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25 Jahre nach der ersten freien Volkskammerwahl trafen Gysi und Diestel beim MOZ-Talk aufeinander

" Wir wollten eine andere DDR "

Frauke Adesiyan / 18.03.2015, 21:15 Uhr - Aktualisiert 03.07.2017, 16:13
Frankfurt (Oder) (MOZ) Eine besondere Freundschaft verbindet den Linken-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi und den einstigen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel. Beim MOZ-Talk am Dienstagabend trafen sie aufeinander.

 

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9. MOZ-Talk im Kleist Forum

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Den Zeigefinger richtet Gregor Gysi immer noch gegen seinen langjährigen Freund Peter-Michael Diestel. Stechend schnellt er hervor, 1990 in der Volkskammer, als Gysi die PDS führte und Diestel für sieben Monate Innenminister war, genauso wie 25 Jahre später beim launigen MOZ-Talk im Frankfurter Kleist Forum. Die beiden Juristen sind sich nicht einig: Sind die entscheidenden Fehler im Einigungsprozess gemacht worden, als man es nicht schaffte, DDR-Errungenschaften in das vereinte Deutschland mitzunehmen, oder erst danach? Es ist die Zeitreise in die Anfänge einer merkwürdigen Freundschaft, die die Gäste am Dienstagabend mitverfolgen können und eine unterhaltsame Show ihrer heutigen Beziehung.

Als der Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag etwas später als alle anderen Gäste im Kleist Forum erscheint und sich nach einer herzlichen Umarmung neben den Rechtsanwalt Diestel setzt, bleiben die beiden minutenlang Arm in Arm sitzen. "Man ist ihm irgendwie ergeben", wird Diestel später sagen. Und Gysi schwärmt: "Peter, mit dir würde ich gern eine Doppelspitze bilden." Dabei ist die parteipolitische Karriere Diestels seit Langem vorbei. 1990 hat er die Deutsche Soziale Union mitbegründet, aus der er sechs Monate später, inzwischen als Innenminister der DDR, wieder austrat. Bis 1994 saß er für die CDU - zeitweise als Oppositionsführer - im Brandenburger Landtag. Seitdem macht er vor allem als Anwalt für Prominente von sich reden.

Was verbindet den christlichen Staranwalt mit dem Linken-Spitzenpolitiker? Beide sind Facharbeiter für Rinderzucht, ihr Können am Euter stellen sie im Kleist Forum mehr oder weniger bereitwillig an einem Kuh-Modell unter Beweis. Doch zusammen schweißt sie vor allem die Zeit der späten 80er- und frühen 90er-Jahre, in der beide die sich wandelnde politische Landschaft im Osten mitgestalteten. Diestel gründete 1988 in der Leipziger Thomaskirche einen politischen Gesprächskreis mit, Gysi gab ein Jahr später in Berlin eher unbewusst den Anstoß zur ersten offiziell genehmigten Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November. "Wir wollten eine andere DDR", schaut Diestel 25 Jahre später zurück.

Mit Genugtuung sehe er heute, wie DDR-Ideen wieder aufgegriffen werden, sei es bei Polikliniken oder der Kinderbetreuung. Gysi hingegen zürnt unter dem Beifall der rund 550 Zuschauer, das habe man alles viel früher haben können. "Jetzt hat es nichts mehr mit uns zu tun", sagt er und meint mit uns die ehemaligen DDR-Bürger. Ein bisschen mehr Großzügigkeit habe er sich vom Westen gewünscht, zehn Dinge hätten sie symbolisch aus der DDR übernehmen können. "Ich glaube, wenn ich je siegen würde, dann hätte ich diese Großzügigkeit."

So unterschiedlich sich die Biografien der beiden entwickelten, es gab einen Moment, da hatten sie tatsächlich die Chance, gemeinsam in einer Partei zu landen. 1992 gründeten sie das "Komitee für Gerechtigkeit". Mit dabei waren Stefan Heym, Tamara Danz, Barbara Thalheim und weitere. Ein Pool ostdeutscher Interessen sollte geschaffen werden, einige Medien witterten eine Ost-Partei. Christoph Dieckmann schreibt damals in der Wochenzeitung "Die Zeit": "Diestel & Gysi, Max und Moritz der ostdeutschen Politik, dürften nach diversen Streichen enden in den Mühlen der Parteidemokratie." Man hörte tatsächlich bald nichts mehr von dem Komitee. Gysi und Diestel aber blieben im Gespräch - wenn auch auf ganz unterschiedliche Art.

