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Ralf-Stephan Rabe 03.10.2015 07:13 Uhr
Red. Brandenburg/Havel, redaktion-brb@brawo.de

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Brandenburg an der Havel am 3. Oktober 1990

Brandenburg (MZV) von Ralf-Stephan Rabe,

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Am 31. Oktober 1989 kam es in der "Stahlhalle" zu einer Aussprache staatlicher Stellen, der SED - Kreisleitung und Vertretern der Nationalen Front mit der Bevölkerung. Die SED - KL bemühte sich auch hier mit einer "Dialogpolitik", um verlorenes Terrain zu

© Archiv

Historischer Verein

Brandenburg

Am 3. Oktober 1990 um 0.00 Uhr trat die Deutsche Demokratische Republik (DDR) nach Artikel 23 des Grundgesetzes (GG) der Bundesrepublik Deutschland (BRD) bei und existiert nicht mehr. Nach 45 Jahren (1945-1990) war die staatliche Einheit Deutschlands wiederhergestellt. Der 3. Oktober wurde damit der "Tag der Deutschen Einheit". Selten gab es in der deutschen Geschichte innerhalb eines Jahres solche gravierenden Veränderungen wie vom 3. Oktober 1989 bis zum 3. Oktober 1990 - einschließlich der 1. Juli 1990, als die D-Mark in die DDR kam. Davon war die Stadt Brandenburg an der Havel nicht ausgenommen.

Am Vorabend des Beitritts der DDR - der 2. Oktober 1990

Vor dem Reichstagsgebäude in Berlin feiern am Abend des 2. Oktober 1990 Hunderttausende die Vereinigung: Um Mitternacht wurde die Bundesflagge gehisst, die Freiheitsglocke geläutet, die Nationalhymne gesungen und ein Feuerwerk gezündet. Ähnliche Freudenfeste fanden in vielen anderen Städten Deutschlands statt.

In Brandenburg an der Havel versammelten sich die Handwerker des Kreises und der Stadt sowie aus Belzig zur Andacht in der evangelischen Kirche. Als Ehrengast wurde Dipl. Ing. Herbert Späth, Präsident des Zentralverbandes des deutschen Handwerks, herzlich begrüßt.

Zeitgleich fand ein Ökumenisches Friedensgebet in der katholischen Kirche Heilige Dreifaltigkeit, Straße der jungen Pioniere 24, laut "Brandenburger Neueste Nachrichten" (BNN) statt. Im Gebet wurde Rückschau gehalten, aber auch Sorgen und Hoffnungen zum Ausdruck gebracht. Der Vorbereitungskreis der ökumenischen Friedensgebete, der vom 25. Oktober 1989 bis kurz vor der Volkskammerwahl am 18. März 1990 initiierte und durchführte, trug wiederum die Verantwortung zu diesem kirchlichen Gedenken.

Neues Recht wurde in Ostdeutschland eingeführt

Mit der deutschen Einheit traten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ca. 80 Prozent des EG-Rechts automatisch in Kraft. Ansonsten galten Übergangsregelungen. Sie betrafen vor allem die Sektoren Landwirtschaft, Lebensmittel, Pharmazie, Chemie und Umwelt (ausgenommen Atomkraftwerke).

Mit der deutschen Einheit wurde die Treuhandanstalt in Berlin zur bundesunmittelbaren Anstalt des öffentlichen Rechts unter der Fach- und Rechtsaufsicht des Finanzministeriums in Bonn. Ihr oblag es vor allem, die früheren volkseigenen Betriebe (VEB) der DDR zu privatisieren, zu sanieren oder stillzulegen sowie Grund- und Boden für wirtschaftliche Zwecke bereitzustellen. Die Erwartungen, dass die Verkaufserlöse bei der Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens die Folgelasten der deutschen Vereinigung weitgehend kompensieren konnten, erwiesen sich als folgenschwerer Irrtum.

Die treuhänderische Verwaltung der Vermögen der Parteien und der ihnen verbundenen Massenorganisationen der ehemaligen DDR und juristischen Personen wurde von nun an im Einvernehmen mit der "Unabhängigen Kommission zur Überprüfung der Parteien und Massenorganisationen der DDR" ausgeübt.

