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Große Harmonie beim MOZ-Forum zur Bürgermeisterwahl in Woltersdorf / Riesiger Andrang im Ratssaal

Erst die Kinder, dann die Straße

Sie kandidieren: Stefan Ulrich Thoms, Sebastian Meskes, Jelle Jurrie Kuiper, Gerd Tauschek, Dirk Doll, Margitta Decker, Stefan Grams und Stefan Richter.
Sie kandidieren: Stefan Ulrich Thoms, Sebastian Meskes, Jelle Jurrie Kuiper, Gerd Tauschek, Dirk Doll, Margitta Decker, Stefan Grams und Stefan Richter. © Foto: MOZ
Anke Beißer / 11.09.2015, 18:33 Uhr
Woltersdorf (MOZ) Das Interesse am Wahlforum der MOZ und des Vereins Kulturhaus "Alte Schule" im Bürgersaal des Woltersdorfer Rathauses war riesig. Alle acht Bürgermeister-Kandidaten stellten sich den Fragen ihrer Wähler und präsentierten sich dabei als faire Kontrahenten.

Der Andrang im Woltersdorfer Rathaus, am Donnerstag, kurz vor 19 Uhr, war groß. Den letzten Ankömmlingen blieb nur ein Platz auf dem Balkon oder im Flur - bei geöffneten Fenstern und Türen. Auf dem Podium nahmen neben Moderatorin Manja Wilde, stellvertretende MOZ-Redaktionsleiterin, die Kandidaten für die Bürgermeisterwahl am 20. September Platz: Margitta Decker (Unser Woltersdorf), Stefan Ulrich Thoms (Einzelkandidat), Stefan Grams (Woltersdorfer Bürgerforum), Sebastian Meskes (Die Linke), Gerd Tauschek (Einzelkandidat), Stefan Richter (Einzelkandidat), Jelle Jurrie Kuiper (B90/Die Grünen) und Dirk Doll (SPD).

Die Atmosphäre an dem langen Tisch war ausgesprochen entspannt, der Umgang der Kandidaten miteinander respektvoll, die Statements wurden neben aller Sachlichkeit gern mit lockerer Sprüchen gespickt. "Ja, wir schütteln uns die Hand, wir reden miteinander", sagte Kuiper und machte damit wie alle seine Mitbewerber deutlich, dass das Zusammenspiel von Bürgermeister, Verwaltung und Gemeindevertretung künftig nur auf dem Boden von Sachlichkeit, Kompetenz und Respekt funktionieren könne.

Das war ihr Konsens auf die Publikumsfrage von Carsten Utke, wie die Kandidaten ihre Ziele verwirklichen wollen, wenn Mehrheiten fehlen, wenn Streit geschürt statt geschlichtet wird - was zuweilen in Woltersdorf an der Tagesordnung ist. Die Lage habe sich schon verbessert, dem negativen Bild müsse weiter entgegengewirkt werden, erwiderten Kuiper, Meskes und Grams, die derzeit in der Gemeindevertretung mitarbeiten. Thoms verwies auf sein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis und Richter wollte als Mittler auftreten, alle Fraktionen gleichbehandeln.

Ein grundlegendes Thema riss Peter Herfurth an. Er wollte wissen, wie die Gemeinde ihre Geldsorgen loswerden kann. Tauschek, als Kämmerer bestens mit den Zahlen vertraut, sprach von der Überlegung, die Grundsteuer zu erhöhen. Meskes setzte auf Zuzug und somit mehr Schlüsselzuweisungen. Die Einnahmesituation bei den Gewerbesteuern "als gar nicht so schlecht" schätzte Grams ein. Er sah als Stellschraube den Ausbau von Kita und Schule, um mehr Einwohner ansiedeln zu können und somit die Kaufkraft im Ort zu steigern. Auf die Ansiedlung von ruhigem Gewerbe, etwa Firmen aus der IT-Branche, hob Thoms ab.

Die einzige Frau in der Runde, Margitta Decker, nannte drei Säulen - Zuzug, Ansiedlung von Gewerbe und Weiterentwicklung des Tourismus. Letzteres war auch für Richter eine noch nicht ausgeschöpfte Einnahmequelle. Zudem würde er mehr ortsansässiges Gewerbe an Projekten beteiligen, um das Geld in der Gemeinde zu belassen. Sich auf die Stärken zu konzentrieren, wäre für Kuiper ein wichtiges Moment. Neben Tourismus setzte er auf Zuzug und, um die Ausgangssituation zu verbessern, einen intakten Geh- und Radweg nach Erkner. Bevölkerungswachstum, Fördergelder, die sinnvoll sind und Gewerbeansiedlung, wenn möglich und zum Ort passend - "kein Zementwerk zum Beispiel" - sind die Argumente, die Doll zur Aufbesserung der Gemeindekasse in die Waagschale warf.

Zweifelsohne ist die Finanzlage das Fundament für die Entwicklung des Ortes, und sie macht es erforderlich, Prioritäten zu setzen. An welcher Stelle dabei der Ausbau der Schleusenstraße rangiert und wann mit deren Abschluss zu rechnen ist, wollte MOZ-Redakteurin Manja Wilde wissen. "Nicht vor 2018", prognostizierte Margitta Decker. Zuerst sei die Planung mehrerer Varianten nötig, der erste Entwurf sei utopisch gewesen. "Am 20. Mai 2019", sagte Thoms und ergänzte: "Keine Ahnung, ich kenne den Werdegang nicht. Erstmal wäre eine 30er-Zone sinnvoll." Meskes plädierte für ein größtmögliches Einvernehmen mit den Einwohnern als grundlegende Voraussetzung. Und Tauschek wollte keine Versprechungen machen, verwies auf den Vorrang von Kita- und Schulerweiterung. "Ich muss mich erst mal mit allem beschäftigen", räumte Richter ein. Kita, Schule und die Straßen hätten für ihn die gleiche Priorität. Dem hielt Kuiper entgegen: "Die Schule ist das Wichtigste." Das Gleisbett für die Straßenbahn sei dringend, das Pflaster in der Schleusenstraße könne erst einmal bleiben. Für Doll ist entscheidend, was die Planung sagt. Wenn Gleis- und Straßenbau nur zusammen Sinn machen, dann müsse es so geschehen - nach Schule und Kita.