Heute bleibt nicht mehr viel Zeit, die Freundschaft zu pflegen. Umso mehr Spaß haben beide an dem Treffen auf der Bühne. "Tschüss, Großer", sagt Gysi zum Abschied. Auf ein Wein nach der Veranstaltung kommt er nicht mit; ohne eine seiner Provokationen will er aber nicht gehen. Diestels Frau Antje raunt er noch zu: "Wenn Du mal einen zarten Jungen brauchst, melde Dich."

Link zum Video: www.moz.de/moztalk

Kommentare

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Andre1405 24.05.2015 - 13:15:40

Ein Kind der DDR

Ich bin 1979 geboren und somit ein Kind der DDR. Ich hatte eine schöne Kindheit, das kann ich von Herzen sagen. Heute ist eine Überflussgesellschaft das normalste der Welt. Früher habe ich mich über jedes Stück billige "Westschokolade" gefreut. Wenn man da heute den Mittelweg finden würde wäre es wohl das Beste. Das schlimmste am heutigen System ist die Ungleichverteilung von Geld. So war das in der DDR nicht. Sicher gab es nicht soviel zu teilen, aber das was da war wurde gerechter verteilt. Zu Diestel und Gysi: Ich würde mich als Fan der Beiden bezeichnen!

Armin1 21.03.2015 - 10:02:25

Statistik

Laut Statistik gibt es in Deutscland 10000 Selbstmorde ,! Jeder fünfte Suizit basiert arbeitsbedingt ! Nach der Wende gab es eine Statistik ,die da sagte ,dass die Kriminalität gegenüber der DDR um 400 % gestiegen war ! Wie sieht es heute aus ? Auch heute werden " kleine" Delikte in der Statistik nict aufgenommen ! Stimmt es ,dass Zeugen im NSU -Prozess plötzlich auf verschiedener Weise aus dem Leben schieden ??

Rotlackiert 20.03.2015 - 22:51:04

@dimitri m.

"und ich meine es gab jährlich etwa soviel Morde in Frankfurt am Main , wie in der gesamten DDR ..." meints du täglich in der DDR und sind die Selbstmorde mitgezählt, denn darin waren wir ja Weltspitze und ja es gab Statistiken in der DDR in dreifacher Ausführung. !. Für das ND = keine Verbrechen 2. Für das Politbüro= es gab fast keine und für die Stasi als drittes= Mord muss ein probades Mittel sein um anders denkende zu beseitigen, wir zählen diese nicht dazu.......

Rotlackiert 20.03.2015 - 22:06:39

@Kurt

ich wollt dir nicht zu nahe treten, habe aber eben meine Erfahrungen auch wiedergegeben. Ich stamme aus der Nähr von Aue ab. Also dem kleinen zickigen bergvolk und da erlbetze man so einiges anders und selbst die Menschen die guten Glauns alsd Kripo in der Zone arbeiteten erzählten natürlich im Geheimen, welche Straftaten so >gang und gebe waren in der DDR. Über das Bildungssystem lässt sich trefflich streiten. Ich halte das heutige sächsische noch für das Beste. Es ist sogr so gut, dass alle die sich an diesem orientieren, nach Pisa heute aeuropaweit als führend gelten. Und Über Berufsausbildung könnte ich so manche Story erzählen bis hin, das ich einen Tag vor Beginn der Ausbildung meinen mir festgeschriebenen Ausbildungsvertrag bei einer Privattischlerei gekündigt bekam. So unterschiedlich war es damals mit der Wahrnehmung. Ich möchte damit aber andere Erfahrungen nicht abstreiten, eben bloß darauf aufmerksam machen.

dimitri m. 20.03.2015 - 21:32:20

Mord und Totschlag

Ja sicher gab es in der DDR auch Mord und Totschlag ... aber wer es wirklich wissen will, gibt es dazu auch Statistiken ... jedenfalls gab es die früher - und ich meine es gab jährlich etwa soviel Morde in Frankfurt am Main , wie in der gesamten DDR ...

kurt 20.03.2015 - 21:16:02

@Bundesbürger...

