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Dorothee Torebko 27.01.2015 09:47 Uhr - Aktualisiert 27.01.2015 19:36 Uhr

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Heimat der Heimatlosen

Potsdam (MOZ) Der Fußball-Regionalligist SV Babelsberg 03 hat eine eigene Mannschaft für Flüchtlinge gegründet. Ab kommender Saison wird das Team "Welcome United" in der Kreisklasse kicken. Für die Asylbewerber bedeutet das wöchentliche Training ein Stück Normalität.

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Ein Team aus vielen Nationen: "Welcome United" in Potsdam. Zahirat Juseinov (Mitte vorn) ist ihr Trainer.

© picture alliance / dpa

Sie krachten in sein Haus. Mit Soldatenstiefeln. Sie drückten ihm ein Gewehr in die Hand. Schlachten sollte er. Ein junger Mann von 19 Jahren. Er wollte nicht. Er floh. Von seiner Heimat Somalia über die Sahara. Nur mit seinen Kleidern am Leib, ohne Wasser und ohne Nahrung stapfte er durch den Wüstensand. Er wurde eingepfercht auf einem Boot, wie Vieh, sagt er. Es roch nach Verwesung und Urin. Dann betrat er europäisches Festland, kam nach Berlin, dann nach Potsdam. Frei sein, dachte er sich. Doch das ist er auch hier nicht.

Während Mohamed Asad Jama das erzählt, wandern seine Augen in die Ferne. Der 21-Jährige blickt auf den Fußballplatz des Regionalligisten Babelsberg03. Dort kicken gerade 15 Fußballer. Der Mann mit der schokoladenbraunen Haut zupft sich die Stulpen an den storchendünnen Beinen zurecht, atmet eine Wolke in die kalte Luft und trabt auf den Platz.

Jeden Sonntag trifft er sich hier mit dem Team "Welcome United" auf dem Kunstrasenfeld neben dem Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion. Es ist dieses eine Mal in der Woche, dass die Flüchtlinge ihren Alltag im Heim lassen und sich beim Sport beweisen können. Fußball als Flucht? So könnte es sein. So ist es aber nicht. Denn auch bei dem 21-jährigen Somalier kickt die Geschichte immer mit.

"Nicht so hart! Das ist nur ein Testspiel, Jungs", ruft Trainer Zahirat Juseinov, der von allen nur Hassan genannt wird, den Spielern zu. Die Fußballer gehen hart an den Mann, jeder von ihnen, so wirkt es, will stürmen, jeder ein Tor schießen. Sie haben es nicht anders gelernt. "Sie sind Einzelkämpfer. Deshalb haben wir auch solche Probleme, Leute für die Abwehr zu finden", erzählt Manja Thieme, die das Geschehen vom Spielfeldrand aus beobachtet. Die ehrenamtliche Helferin bei der Ausländerseelsorge Babelsberg hat das Flüchtlingsprojekt vor einem halben Jahr gegründet. Statt anfangs fünf Spielern kommen nun 40 Fußballer aus dem Nahen Osten, Afrika und Osteuropa zum Training.

Und es sollen noch mehr werden. "Welcome United" ist in Deutschland einzigartig. Der Traum ist, dass im ganzen Land Mannschaften für Asylbewerber entstehen. 2014 sind 4000 Flüchtlinge nach Brandenburg gekommen. In diesem Jahr werden 6000 erwartet. Integration von und Kommunikation mit Flüchtlingen sind daher umso wichtiger, erklärt der Babelsberger Vereins-Präsident Archibald Horlitz. "Wir sehen uns nicht als Gönner, die Asylbewerber auf einem Nebenplatz kicken lassen. Sie sind Teil der Gesellschaft, und Fußball ist eine Weltsprache", sagt er.

Bisher ist die Mannschaft nur zu Freundschaftsduellen angetreten, doch ab der kommenden Saison wird "Welcome United" auch in der Kreisklasse starten. Am vergangenen Montag wurde vom Deutschen Fußball-Bund ein beschleunigtes Verfahren zur Spielerpassvergabe beschlossen: Statt eines halben Jahres müssen die Asylbewerber nur noch vier Wochen auf ihren Pass warten. Zusätzlich wird - falls gewünscht - ihre Anonymität gewahrt. Ein großer Fortschritt. Das weiß auch Mohamed Asad Jama. "Ich hoffe, dass ich dann zeigen kann, wie gut ich bin. Fußball ist die einzige Möglichkeit für mich", sagt er. Eine Schulbildung besitzt der Somalier, der Nationalspieler Philipp Lahm als Vorbild ansieht, nicht. Deutsch spricht Jama kaum. Seinen Namen kann er sagen und sein Alter. Mit gebrochenem Englisch versuchte er, sich verständlich zu machen.