Mit der deutschen Einigung wurde die "Bundesanstalt für Arbeit", auch für das Gebiet der ehemaligen DDR zuständig. Seitdem stiegen die Ausgaben der Bundesanstalt drastisch an.

Für die militärischen Belange in den neuen Bundesländern wurde ab dem 3. Oktober 1990 das neu gebildete Bundeswehrkommando-Ost in Straußberg zuständig. Die Struktur gliedert sich in: Heereskommando (Potsdam), Luftwaffenkommando (Eggersdorf), Marinekommando (Rostock) und die Wehrbereichskommandos VII (Leipzig) und VIII (Neubrandenburg). In Strausberg wurde eine Außenstelle des Bundesministeriums für Verteidigung gebildet. Die Streitkräfte im Bereich des Bundeswehrkommando-Ost sollten nach einer sechsmonatigen Übergangsphase in die dezentrale Struktur der Bundeswehr, d.h. in der Verantwortung der Teilstreitkräfte, überführt werden.

Der 3. Oktober 1990 in Brandenburg an der Havel

Mit knallenden Sektkorken und Feuerwerkskörpern wurde in unserer Stadt der Tag der deutschen Einheit begrüßt. Am Morgen des 3. Oktober 1990 war das Brandenburger Theater (BT) laut "BNN" und "MV" vom 2. und 4. Oktober 1990 sowohl Gastgeber als auch künstlerischer Mitgestalter, der um 9 Uhr beginnenden festlichen Stadtverordnetenversammlung. Mit dem Kanon von Johann Pachelbel leitete das Kammerorchester des Hauses die festliche Stadtverordnetenversammlung ein, in der Oberbürgermeister Dr. H. Schliesing das Wort nahm. Er sagte u.a., dass wir mit berechtigtem Optimismus in die Zukunft sehen können, wenn alle Bürger aufeinander zugehen und gemeinsam das Schwierige überwinden, das noch vor uns liegt. An den Garnisonschef der Sowjetarmee Oberst Genadi Belous gewandt, zollte er der Sowjetunion und Michael Gorbatschow Anerkennung, deren Politik half, in unserem Land die Wende einzuleiten. In Grußansprachen brachten Arne Oeckinghaus, Beigeordneter in der Partnerstadt Kaiserslautern, und Dr. Tilman Pünder, Oberstadtdirektor in Münster, ihren Willen zum Ausdruck, unserer Stadt stets hilfreich zur Seite zu stehen.

11 Uhr Hauptstraße:

Der rote Adler aus dem Märkischen stieg hoch in die Lüfte, musikalisch natürlich, von den Bollmann-Musikanten intoniert. Die Straße hatte sich in einen Markt verwandelt und durstige Seelen erfreuten sich am Freibier vorm "Haveltourist" und dem "Stadtcafé", in dem übrigens ebenfalls Blasmusiker für Stimmung beim Frühschoppen sorgten. Die Hauptstraße wurden den ganzen Tag über zum einem Bummelboulevard im wahrsten Sinne des Wortes. Das Fahrzeug des Stadtfunks sorgte für ständige Musik, Kutschfahrten waren besonders für die Kinder etwas.

12 Uhr Verkehrshof, Straße der Freundschaft:

Als sichtbares Zeichen der Hilfe für Brandenburg übergab Dr. Arne Oecklinghaus den Verkehrsbetrieben als Geschenk der Stadtwerke Kaiserslautern zum Vereinigungstag vier Busse. Wie von Geschäftsführer Manfred Cierzynski zu erfahren war, sollten die "Mercedes"-Busse ab Montag als Überlandfahrzeuge auf Tour gehen.

13 Uhr Heineufer:

Das Schülerfreizeitzentrum und andere Veranstalter sorgten dafür, dass auch die jüngsten Brandenburger Freude am historischen Vereinigungstag fanden. Vom gegenüberliegenden Salzhofufer setzten sich die beiden Fahrgastschiffe in Bewegung, gut mit Fahrgästen gefüllt, die den schönen Spätsommertag auf unseren Gewässern genießen wollten. Jeder konnte also nach seiner Fasson selig werden, auch jene, die zu Hause blieben und sich den Tag der deutschen Einheit nach eigenem Gutdünken gestalteten.