...lesen und nicht voreingenommen in die Tasten gehen. Hier redet niemand die DDR schön. Der Wunsch zur See zu fahren, haben mir die „Stasisäcke“ zunichte gemacht. Ich hätte allen Grund hier vom Leder zu lassen und mich über die DDR negativ zu äußern. Es war aber nicht alles schlecht. Der Staat hat mir eine vernünftige Schul-, sowie Berufsausbildung gegeben. Respekt und Achtung wurden mir beigebracht. @Rotlackiert, mit Bildungssystem meinte ich, dass die Schüler im Norden den gleichen Lehrstoff, wie die Schüler im Süden gelehrt bekamen. Die Ideologie steht auch heute im Vordergrund. Bei meiner „Behauptung“, dass ich mich in der DDR sicherer fühlte, bleibe ich. Natürlich gab es auch Mord und Totschlag, Vergewaltigungen, Diebstahl und andere Gewalttaten. Und natürlich hat die Presse NICHT, oder nur kleckerweise drüber berichtet und das, geschrieben, was die Zensur frei gab. Letzteres haben wir doch heute auch. Die MOZ beweist es täglich. Die DDR war nie souverän. Der „große Bruder“ stand ständig im Nacken. Als Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika kam, waren die greisen Herren überfordert. Die DDR war längst pleite, wie der gesamte Ostblock. Wie lange diese Republik noch durchhält, steht in den Sternen. Hier einmal ein Blick auf unsere Schulden. http://www.staatsschuldenuhr.de/ Ich war kein Freund der DDR und habe mich auch sehr über die Wende gefreut. Deutschland lag nach dem Krieg in Schutt und Asche. Die Voraussetzungen für den Wiederaufbau, waren meiner Meinung nach im Westen wesentlich besser als im Osten. Im Übrigen sind und waren die beiden Facharbeiter für Rinderzucht, heute Anwälte, für mich keine guten Politiker. @Armin1, danke für dein Feedback.

gerhardt 20.03.2015 - 16:39:30

Analyse des Fotos zum Artikel

Da sitzen nun die Beiden süffisant lachend, wieder weich ins andere Gesellschaftssystem gefallen und freuen sich über die Klapsköppe die ihnen durch alle Talk Shows tingelnd ihren Salm auch noch abkaufen.

Armin1 20.03.2015 - 16:24:38

Moderne

Ja , Bundesbürger ,für die heutigen modernen Computer springen in China die ausgebeutete Frauen von Appel aus die Fenster ! Jetzt hat man Netze gespannt ! Sie können stolz sein ! Nun können sie noch fragen wo die hochwertigen Grundstoffe ( Tantal) herkommen ? Was war in Bangladesch ? Vielleicht lesen sie mal den Kommentar von Kurt nochmal langsam ! Die jetzige ÜBERPRODUKTION vernichtet Ressoucen und das Prinzip des ständigen Wachstums trägt die Erde zu Markte !! Am Ende gibt es Kriege !!

der Hans 20.03.2015 - 14:50:00

@Armin1

"Wer hat die Ausbeutung anderer Völker erfunden und am Leben gehalten, auch in der Marktwirtschaft ?!" Die BRD?

Bundesbürger 20.03.2015 - 10:42:11

da sind sie wieder,

die armen Ostalgiker. Wie sie mit ihren robotron-Computern im Internet des Ostblocks durch die digitalen Weiten surfen. Vor der Haustür steht der gute Trabant, die letzten Urlaube gingen ausschließlich an die Ostsee und in den Harz. Der Fernseher kommt noch aus Stassfurt und überhaupt wird jeder Kommentar hier erst einmal vom Parteisekretär abgesegnet. Oder stimmt das alles etwa gar nicht?!

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