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"Stoppt den Bauwahn"

Kostenexplosion: Statt wie am Hauptstadtflughafen Millionen in den Sand zu setzen, meint Daniel Fuhrhop, sollte man lieber in den Bestand investieren. Der Publizist hat diese und andere Thesen in seinem Buch "Verbietet das Bauen" niedergeschrieben.
Kostenexplosion: Statt wie am Hauptstadtflughafen Millionen in den Sand zu setzen, meint Daniel Fuhrhop, sollte man lieber in den Bestand investieren. Der Publizist hat diese und andere Thesen in seinem Buch "Verbietet das Bauen" niedergeschrieben. © Foto: Daniel Fuhrhop
Maria Neuendorff / 28.09.2015, 18:47 Uhr
Berlin (MOZ) Berlin boomt, die Bevölkerung wächst. Überall drehen sich Kräne. Doch der Architekturexperte Daniel Fuhrhop plädiert für einen drastischen Stopp. "Verbietet das Bauen", heißt seine Streitschrift, die er heute in Berlin mit Politikern diskutieren will.

Nirgendwo in Deutschland wächst die Bevölkerung so stark wie in Berlin. Ende 2014 lebten rund 3,47 Millionen Menschen in der Hauptstadt - etwa 48000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche herausgab, können Daniel Fuhrhop nicht schocken. "Kurz nach der Wiedervereinigung 1991 hatte Berlin auch dreieinhalb Millionen Einwohner", hält der Buchautor dagegen. Inzwischen gebe es aber in der Hauptstadt fast 150 000 Wohnungen mehr als damals, mit fast 20 Millionen zusätzlichen Quadratmetern Wohnfläche, hat Fuhrhop recherchiert. "Darin fänden über 400 000 Neuberliner Platz, wenn sich die Altberliner nicht breiter machen würden als je zuvor." So sei die Wohnfläche in den vergangenen 20 Jahren von 33 auf 41 Quadratmeter pro Person gestiegen. Außerdem lebe in mehr als der Hälfte der Berliner Haushalte inzwischen ein Mensch allein. "Mit eigenem Bad, eigener Küche, eigener Garderobe und eigenem Abstellraum."

In seinem gerade im Oekom-Verlag erschienenen Buch "Verbietet das Bauen!" plädiert der Architekturexperte deshalb nicht für weiteren Neubau, sondern dazu, die gestiegenen Platzansprüche zu hinterfragen und über alternative Wohnformen wie Mehrgenerationshäuser nachzudenken. Offen prangert er auch die Verschwendung und Prestigesucht hinter den von Politik und Baubranche angepriesenen Neubauten an. Passiv- oder Niedrigenergiehäuser bezeichnet er als ökologischen Etikettenschwindel. Weil auch sie viel zu groß geplant würden und weil ihr Neubau Energie benötige.

Dass sich Fuhrhop seit Jahren mit dem Sinn und Unsinn moderner Bauvorhaben beschäftigt, ist eher einem Zufall geschuldet. Nach dem Architekturstudium an der Technischen Uni Berlin gründete er 1998 den "Stadtwandel"-Verlag, in dem viele Veröffentlichungen Neubauten bewarben. Bald fiel ihm etwas immer unangenehmer auf: "Es war irritierend, wie leicht es ist, EU-Förderungen für neue Prestige-Objekte wie Museen zu generieren. Gleichzeitig klagten die Museumsdirektoren, dass es keine Gelder dafür gibt, alte Bauten instand zu setzen."

Den Verlag hat Fuhrhop inzwischen verkauft. Seit zwei Jahren führt der Publizist den Internet-Blog "Verbietet das Bauen", aus dem nun die 180 Seiten starke Streitschrift entstanden ist. Seine 50 Thesen und Ratschläge gegen den "Bauwahn" will er heute Abend in Friedrichshain mit Politikern öffentlich diskutieren.

Ihnen wird er auch von Lösungen aus anderen Städten berichten. Zum Beispiel von der Schule in Großbritannien, die einen Neubau durch zeitversetzte Pausen umging. Danach stauten sich die Kinder nicht mehr auf den engen Fluren. Oder vom Staatstheater in Karlsruhe, dessen Foyer tagsüber als Hochschul-Bibliothek genutzt wird. "Mit dem schönen Nebeneffekt, dass sich die Studenten nun öfter abends ein Stück anschauen." (Mit Adleraugen)

Die Lesung mit anschließendem Streitgespräch findet heute Abend um 19 Uhr in der stratum lounge (Alte Pianofabrik), Boxhagener Straße 16, statt. Der Eintritt ist frei.

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