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Heike Weißapfel 28.10.2015 10:15 Uhr
Red. Oranienburg, lokales@oranienburger-generalanzeiger.de

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Tunnel in die Freiheit

Glienicke (MZV) Sie wollten nicht hinter der Mauer bleiben und gruben sich kurzerhand unter ihr hindurch nach West-Berlin: Ein Dokumentarfilm zeichnet jetzt die Geschichte der drei Fluchttunnel von Glienicke nach. Dessen erste Präsentation haben am Dienstag etwa 200 Zuschauer verfolgt.

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Glienicker als Zuschauer, im Film und als damalige Tunnelbauer: Einige erkannten sich oder andere durchaus wieder.

© MZV

Eine Zwischendecke war noch mit dem Sand von damals gefüllt, als die Familie Aagaard ihr Haus 1994 zurückbekam. Die vorherigen Nutzer hatten es nicht einmal bemerkt, erzählt Detlef Aagaard und zeigt in seinem Haus in der Ottostraße auf die Wand. Alles hatten die Tunnelbauer mit Sand gefüllt, damals, im Jahr 1963, als sie unter den Augen der Grenzsoldaten, die unangemeldet ins Haus kamen oder auch nur, um sich im kalten Winter 1962/63 aufzuwärmen, den Tunnel in die Freiheit gruben.

Der Aagaard-Tunnel war der dritte seiner Art in Glienicke. Am sogenannten Entenschnabel an der heutigen Bundesstraße 96 war der Mauerstreifen nur wenige Meter breit, direkt hinter den Gärten der nächsten Anwohner galt der Schießbefehl. Zweimal hatten bereits Familien nach dem Mauerbau der Staatssicherheit die große Schmach einer erfolgreichen Flucht bereitet.

Die Geschichten der drei Fluchttunnel, durch die mehr als 50 junge und alte Menschen der DDR buchstäblich den Rücken kehrten, sind im Ort bekannt, ebenso wie der Archäologe Torsten Dressler, der sich auf die jüngere Geschichte spezialisiert und die Tunnel teilweise freigelegt und dokumentiert hat.

Jetzt hat sich Thomas Claus des Stoffs erneut angenommen. Der Dokumentarfilmer präsentiert das ernste Thema informativ und anschaulich und durch die vielen Interviews sehr lebendig und sogar spannend. Kleine Spielszenen mit jungen Glienicker Darstellern machen die Lebensgefahr und Abenteuerlichkeit der Situation deutlich. Gelegentlich darf gelacht werden - gerade deshalb, weil diese Fluchten geglückt sind. Die Tunnelbauer können selbst berichten und ihre damaligen Ängste und Gefühle noch einmal Revue passieren lassen. Sie bringen Entschlossenheit, Unbedarftheit oder auch Unwissenheit in der Rückschau zum Ausdruck. Einige sitzen nun im Publikum und kehren mit den Filmbildern in diese Zeit zurück.

Neben den Tunnelbauern kommt der ehemalige NVA-Offizier Hans Weinkauf zu Wort, ebenso Hans-Jürgen Schubart, der West-Berliner Polizist, der auf der anderen Seite des Stacheldrahts beim Ausstieg aus dem Becker-Tunnel geholfen hat. 28 Personen kletterten daraus hervor, inklusive Mutter Becker, die beim Anblick des Polizisten in Ohnmacht fiel, weil sie glaubte, noch auf DDR-Gebiet und erwischt worden zu sein.

Lucie Aagaard ist in den 1990er Jahren mit ihrer Familie in ihr Haus in Glienicke zurückgekehrt. Wer sie kennengelernt hat, erinnert sich an die trockene, treffsichere Art zu sprechen, die noch der alten Dame eigen war. Sie in Thomas Claus' Film als junge Frau zu sehen, die kurz nach der Flucht dem Sender Freies Berlin über ihre ersten Erfahrungen im Westen berichtet, ist ein Aha-Erlebnis. Auch die Badewanne hatten die Aagaards mit Sand gefüllt und mit Wäsche zugedeckt. "Wühlt ja keiner drin, in der schmutzigen Wäsche", sagt Lucie Aagaard mit viel Hintersinn.

Es sind solche kleinen Sätze, die den Dokumentarfilm sehr persönlich machen. Thomas Claus hat den Archäologen Dressler bei der Arbeit begleitet. Der klettert erklärend in die Grube des inzwischen längst wieder zugeschütteten Aagaard-Tunnels und zeigt an der verwachsenen Baumrinde die Spuren früheren Stacheldrahts.

Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat den Film mitfinanziert. Dr. Sabine Kuder, bei der Stiftung zuständig für diese Filmförderung, freut sich am Montagabend in der Alten Halle, dass der Film am authentischen Ort uraufgeführt werden konnte. Tausende von Menschen verließen die DDR kurz nach dem Mauerbau fluchtartig. Dass Tunnel von der Ostseite gegraben wurden, ist aber die Ausnahme. Die meisten entstanden durch Fluchthelfer aus dem Westen Berlins. Doch in Glienicke nahmen einige Wagemutige die Sache selbst in die Hand.

Im Gespräch mit Sven Kellerhoff - gemeinsam mit Dietmar Arnold selbst Autor eines Buches über Berliner Fluchttunnel - berichtet Thomas Claus, wie er originales Filmmaterial aufgespürt hat, das so noch nie gezeigt worden ist. Das Archiv des Bezirksamtes Reinickendorf sei dabei eine besonders gute Quelle gewesen. Als Bezirk mit der längsten Berliner Grenze sei aus Reinickendorf schon kurz nach dem Mauerbau viel auf Film dokumentiert worden. Private Aufnahmen, die Thomas Claus nutzen durfte, kamen hinzu - und nicht zuletzt war Niels Martin Aagaard ein passionierter Schmalfilmer.

Sich mit denselben Protagonisten auf verschiedenen Zeitebenen befinden zu können, mache auch den Rest seiner Arbeit aus, sagt Torsten Dressler. Er hat nicht nur gegraben, sondern sich besonders für die Aufzeichnungen der Stasi interessiert. "Das darf man nicht alles einfach als Wahrheit hinnehmen, was da geschrieben wurde", ist Dresslers Erfahrung. Die Schande für die Staatsmacht der DDR war so groß, dass die MfS-Mitarbeiter die Tunnelbauten hinterher in Zeichnungen und Fotografien akribisch festhielten, mit Erklärungen versahen, analysierten und auch mit Tendenzen versahen. "Das Schlimmste - die Flucht gelang ohne Hilfe aus dem Westen", heißt es im Film.

Der Film "Fluchtpunkt Entenschnabel - Die Tunnelbauer von Glienicke/Nordbahn" ist am Dienstag, 3. November, um 20.15 Uhr im rbb zu sehen.

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