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Tosca in Cottbus: Mordender Engel, verliebter Sadist

Das Messer hinterm Rücken: Tosca (Soojin Moon) plant, ihren Peiniger Scarpia (Andreas Jäpel) zu erdolchen.
Das Messer hinterm Rücken: Tosca (Soojin Moon) plant, ihren Peiniger Scarpia (Andreas Jäpel) zu erdolchen. © Foto: Marlies Kross/Theaterfotografin
Uwe Stiehler / 01.06.2015, 18:04 Uhr
Cottbus (MOZ) Am Anfang hat diese Oper noch etwas Leichtes, Tändelndes, fast Operettenhaftes. Aber dann strudelt sie in eine Tragödie hinein, die von Kleist'schem Format ist. Der Zufall und das scheinbar unaufhaltsam wuchernde Böse drehen die Geschichte einer neckischen Liebe um zum Höllensturz. Es ist nicht nur diese zum Steine erweichen schöne Musik, die Puccinis "Tosca" zu einer der meistgespielten Opern der Welt macht, sondern auch die Raffinesse ihres Librettos, dem Victorien Sardous Drama "La Tosca" zugrunde liegt. Puccini hat daraus ein vertontes Schauspiel gemacht. Wer es aufführen will, braucht also Sänger, die hervorragende Darsteller sein müssen.

Und genau das erlebt man zurzeit am Staatstheater Cottbus, wo die Oper, inszeniert von Martin Schüler, am Sonntag Premiere hatte. Dort singt und spielt die koreanische Sopranistin Soojin Moon die Tosca-Partie wirklich hinreißend. Sie ist: schwer verliebt, rasend eifersüchtig, eine Circe, eine Furie, eine Diva, ein Engel, eine Mörderin - die alles tut, um ihren Geliebten zu retten, den Maler Mario Cavaradossi (Jens Klaus Wilde).

Der arbeitet in einer Kirche in Rom gerade an einem Madonnenbild und hat Mühe, Toscas Misstrauen zu zerstreuen. Es ist der Liebsten halt schwierig zu erklären, wenn man ihre feurigen schwarzen Augen bejubelt und ins Bild dann anrührend blaue einer fremden Schönheit zaubert.

Die Komik dieser Situation verfliegt bald, denn in jener Kirche hält sich Cesare Angelotti (Ingo Witzke) versteckt, Senator einer von den Monarchisten aufgelösten republikanischen Regierung Roms. Ihm war die Flucht aus der Engelsburg gelungen. Nun zieht er Cavaradossi ins Vertrauen, der ihm helfen will unterzutauchen.

Polizeichef Scarpia, ein sadistischer Diktator, findet Hinweise, die den Maler mit Angelotti in Verbindung bringen. Er düngt die Eifersucht Toscas und lässt Cavaradossi verhaften. Der Maler soll beseitigt werden, damit Scarpia endlich bei Tosca landen kann. Andreas Jäpel gibt diesen Baron als aristokratischen Dämon, der galant sein kann, der Tosca umflirtet, während er Cavaradossi im Nebenzimmer foltern lässt, der sie psychisch quält und ihren Zorn reizt, weil ihn das so richtig heißmacht - bis Tosca ihn aus Angst und Wut erdolcht. Jäpel ist ein wunderbares Scheusal, eben nicht nur abgrundtief böse und pervers, sondern irgendwie auch verstört in seinen Begierden, vielleicht sogar verliebt. Und er singt diese Partie durchdringend und einfach brillant. Wilde, der ungeheuer viel Energie in seine Rolle pumpt, wirkt stimmlich nicht ganz so souverän.

Jäpels Bariton, der Sopran von Soojin Moon und das feinsinnige Dirigat von Evan Christ machen diese Tosca vielleicht zur besten Opernaufführung, die momentan in Cottbus zu sehen ist. Sie greift tief ins Gefühl, erschüttert und erhebt. Ein Gedicht allein, wie Christ und sein Orchester zu Beginn des dritten Aktes den Sonnenaufgang zelebrieren, als sei er eine akustische Zerbrechlichkeit. In dieser Woche wird man das auch in Frankfurt Oder) erleben können.

Vorstellungen: 5.6., 19.30 Uhr, und 6.6., 15 Uhr, Kleist Forum, Platz der Einheit 1, Frankfurt (Oder), Kartentelefon 0335 4010120; 18./26.6. und 3.7., jeweils 19.30 Uhr, Staatstheater, Schillerplatz 1, Cottbus, Kartentelefon 0355 78242424

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