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Sechs Monate in Asien bestärken den 26-jährigen Stefan Eschert in seinem Zukunftswunsch: ein Erlebnis-Hostel in Angermünde

"Ich muss zurück nach Hause"

Kerstin Unger / 16.04.2015, 11:00 Uhr
Angermünde (MOZ) Viele Junge Leute verlassen die Uckermark, um ihr berufliches Glück zu finden. Stefan Eschert zog es für Monate viele Tausend Kilometer fort, um am Ende in Südthailand zu wissen: Seine Zukunft liegt in seiner Heimatstadt Angermünde.

Vor sechs Jahren hat Stefan Eschert am Einstein-Gymnasium sein Abitur gemacht. Er ging nach Berlin, absolvierte seinen Zivildienst und hatte keine Ahnung, was er beruflich machen will. Der Angermünder lernte Werbekaufmann, hatte Spaß an seinem gut bezahlten Job und nach zwei Jahren dennoch den Drang nach einer Auszeit.

Mit seinem Kumpel Piet Weiss aus Angermünde, der ebenfalls in Berlin wohnt, und dessen Freundin Jennifer Arndt entstand die Idee, auf Weltreise zu gehen. Dafür legte Stefan seit 2010 Geld beiseite. Die Flüge gen Asien wurden Anfang 2014 für September gebucht. "Dann begannen die Vorbereitungen wie impfen lassen und überall abmelden. Wir wollten schließlich Jahre weg sein. Ein Limit hatten wir uns nicht gesetzt", erzählt der heute 26-Jährige.

Die Ersparnisse reichten für Asien. Von dort aus sollte die Reise weitergehen nach Australien, wo sich die jungen Leute Geld verdienen wollten und dann nach Südamerika, Mittelamerika, Mexiko und Nordamerika.

"Es ging weniger ums Feiern, sondern mehr darum, andere Kulturen kennenzulernen und den eigenen Weg für die Zukunft zu finden." Das Schwierigste sei gewesen, sich von der Familie und Freunden zu trennen. Per Internet und Handy waren sie immer dabei.

Am 3. September hob das Flugzeug nach Moskau ab. Von dort erfolgte der eigentliche Start für die drei ohne feste Route. Sie fuhren mehr als 7000 Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn in einem 3.-Klasse-Waggon. "Wir wollten so nah wie möglich an den Menschen sein. Aber mit 60 Russen in einem Schlafwagen zu reisen, ist nicht so prickelnd", weiß Stefan Eschert heute. "Vier Tage lagen wir auf einer alten Holzliege, sitzen ging nicht. Aus einem Samowar gab es heißes Wasser für Tee. Reden mit den Mitreisenden war unmöglich. Da war nix mit Abenteuer."

Dafür gab es Ausblicke auf die russische Landschaft und den Baikalsee. "Das erste Highlight hatten wir in der Mongolei", berichtet der Angermünder. Die jungen Deutschen lernten das Leben der Nomaden in der Wüste Gobi und Bergvölker kennen, schliefen in Jurten und erlebten eine riesige Gastfreundschaft, obwohl eine sprachliche Verständigung unmöglich war. Stefan und seine Freunde verbrachten viele Stunden mit Warten auf Transportmittel, Organisieren von Fahrern und der Suche nach dem richtigen Bus. Und sie lernten, Preise auszuhandeln.

Von der Mongolei ging es weiter nach China. Sie besuchten Peking, die verbotene Stadt und den Chengdu-Nationalpark in Westchina. Was bei ihm einiges veränderte, wie er sagt, war der kurzfristige Entschluss, nach Nepal zu reisen. "Hier war ich zum ersten Mal im Leben in Gefahr", erinnert er sich. Mit seinen beiden Freunden machte er sich auf den Weg, um den Himalaja auf dem mit 5416 Metern höchsten Pass der Annapurna-Umrundung zu überqueren. "Wir kamen in die Folgen eines heftigen Schneesturms, was für die Region ungewöhnlich war. 70 bis 80 Menschen sind dort gestorben, 50 wurden vermisst. Es gab kein Internet und keinen Handyempfang. Auch wir standen auf der Vermisstenliste der Deutschen Botschaft in Katmandu. Diese drei Wochen waren eine absolute Grenzerfahrung und führten auch bei uns zu psychischen Anspannungen. Obwohl ich zum Glück Klettererfahrungen habe, war die Bewegung in der Höhe eine physische Herausforderung. Da kam schon die Frage auf, wie leichtfertig man mit seinem Leben umgeht", schildert der Weltenbummler.

