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Frauke Adesiyan 18.03.2015 19:15 Uhr - Aktualisiert 18.03.2015 20:39 Uhr

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"Wir wollten eine andere DDR"

Frankfurt (Oder) (MOZ) Eine besondere Freundschaft verbindet den Linken-Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi und den einstigen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel. Beim MOZ-Talk am Dienstagabend trafen sie aufeinander.

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© René Matschkowiak

 

 

Den Zeigefinger richtet Gregor Gysi immer noch gegen seinen langjährigen Freund Peter-Michael Diestel. Stechend schnellt er hervor, 1990 in der Volkskammer, als Gysi die PDS führte und Diestel für sieben Monate Innenminister war, genauso wie 25 Jahre später beim launigen MOZ-Talk im Frankfurter Kleist Forum. Die beiden Juristen sind sich nicht einig: Sind die entscheidenden Fehler im Einigungsprozess gemacht worden, als man es nicht schaffte, DDR-Errungenschaften in das vereinte Deutschland mitzunehmen, oder erst danach? Es ist die Zeitreise in die Anfänge einer merkwürdigen Freundschaft, die die Gäste am Dienstagabend mitverfolgen können und eine unterhaltsame Show ihrer heutigen Beziehung.

Als der Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag etwas später als alle anderen Gäste im Kleist Forum erscheint und sich nach einer herzlichen Umarmung neben den Rechtsanwalt Diestel setzt, bleiben die beiden minutenlang Arm in Arm sitzen. "Man ist ihm irgendwie ergeben", wird Diestel später sagen. Und Gysi schwärmt: "Peter, mit dir würde ich gern eine Doppelspitze bilden." Dabei ist die parteipolitische Karriere Diestels seit Langem vorbei. 1990 hat er die Deutsche Soziale Union mitbegründet, aus der er sechs Monate später, inzwischen als Innenminister der DDR, wieder austrat. Bis 1994 saß er für die CDU - zeitweise als Oppositionsführer - im Brandenburger Landtag. Seitdem macht er vor allem als Anwalt für Prominente von sich reden.

Was verbindet den christlichen Staranwalt mit dem Linken-Spitzenpolitiker? Beide sind Facharbeiter für Rinderzucht, ihr Können am Euter stellen sie im Kleist Forum mehr oder weniger bereitwillig an einem Kuh-Modell unter Beweis. Doch zusammen schweißt sie vor allem die Zeit der späten 80er- und frühen 90er-Jahre, in der beide die sich wandelnde politische Landschaft im Osten mitgestalteten. Diestel gründete 1988 in der Leipziger Thomaskirche einen politischen Gesprächskreis mit, Gysi gab ein Jahr später in Berlin eher unbewusst den Anstoß zur ersten offiziell genehmigten Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November. "Wir wollten eine andere DDR", schaut Diestel 25 Jahre später zurück.

Mit Genugtuung sehe er heute, wie DDR-Ideen wieder aufgegriffen werden, sei es bei Polikliniken oder der Kinderbetreuung. Gysi hingegen zürnt unter dem Beifall der rund 550 Zuschauer, das habe man alles viel früher haben können. "Jetzt hat es nichts mehr mit uns zu tun", sagt er und meint mit uns die ehemaligen DDR-Bürger. Ein bisschen mehr Großzügigkeit habe er sich vom Westen gewünscht, zehn Dinge hätten sie symbolisch aus der DDR übernehmen können. "Ich glaube, wenn ich je siegen würde, dann hätte ich diese Großzügigkeit."

So unterschiedlich sich die Biografien der beiden entwickelten, es gab einen Moment, da hatten sie tatsächlich die Chance, gemeinsam in einer Partei zu landen. 1992 gründeten sie das "Komitee für Gerechtigkeit". Mit dabei waren Stefan Heym, Tamara Danz, Barbara Thalheim und weitere. Ein Pool ostdeutscher Interessen sollte geschaffen werden, einige Medien witterten eine Ost-Partei. Christoph Dieckmann schreibt damals in der Wochenzeitung "Die Zeit": "Diestel & Gysi, Max und Moritz der ostdeutschen Politik, dürften nach diversen Streichen enden in den Mühlen der Parteidemokratie." Man hörte tatsächlich bald nichts mehr von dem Komitee. Gysi und Diestel aber blieben im Gespräch - wenn auch auf ganz unterschiedliche Art.

Heute bleibt nicht mehr viel Zeit, die Freundschaft zu pflegen. Umso mehr Spaß haben beide an dem Treffen auf der Bühne. "Tschüss, Großer", sagt Gysi zum Abschied. Auf ein Wein nach der Veranstaltung kommt er nicht mit; ohne eine seiner Provokationen will er aber nicht gehen. Diestels Frau Antje raunt er noch zu: "Wenn Du mal einen zarten Jungen brauchst, melde Dich."

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