16.00 Uhr Theater

Um 16 Uhr spielte in der Reihe "Kammermusik im Foyer" das Nast-Quartett Joseph Haydens "Streichquartett op. 72 Nr. 2 (bekannt als Kaiserquartett). Zu der Veranstaltung war der Eintritt frei.

20.00 Uhr Theater

Die Brandenburger Symphoniker interpretierten ab 20 Uhr unter ihrem Chefdirigenten H.M. Förster Franz Schuberts "Große Sinfonie C-Dur D 944". Für dieses Sonderkonzert im Großen Saal galt auf allen Plätzen der Sonderpreis von 8 DM.

In Gaststätten und Familienrunden gab es Fröhlichkeit. Hier und da war auch Besinnlichkeit beim Abschied von 40 Jahren DDR und beim Blick in die Zukunft anzutreffen, die für den einen oder anderen so rosig noch nicht aussahen. Die Freude jedoch überwog laut "MV" und "BNN" vom 5.10.1990.

Der Innenminister von NRW im Gespräch mit dem OB

Am 3. Oktober 1990 stattete auch der Innenminister des Bundeslandes Nordrhein-Westphalen (NRW), Dr. Herbert Schnorr (SPD), laut "Märkischer Volksstimme" ("MV") und "Brandenburgische Neuste Nachrichten ("BNN") vom 4.10.1990 der Stadt Brandenburg einen Besuch ab. Er dokumentierte damit die Bereitschaft seiner Landesregierung, die Stadt und das Land Brandenburg beim Aufbau von Verwaltungsstrukturen, bei der Erarbeitung und Finanzierung des Haushaltes 1991 und bei der Entwicklung der Infrastruktur und der Wirtschaft zu helfen.

Im künftigen Land Brandenburg leistete NRW bereits in 41 Kreisen und sechs kreisfreien Städten (...) Hilfe. Auch in unserer Stadt wäre der Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung ohne die sachkundige Unterstützung versierter Berater, insbesondere aus Münster, noch nicht so weit fortgeschritten. Wie Minister Dr. H. Schnorr während seines Arbeitsbesuches bei Dr. H. Schliesing betonte, solle diese auf das Land Brandenburg beschränkte Hilfe unabhängig vom Wahlergebnis beibehalten werden. Tatsächlich halfen also Verwaltungsmitarbeiter aus Münster in der Brandenburger Stadtverwaltung beim Aufbau verschiedener Dezernate und Ämter.

Zur Finanzausstattung der Städte und Gemeinden im neuen Land Brandenburg legte Dr. Schnorr aktuelle Zahlen für das kommende Jahr vor. Nach seinen Berechnungen sollten den Kommunen im nächsten Jahr eigene Steuereinnahmen von 754 Mio DM zur Verfügung stehen. Außerdem seien die Kommunen an den Landessteuern zu beteiligen. Dazu komme der Anteil am Fond "Deutsche Einheit". Auf die Frage von "BNN", ob der Minister bei diesen Berechnungen von der tatsächlichen prekären Finanzsituation unserer Stadt ausging, (...) Dr. Schnorr: " (...) Der Bedarf wird politisch bestimmt(...) Die Wirtschaft investiert nur, wenn die öffentliche Infrastruktur stimmt."

OB Dr. Helmut Schliesing verdeutlichte, dass ein kompletter Jahreshaushalt zur Modernisierung der maroden Verkehrsbetriebe erforderlich wäre. Andererseits sind noch solche Bereiche wie Gesundheitswesen und Bildung "durchzufüttern", für die Kommunen im Westen Deutschlands nicht aufkommen müssen. Am ärgsten drückten die Schulden bei den enormen Altlasten, deren Abtragung Jahrzehnte in Anspruch nimmt.