Als er vor einigen Tagen auf einem U-Bahnhof in Berlin von deutschen Jugendlichen angegriffen wurde, konnte er nicht einmal die Polizei rufen. Er wartete auf die Bahn, als ihn die Angreifer ins Gesicht schlugen. Er fiel auf den gefliesten Boden, das Blut spritzte, sie traten weiter auf ihn ein. Noch heute hat der Somalier Probleme, auf einem Auge zu sehen. Die Anzeige verlief im Sande. Angst hatte er. Angst hat er immer noch. Von einem Tag auf den anderen "können die von der Behörde vor der Tür stehen und mich mitnehmen". Am liebsten würde er zurück in die Heimat. Aber das geht nicht, sagt er. Deshalb lenkt er sich ab. Mit Fußball. Zumindest ein bisschen.

Dass ein Spieler von einem Tag auf den anderen untertauchen musste, ist schon passiert. Zweimal, erzählt Manja Thieme. Das eine Mal bekam sie einen Anruf von dem Flüchtling. "Ich denke an Selbstmord", sagte er. Es ginge einfach nicht mehr. Stets auf der Flucht. Immer in Furcht. "Noch heute habe ich Gänsehaut, wenn ich daran denke", erzählt Thieme. Sie sprach mit dem Kenianer; auch ein Fußballer aus dem Team United redete auf ihn ein. Der Kenianer beschloss zu leben. Ob er inzwischen wieder zurück in seiner Heimat ist, weiß die Potsdamerin nicht.

"Aufpassen!", ruft Trainer Zahirat Juseinov seinen Spielern zu, als zwei von ihnen beim Kampf um den Ball aneinanderkrachen. Er dirigiert die Fußballer mit seinen Armen, applaudiert bei gut ausgespielten Aktionen und bricht immer wieder in Gelächter aus. Anders als bei Mohamed Asad Jama zeichnet sich im Gesicht des Coaches keine Skepsis ab. Keine Schwermut schläft in seinen Augen. Stattdessen spielen Lachfältchen in seinem Antlitz.

Der Mazedonier, der sechs Sprachen beherrscht, fühlt sich wohl in Potsdam. Sein Deutsch ist nahezu perfekt, denn er hat mit seinen Eltern sechs Jahre lang im niedersächsischen Cuxhaven gewohnt, bevor sie abgeschoben wurden. Doch Juseinov kam zurück mit seiner Frau und seinen drei Kindern.

"In Mazedonien haben wir zu fünft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt. Ich verdiente 15 Euro am Tag. Wie willst du damit eine Familie ernähren?", fragt er. Er konnte und wollte es nicht. Monatelang hat er auf eine Arbeitserlaubnis gewartet, nun hat er sie bekommen - und sucht nach einem Job. Als Hausmeister vielleicht oder auf dem Bau. "Gestern hat mein Sohn Geburtstag gefeiert", erzählt er. "Früher, als wir noch im Asylbewerberheim gewohnt haben, ist keiner zum Geburtstag gekommen. Nun waren aber 15 Jungs da. Mein Sohn war total froh."

Der Abend bricht über den Rasenplatz herein. Die Zuschauer am Spielfeldrand, Manja Thieme, Präsident Horlitz und ein Kamerateam, das einen Beitrag über das Team dreht, ächzen unter der Eiseskälte. Die Kicker flitzen schneller und immer schneller. "Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, damit ich Bill Gates werde. Und auch kein Cristiano Ronaldo", sagt der serbische Fußballer Zoran Brkic. "Ich bin einfach nur froh, dass ich in Potsdam Glas in den Fenstern habe statt Folie." Er will kein Mitleid, sagt er. Er will leben. Und jeden Sonntag zum Stadion kommen und gegen einen Lederball treten.

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