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Junge Flüchtlinge müssen lange auf Betreuung warten

26.09.2015, 07:20 Uhr - Aktualisiert 26.09.2015, 09:17
Berlin (DPA) Sie sind jung und kommen ohne Eltern aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland: minderjährige Flüchtlinge. Doch bis die teils traumatisierten Jugendlichen in Berlin richtig betreut werden können, dauert es oft monatelang.

Die Zahl junger Flüchtlinge, die ohne Eltern in Berlin ankommen, ist sprunghaft angestiegen. Waren es 2014 noch etwa 1000, kamen laut Jugendsenatsverwaltung in diesem Jahr bis zum 22. September schon fast doppelt so viele: 1900. Sie gelten als besonders schutzbedürftig, viele sind traumatisiert. Doch bevor sie von der Kinder- und Jugendhilfe betreut werden können, muss sichergestellt sein, dass sie unter 18 sind. Bis dahin gebe es lange Wartezeiten, hieß es in der Behörde.

Mehrere Wochen dauere es derzeit, bis junge Flüchtlinge zu ihrem "Erstgespräch" geladen werden, sagte Ilja Koschembar, Sprecher der Jugendsenatsverwaltung. Einige der jungen Geflohenen, die derzeit in Berlin provisorisch untergebracht sind, haben laut Sprecher erst im Dezember einen Termin. "Derzeit ächzt das System gewaltig", sagte Koschembar. Er sprach von einem "erkannten Nadelöhr". Die Zahl der Fachkräfte für die Erstgespräche solle verfünffacht werden. Zudem sollten die Abläufe gestrafft werden. Der Bund stellt den Ländern im kommenden Jahr 350 Millionen Euro für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zur Verfügung.

Wer einen Termin zum Erstgespräch hat, kommt danach nicht automatisch in die Obhut der Jugendhilfe. Haben Sozialarbeiter und Psychologen der zuständigen Jugendverwaltung Zweifel, ob ein Flüchtling wirklich unter 18 ist, kann ein medizinischer Test Klarheit bringen.

Gesundheitsschädlich sei die Untersuchung nicht, sagte der Vize-Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Uniklinik Münster, Andreas Schmeling. Zwar könne das Alter nicht auf den Monat genau ermitteln, aber die Tests seien exakt genug, so der Professor.

Fabio Reinhardt von der Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus hält die medizinische Altersfestsetzung trotzdem für "pseudowissenschaftlich". "Man ist ja kein Baum, an dem man die Rillen zählt", sagte der integrationspolitische Sprecher. Das Argument, der Test sei freiwillig, ließ er nicht gelten. "Wenn jemand sagt: "Wir schätzen dich auf 18 mit massiven persönlichen Nachteilen, oder du machst diesen Test!", dann ist das aus meiner Sicht keine freie Entscheidung."

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