Im Verlaufe des Gespräches informierte Dr. Schoor darüber, dass aus dem Land NRW dem Brandenburger Bezirkskrankenhaus als unmittelbare Hilfen ein Laparoskop und für die Bezirksnervenklinik 20 verstellbare Krankenhausbetten zur Verfügung gestellt werden. Bei einer Stippvisite bei der Feuerwehr, die künftig mit dem Brandschutz, der Rettungsstelle und dem Katastrophenschutz der Kommune zugehörig ist, informierte er in einem Gespräch mit Hauptbrandmeister Detlef Wolf, dass sein Ministerium der Brandenburger Wehr ein Schneid- und Spreizgerät zur Verfügung stellen wird, das von großem Nutzen bei schweren Unfällen sein wird.

Kanzler Dr. Helmut Kohl in Brandenburg an der Havel

Am Freitag, den 5. Oktober 1990, kam um 20 Uhr der Kanzler, Dr. Helmut Kohl, in Vorbereitung der Landtagswahl am 14. Oktober 1990, nach Brandenburg. Er sprach zwei Tage nach der Vereinigung zu den Versammelten auf dem Neustädtischen Markt. In seiner Begleitung befanden sich CDU-Spitzenkandidat Dr. Peter-Michael Diestel und auch Rainer Eppelmann und Günter Krause von der CDU. 15.000 waren bei der bei CDU-Kundgebung laut "MV" vom 6.10.1990 dabei. Die Hymne Brandenburgs "Märkische Heide" wurde auf der Wahlkampfveranstaltung intoniert. Unter dem Beifall der CDU-Anhänger erklärte Kohl: "Über die Freude am einigen Vaterland sollen wir nicht die vielen Freunde vergessen, die uns geholfen haben." Neben den Amerikanern nannte er insbesondere Gorbatschow. Zur besonderen Verantwortung eines starken Deutschlands sagte Kohl: "Wir wollen einen neuen Anfang in der Geschichte setzen. Das heißt Frieden und Ausgleich mit allen unseren Nachbarn. Grenzen müssen Brücken werden. Wir wollen europäische Deutsche und deutsche Europäer sein." Zugleich erinnerte Kohl an die Sorgen und Nöte in der Dritten Welt, die nicht aus den Augen verloren werden dürfen. Auf der Wahlkundgebung präsentiert die Brandenburger CDU ihre Lieblingskandidaten, und der Kreisvorsitzende ergriff das Wort.

Während der Kundgebung waren Pfiffe vor allem von jungen Leuten, u.a. von Mitgliedern der Jugendgruppe Neues Forum" nicht zu überhören. Diese brachten ihre Haltung gegenüber der Person des CDU-Vorsitzenden und der Art der Vereinigung zum Ausdruck.

Und der uns so nahe ehemalige "Mittelpunkt der DDR"?

Für die Bewohner von Verlorenwasser im Fläming bei Belzig ging mit der DDR-Geschichte wirklich etwas verloren. Sie konnten sich einst rühmen, den geographischen Mittelpunkt der DDR auf ihrer Flur zu haben. Dies hatte sich herausgestellt, als die Fernsehsendung "Außenseiter-Spitzenreiter" den Mittelpunkt 1986 ermitteln ließ. An einer Kiefer wurde ein Hinweisschild angebracht. Allerdings brachten Info und Schild der Gegend keine Vorteile. Der geographische Mittelpunkt der DDR blieb unzugänglich, weil der Wald als militärisches Sperrgebiet bis zum Herbst 1989 nicht betreten werden durfte.

Quellen: Brandenburger Zeitungen; "Märkische Volksstimme" ("MV"); "Brandenburger Neuste Nachrichten" ("BNN"); Zeitschienen zur Deutschen Vereinigung

Literatur: Gebhardt, Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. 22, Die DDR 1949-1990, Stuttgart 2009;

Stuhler, Ed Die letzten Monate der DDR, Die Regierung de Maiziére und ihr Weg zur deutschen Einheit, Berlin 2010; Floh, Klaus Chronik der NVA, der Grenztruppen und der Zivilverteidigung der DDR 1956-1990, Berlin 2010; Chronik der Deutschen Sozialdemokratie Bd. 5 1987 bis 1990

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