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Barbara Janzcak erforscht Kommunikationsstrategien in Grenzstädten und stellt ihre Ergebnisse vor.

Sprachenmix auf dem Basar

Forschungsstand vorgestellt: Barbara Janczak auf der Tagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL)
Forschungsstand vorgestellt: Barbara Janczak auf der Tagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) © Foto: MOZ
Frauke Adesiyan / 29.09.2015, 06:28 Uhr - Aktualisiert 29.09.2015, 17:52
Frankfurt (Oder) (MOZ) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen über 6700 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe "Woran ich arbeite" berichten wir aus dem Alltag der Viadrina.

Meer, Kultur, Touristen, fast eine Million Einwohner - all das war Barbara Janczak von ihrer Heimatstadt gewohnt, als sie im Jahr 2000 von Danzig nach Slubice zog. "Schrecklich", sagt sie demnach auch auf die Frage, wie für sie die Ankunft vor 15 Jahren an der Oder war. Erst als sie nach zwei Jahren parallel zum kulturwissenschaftlichen Studium begann, als Deutschlehrerin am Slubicer Lyzeum zu arbeiten, habe für sie der "langsame, mühsame Prozess der Integration" begonnen. Und zwar auf beiden Seiten der Oder, in zwei Städte und zwei Systeme, wie sie es nennt. Inzwischen hat sie ihr ehemaliger Studien- und jetziger Arbeitsort dermaßen vereinnahmt, dass er einen Großteil ihrer Forschung ausmacht.

Auf der Tagung der Gesellschaft für Angewandte Linguistik, die vergangene Woche mit 290 Teilnehmern an der Viadrina stattfand, hat sie ihre derzeitige Arbeit vorgestellt. "Deutsch - Polnisch - Slubfurtisch. Kommunikationsstrategien in Grenzgebieten" hat sie ihren Vortrag vor Fachpublikum genannt. Die Zuhörer amüsierten sich nicht schlecht, als sie ihre Mitschnitte vorspielte, die sie auf Slubicer Straßen und dem Markt aufgenommen hat. 50 Fußgänger wurden in Slubice auf Deutsch nach dem Weg gefragt. Daran, wie sie auf welcher Sprache antworten, will Barbara Janczak die Strategien der Sprachnutzung ablesen. In einer ersten Auswertung bemerkt sie, dass die meisten der polnischen Passanten auf Deutsch antworten, viele auf Polnisch und nur eine auf Englisch. Eine der angesprochenen Personen wechselt innerhalb des Satzes zwischen den Sprachen hin und her.

Ganz anders ist dieses Verhältnis bei dem zweiten Untersuchungsort: dem Basar. Hier wird die Sprache oft im Satz, mitunter sogar innerhalb eines Wortes gewechselt. Mitunter fließt die polnische Grammatik in deutsche Sätze und Formulierungen ein, etwa bei der ständigen Verniedlichung aller angepriesenen Waren. "Es scheint, als testen die Verkäufer damit, welche Sprache das Gegenüber spricht", vermutet die Linguistin über die Motive der Verkäufer. Der Sprachenmix könnte auch ein Ausdruck der Berufsidentität sein, äußert sie eine weitere Überlegung. Sie zweifelt daran, dass die Händler alles verstehen, was sie sagen, wenn sie beispielsweise im langen Singsang die Wurstsorten anpreisen.

Was die Forscherin in ihrem Vortrag nicht ausführt: Die Untersuchungen hat sie keinesfalls nur in Slubice angestellt. Acht polnische Ortschaften an der Grenze mit einem deutschen Nachbarort hat sie bereist und dort jeweils 50 Passanten nach dem Weg gefragt und Mitschnitte auf den Märkten angefertigt. Nun ist sie damit beschäftigt, all das Material zu verschriftlichen. Zusätzlich hat sie mit den Verantwortlichen für den Bildungsbereich in den Stadtämtern Interviews geführt und Fragebögen an Bildungseinrichtungen verschickt. Dabei ist ihr wichtig herauszufinden, welche Sprachnutzung eigentlich politisch gewollt ist und unterstützt wird.

Eine naheliegende Frage zu ihrer Forschung kam auch nach ihrem Vortrag während der Tagung auf: Wie sieht die Sprachsituation auf der anderen Seite der Grenze aus? "Ich schließe eine Fortsetzung nicht aus", sagt Barbara Janczak. Sie deutet an, warum das interessant sein kann. "Es ist immer noch eine große Asymmetrie, bei der die polnische die wesentlich anpassungsfähigere Seite zu sein scheint", sagt sie und meint: Polen sprechen viel häufiger gut deutsch als umgekehrt. Diese Situation ändere sich nur langsam.

Sie selbst ist ein Beispiel dafür, wie rasant sich das Verhältnis der Polen zur deutschen Sprache in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat. In den 90er-Jahren besuchte sie ein bilinguales Lyzeum, als es alles andere als selbstverständlich war, diese Sprache zu lernen. "Es war aus politischen Gründen kurz zuvor noch unvorstellbar gewesen, auf Deutsch zu studieren." Ihre Schule gehörte zu den ersten vier in ganz Polen, die dieses Angebot machten. "Mir gab diese Sprache eine neue Perspektive, es war etwas komplett anderes", erinnert sich die Polin zurück. Letztendlich war es dieser frühe Sprachunterricht, der ihren Weg in die Wissenschaft vorgezeichnet hat.

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