Trotz der Warnungen bezwangen sie den Pass und machten danach eine Woche Urlaub in Katmandu. Nach diesem Erlebnis trennten sich die Wege des Trios, das sich aber spätestens Weihnachten irgendwo wieder treffen wollte. Während Piet Weiss und Jennifer Arndt nach Indien weiterreisten, fuhr Stefan Eschert weiter nach Myanmar und traf sich hier mit einer Freundin, die zur gleichen Zeit in der Gegend war. Sie besuchten Tempelstädte, setzen sich mit den verschiedenen Religionen auseinander, "um in keine Fettnäpfchen zu treten". Als nächste Stationen waren Laos, Kambodscha und Thailand geplant. Wegen der vielen Drogenkriege entlang der Grenzen und der langen Grenzkontrollen flog Stefan dann weiter nach Nordthailand. Hier packte ihn das Denguefieber, eine Virus-Infektion, die durch Stechmücken übertragen wird. Eine Woche musste er im Krankenhaus verbringen. "Dort hat sich herauskristallisiert, dass ich zurück nach Angermünde will", erinnert sich Stefan.

Er dachte an die kleine Pension seiner Eltern in der Jahnstraße. ",Wenn du Lust hast, bau sie neu auf', sagte meine Mutter am Telefon. Im Krankenhaus hatte ich viel Zeit über die Uckermark, Angermünde und das touristische Potenzial nachzudenken. Ich habe hinterfragt, in die Heimat zurückzukehren und dabei gemerkt: Wenn man ehrlich ist, so schlimm ist das nicht." Er dachte an die schöne Zeit mit dem Hund am See, beim Fahrradfahren, Grillen mit Freunden, die freie Natur. "Ich bin Naturliebhaber und treibe gern draußen Sport", sagt er.

Zu Weihnachten traf er Piet und Jennifer in Südthailand wieder, erzählte über seine Überlegungen. "Du solltest dein Rückflugticket buchen", empfahl die Freundin. Es sollte aber noch zwei Wochen dauern. Die verbrachte er an Malaysias Küste, wo er einen Bungalow gemietet hatte, surfte mit den Wellen des Monsuns und hatte noch einmal allein viel Zeit zum Nachdenken. "Das", so erzählt er, "war ein richtig guter Abschluss".

Mitte Januar stand der 26-Jährige unangemeldet im Büro seiner Eltern, die froh waren, ihn wohlbehalten wiederzuhaben. Jetzt ist Stefan Eschert dabei, aus der Pension seiner Vorfahren ein Erlebnis-Hostel zu machen. Er will junge Leute anlocken und ihnen in der Uckermark touristisch aktive Erlebnisse zu bieten, per Kanu, Fahrrad oder zu Fuß. Inspiriert von vielen Reisenden hat er einen Business-Plan entworfen und verhandelt gerade mit den nötigen Instanzen. "Ich habe gemerkt, in der Region gibt es großartige Sachen, ob uckermärkischen Käse, Apfelchampagner oder Whisky. Ich will sie Großstädtern, die übers Wochenende aufs Land flüchten, schmackhaft machen. Es soll noch in diesem Jahr losgehen", kündigt der junge Mann an. Er hofft auch auf weitere Inspirationen aus der Region und plant neben der Pension noch weitere Projekte, die mit seinem erlernten Beruf zu tun haben.

Auch wenn aus der drei bis vier Jahre dauernden Weltreise nur ein knappes halbes Jahr wurde, hat sie womöglich über Stefan Escherts Leben entschieden. Ein Zeichen dazu erhielt er auch in Bangkok: "In Thailand las ich in der Frankfurter Allgemeinen einen ganzseitigen Beitrag über das Landleben in der Uckermark. Da war klar, ich muss zurück."

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