzehn', "Mama, ich lebe' oder "Der geteilte Himmel', nach einem Buch von Christa Wolf."

Trotz seines berühmten Vaters und Großvaters, auch seine Mutter Christel Bodenstein war Schauspielerin, ging Mirko Wolf einen eigenen Weg. Nicht die Schauspielerei, nicht das Schreiben oder Regieführen waren sein Metier, sondern das Zeichen. Kaum konnte er krabbeln, schon hatte er einen Stift in der Hand, erzählte ihm seine Mutter. In der Schule malte er die Plakate für die Kuchenbasare, und überall kritzelte er Figuren hin. Selbst die Drehbücher seines Vaters blieben davon nicht verschont. Aber auch das Basteln lag ihm. So lernte er an der Berliner Staatsoper Theatertischler, bevor er nach Dresden ging und dort in einem Trickfilmstudio begann und im Bereich Puppentrick arbeitete. "In dieser Zeit habe ich die ganze Familie mit Fußbänken ausgestattet", lächelt er. Bis 1987 studierte er an der Filmhochschule Babelsberg Trickfilm und arbeitete anschließend sechs Jahre in den Trickfilmstudios in Dresden und Babelsberg. Seit 1994 ist er selbstständiger Illustrator und Animator, entwarf Figuren und Plakate für die Kinderrevue im Friedrichstadtpalast, zeichnete für den Abendgruß im RBB, entwickelte Werbespots und Animationen für Firmen. Heute arbeitet er nebenher auch mit Schülern im Filmgymnasium in Babelsberg und leitet eine AG Trickfilm in einem Oranienburger Gymnasium.

Jetzt, da die Arbeiten am noch druckfrischen Bummi-Buch abgeschlossen sind, kommt Mirko Wolf wieder öfter dazu, auch mal einen Sonntagvormittag zu genießen, sich mit Freunden irgendwo zum Frühstück treffen oder selbst zum Frühstück einzuladen. Und da er es liebt zu kochen, wird meist ein Brunch daraus. Wenn er mal ganz viel Zeit hat, würde er sich gern mal wieder an der Lieblingsspeise der Wolf-Familie versuchen: handgemachte Pelmeni. "Schon mein Vater und mein Onkel standen im Familienwettstreit, wer die besten Pelmeni macht und wessen Teig am dünnsten gelingt." Mit "Geheimnisse der russischen Küche" hatte sein Onkel sogar ein Kochbuch herausgegeben. "Aber ein deftiges Rührei zum Frühstück macht es auch."

Zum Schluss verrät Mirko Wolf noch das wahre Ende von Bummi und Bolle. Während im Buch nach einem heftigen Streit der beiden die Freundschaft doch noch siegte, ging es für den jungen und viel herumstreunenden Bummi im wirklichen Leben nicht so gut aus. "Er wurde kurz nach dem Tod meines Opas von einem anderen, größeren Hund totgebissen." Zum Glück hatte dies Friedrich Wolf nicht mehr erlebt, sonst wäre dieses Kinderbuch wahrscheinlich nie entstanden.

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