Unstimmigkeiten zum Mietvertrag des Vereins Alte Schule für seine Kulturhausräume ließen die Künstlerin Sibylla Ponizil ans Mikrophon treten. Sie wollte wissen, warum er nicht verlängert worden sei. Tauschek machte daran ein Grundproblem fest - die unterschiedliche Vereinsförderung in der Gemeinde, bei der nie Gerechtigkeit erreicht werde. "Wir müssen versuchen, eine Gleichrangigkeit zu erzielen, akzeptieren, dass jeder Verein seine Berechtigung hat."

Ein weiteres Thema warf Robert Brinkmann auf, der eine Einschätzung zum öffentlichen Personennahverkehr hören wollte. Da allerdings blieb den Kandidaten - bis auf Kuipers unbedingtem Festhalten an der Straßenbahn - nur der Verweis auf die Zuständigkeit anderer und das Versprechen, im Falle der Wahl den Weg zu den Verantwortlichen zu suchen, wie es Margitta Decker formulierte.

Beim letzten Fragekomplex, der von Ursula Woettke angesprochenen Gebietsreform, herrschte wieder Einigkeit, favorisierten alle die Eigenständigkeit. "Woltersdorf an der Schleuse ist besser als Woltersdorf bei Erkner", sagte Tauschek.

Kommentar: Angst vor dem Urteil der Bürger

Welcher Kandidat hat sich beim Wahlforum am Donnerstagabend am besten geschlagen? Diese Frage wollte die MOZ den Gästen gegen Ende der Veranstaltung stellen. Das schmeckte sechs der acht Kandidaten gar nicht. Im Vorfeld hatten einige ihre Unterstützer zum Boykott aufgerufen - aus Angst, dass das Ergebnis die Bürgermeisterwahl beeinflussen könnte.Ein künftiger Bürgermeister, der Angst davor hat, dass Bürger seine Leistung bewerten - zweifelhafte Aussichten. 2010, beim Bürgermeister-Wahlforum in Fürstenwalde, erhob die MOZ das Stimmungsbild vor und nach der Veranstaltung. 150 Gäste setzten ihr Kreuz, einzelne Kandidaten konnten um zehn Prozent zulegen. Nach den Kanzlerduellen im Fernsehen sind Meinungsumfragen eine Selbstverständlichkeit.Woltersdorf möchte das nicht. Am nächsten Sonntag hilft die Vogel-Strauß-Taktik nicht mehr. Dann entscheidet der Bürger. Fast alle Kandidaten werden danach wieder aus dem Rampenlicht verschwinden. Manja Wilde

Leserforum

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Margitta Decker 17.09.2015 - 13:52:39

zu CH. Seidel unabhängig-verbindend-bürgernah

Sehr geehrte Frau oder sehr geehrter Herr Seidel, zur Ansiedlung von Gewerbe möchte ich gern korrigieren: Ich habe ausdrücklich die Ansiedlung von Gewerbe befürwortet und auch Maßnahmen zur Unterstützung dafür genannt (als Einzige der Runde). Ich habe dargelegt, dass es bereits ausgewiesene Gewerbeflächen gibt, die man aufarbeiten muss(Eigentumsverhältnisse, Größe, welche Art von Gewerbe möglich ist) und veröffentlichen sollte, damit es für jeden transparent wird. Die Ausweisung weitere Gebiete ist durchaus möglich. Mit freundlichen Grüßen Margitta Decker

Ch. Seidel 16.09.2015 - 08:03:24

unabhängig-verbindend-bürgernah

Da war auch einer der mal noch etwas neues wusste -Stefan Ulrich Thoms. Die Konkurenz fand die Ansiedlung von mehr Gewerbe schwierig, weil kein Platz mehr sei oder kein Gewerbegebiet mehr da ist (alle von Doll über Tauschek, Decker, Meskes bis Richter und Kuiper) oder unnötig??, weil die finanzielle Situation von Woltersdorf sehr gut sei (Grams, WBF). Ansiedlung vom weichem oder stillem Gewerbe - eine neue, wie ich finde, großartige Idee. StU Thoms hat noch mehr auf dem Kasten - gut für Woltersdorf, wenn er Bürgermeister für alle Woltersdorfer - wird

Horst Schneider 13.09.2015 - 21:02:14

Horst Schneider

Alle Kandidaten haben Hilfe für die Flüchtlinge positiv beantwortet. Der linke Kandidat Sebastian Meskes hat sogar erzählt, dass er selbst zuhause einen aufnehmen wird.

Kerstin Mutz 13.09.2015 - 17:54:00

Wahlforum in Woltersdorf

Leider bleibt in dem Artikel eine Äußerung vom Kandidaten der Grünen, Jelle Kuiper, unerwähnt, die mich sehr beeindruckt hat. Als einziger hat er - als die Frage nach einer möglichen Unterbringung von Flüchtlingen gestellt wurde -geantwortet, dass den Flüchtlingen nicht nur geholfen werden muss, sondern, dass er ihnen auch helfen will! Hoffentlich denken am kommenden Sonntag noch mehr Woltersdorfer so!

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